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Lesermeinung Weniger Unterricht für Lehrer ab 63 in MV: Gute Idee – aber kaum umsetzbar
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Weniger Unterricht für Lehrer ab 63 in MV: Gute Idee – aber kaum umsetzbar

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15:48 20.01.2020
Falk Radisch ist Professor für Schulpädagogik mit den Schwerpunkten Schulforschung und Allgemeine Didaktik an der Universität Rostock. Quelle: OZ-Archiv
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Rostock

In der vergangenen Woche haben Landtag und Bildungsministerium bekannt gegeben, dass ab dem Schuljahr 2020/2021 Lehrkräfte ab 63 Jahren vier Stunden weniger unterrichten müssen. Diese Entlastung von älteren Lehrkräften ist nur zu begrüßen und längst überfällig.

Seit langem ist bekannt, dass der Anteil von Lehrkräften, die das Regelrentenalter erreichen, sehr gering ist. Ein Großteil scheidet vorzeitig aus dem Beruf aus – meist aufgrund gesundheitlicher Probleme. Burnout ist das größte Stichwort.

Die Gesamt-Belastung im Lehrberuf, die hohe Zahl zu unterrichtender Stunden spielen dabei ein große Rolle. Eine Reduzierung der Pflichtstunden ab 63 Jahren ist also ein guter erster Schritt, um es Lehrkräften zu ermöglichen, den Beruf bis zum Renteneintritt zu bewältigen.

Schon jetzt akuter Lehrermangel

Allerdings kommt die Maßnahme zu einer Zeit, da im Schulsystem bereits jetzt ein enormer Lehrkräfteersatzbedarf herrscht, der wohl kaum zu bewältigen ist. In derselben Woche fand beispielsweise im Landtag ein Expertengespräch des Bildungsausschusses zum Thema Lehrkräftemangel statt.

OZ-Umfrage: Finden Sie es richtig, dass ältere Lehrer künftig weniger unterrichten sollen?

Schon im letzten Schuljahr konnten nicht alle freien Lehrstellen mit neuen Lehrkräften oder Seiteneinsteigenden besetzt werden. Und für die kommenden fünf Schuljahre ist mit einem deutlich höheren Ersatzbedarf zu rechnen. Voraussichtlich werden allein im kommenden Schuljahr zwischen 1000 und 1200 neue Lehrkräfte in Mecklenburg-Vorpommern benötigt – auch wenn die mittlerweile fünf Jahre alte „aktuelle“ Prognose des Bildungsministeriums weit niedrigere Zahlen zeigt.

Wegfallende Stunden müssen ersetzt werden

Es ist die Frage, wie diesem immensen Bedarf begegnet werden soll. Absehbar ist, dass er wohl kaum durch frisch ausgebildete Lehrkräfte und Seiteneinsteigende gedeckt werden kann. Und die Folgen der Abminderung für ältere Lehrkräfte sind da noch nicht berücksichtigt. Genaue Zahlen werden leider nicht veröffentlicht, aber bei aktuell schätzungsweise 1000 Lehrkräften im Alter von mehr als 62 Jahren werden ab kommendem Jahr etwa 2000 Abminderungsstunden für die Altersentlastung anfallen (da es gegenüber der aktuellen Regelung nur zwei zusätzliche Stunden Entlastung sind) – Stunden, die also im ganzen Land weniger unterrichtet werden. Eine stolze Summe, die knapp 75 zusätzlich benötigten Vollzeit-Lehrkräften entspricht.

So wichtig und richtig die Maßnahme für die einzelnen Lehrkräfte sein mag, so bleibt in den Schulen und im Schulsystem doch die große Frage, wie diese Abminderungsstunden ausgeglichen werden sollen. Das Geld allein wird die Stunden wohl kaum übernehmen. Dafür bräuchte es Lehrkräfte, die für das Geld den Unterricht absichern. Woher soll man diese nehmen, wenn nicht stehlen?

Bayrisches Modell auch in MV?

Zu befürchten steht, dass aus der Not heraus andere Abminderungsstunden (etwa für Schulentwicklung, Inklusion, Schulleitungsaufgaben etc.) reduziert werden müssen – oder dass eine Variante des bayerischen Modells angewendet wird: Die Kolleginnen und Kollegen werden dort aufgefordert, über Mehrarbeit die Unterrichtsversorgung abzusichern. In Bayern wird wenigstens in Aussicht gestellt, dass diese Mehrarbeit in ein paar Jahren ausgeglichen wird.

So oder so würden beide Möglichkeiten (Reduzierung funktionsbezogener Abminderungen oder angeordnete Mehrarbeit) die gut gedachte und wichtige Maßnahme in der praktischen Realität ins Absurde drehen. Noch hätte man jedenfalls Zeit, geeignetere Maßnahmen zu erstellen.

Zum Autor:Falk Radisch ist Professor für Schulpädagogik mit den Schwerpunkten Schulforschung und Allgemeine Didaktik an der Universität Rostock. Er erstellte jüngst für das Bildungsministerium ein Gutachten, das Mängel in der Lehrerausbildung an der Uni offenbarte.

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Von Falk Radisch

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