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OZ-Redaktion Renaissanceburg Kurzen Trechow: Burgherr kauft und saniert Gutshaus seiner Vorfahren
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13:54 06.12.2019
Die Küche im Anbau des Gutshauses Kurzen Trechow bei Bützow bildet den Mittelpunkt der Familie v. l. Reimar (6), Urgroßmutter Hildegard (95), Hennecke (11), Anna-Luise (9), Nicole (48), Johanna (8) und Christian (56) Schierning. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Kurzen Trechow

Wenn Steine sprechen könnten, würden einige aus dem Erzählen gar nicht mehr herauskommen. Aber lassen wir sie doch mal plaudern – die Granitquader der Renaissanceburg Kurzen Trechow der Familie von Plessen in Bernitt bei Bützow. Dort leben Christian (56) und Nicole Schierning (48) mit ihren vier Kindern, der Oma, drei Hunden und sieben Katzen.

Schierning ist zurückgekehrt auf das Gut seiner Familie. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts residierte die mecklenburgische Adelsfamilie von Plessen auf der Gutsanlage, die zwischen 1150 und 1250 als Wasserburg aus 4000 tonnenschweren Findlingen erbaut und im 30-jährigen Krieg zerstört wurde. Um 1601 wurde das Gutshaus im Stile der Weserrenaissance zum repräsentativen Schloss umgebaut. Diesen Charme versprüht es noch heute.

2004 kaufte Christian Schierning das Familienanwesen der von Plessens zurück. Seitdem renoviert er die ehemalige Burg aus dem Mittelalter mit seiner Familie. 2009 wurde das Anwesen Denkmal von nationaler Bedeutung. Jetzt arbeitet die Familie an einem „Evolutioneum“ im alten Speicher und plant im Marstall Säle für Konzerte, Festlichkeiten und ein Restaurant. Die schönsten Bilder von Gut Kurzen Trechow wie es jetzt aussieht.

Christian Schierning ist 1987 mit seiner Mutter Maria-Therese (1925-2014) zurückgekehrt. Eher heimlich. Die Mama, die 1925 auf dem Gut geboren wurde und 2014 dort auch starb, war eine Geborene von Plessen und hatte sich vor der Wende mit einer Schulfreundin in der alten Heimat verabredet. 1987 quartierte sich Schierning mit der Mutter im Nachbardorf Penzin ein. Für drei Tage.

Damals besuchten sie das Gutshaus, das die Familie nach der Enteignung 1945 verlassen musste. Für ihn Liebe auf den ersten Blick: „Das war ein unglaubliches Gefühl. Ich kannte das Gebäude aus den Erzählungen zweier Generationen in- und auswendig und konnte imaginär darin spazieren gehen.“

„Wir saßen heulend vor dem Fernseher.“

Die Grenzöffnung erlebte er ’89 in seiner Heimatstadt Hamburg. „Meine Eltern schliefen, als die Bilder flimmerten. Ich habe alle geweckt. Dann saßen wir heulend vor dem Fernseher. Am nächsten Tag sind wir hierher gefahren.“ Damals waren im Gut Bürgermeisterbüro, LPG-Leitung, Kindergarten samt Küche und Konsum untergebracht. Schiernings mieteten 1991 ein Zimmer im Anbau. „Da haben meine Eltern und ich gewohnt, gearbeitet, gekocht, geschlafen.“

Kurzen Trechow von 1150 bis 2019

Zwischen 1150 und 1250soll an der Stelle eine Wasserburg als Grenzfestung erbaut worden sein. Die erhaltenen Granitquader deuten auf diese Zeit hin.

1601 ziehen Dietrich von Maltzan und dessen Ehefrau Elisabeth von Stralendorff auf das Gut. Im 30-jährigen Krieg wird die Burg völlig zerstört und Maltzan lässt sie im Stile der Weserrenaissanceschlösser wieder aufbauen.

In der Zeit von 1659 bis 1661 wird das Schloss von Hans Albrecht von Plüskow restauriert. 1783 wird das Gut an Johann Christoph von Philipp Ludwig Suhr und dessen Ehefrau Henriette von Plüskow verkauft.

Im Jahr 1800 baut der geadelte Schweriner Stallmeister Johann von Plüskow (geborener Stuhr) das Schloss um, die Granitquader werden verputzt, die Beletage in den oberen Räumen eingerichtet und die Wände mit Tapeten und Motiven des klassizistischen Trompe-l’œil-Stils von Künstlern aus Italien verziert.

Bis 1841 regieren die von Plüskows auf Kurzen Trechow. Die Güter werden an Friedrich von Oertzen und dessen Ehefrau Luise von Plessen verkauft.

1847 werden die Güter an Anna von Plessen verkauft.

Von 1910 bis 1913 lässt Reimar von Plessen den alten Küchenanbau aus dem Jahr 1785 abreißen und durch den neuen Anbau ersetzen.

1936 lassen Hennecke von Plessen und seine Ehefrau Gräfin Therese Razcynski das Gutshaus renovieren.

Bis Kriegsende 1945 wirtschaftet und lebt Familie von Plessen auf Gut Kurzen Trechow. 1945 flüchtet die Familie vor den russischen Truppen.

Bei der Bodenreform 1946 verhindert die russische Kommandantur die Sprengung der Burganlage. Die Familie wird enteignet. 1947 kann Maria Therese von Plessen, Tochter des vertriebenen Gauwirtschaftsberaters und Geheimdienstoffiziers Hennecke von Plessen, auf der Burg knapp einer Verhaftung entkommen.

1987 kehrt Maria Therese Schierning (geborene von Plessen) mit ihrem Sohn Christian erstmals wieder nach Kurzen Trechow zurück.

1990 zieht Christian Schierning mit seinen Eltern in ein kleines Zimmer im Anbau des Gutshauses. Die Familie beginnt im kleinen Rahmen Landwirtschaft auf dem Gut zu betreiben.

Erst 2004 kann Schierning das Gut für 120 000 Euro zurückkaufen.

2009 wird die Anlage als Denkmal von nationaler Bedeutung ausgezeichnet.

Am 29. August 2019 steigt das erste große Festspielkonzert vor 700 Gästen im Marstall des Schlosses mit dem Percussionisten Alexej Gerassimez und den Rostocker Philharmonikern.

Und Rückkauf? „1990 – keine Chance! Alteigentümer aus dem Westen von adeliger Herkunft: Das war der Inbegriff des Besserwessis.“ So habe er sich aber nie gesehen. Er wollte nur zurück zu den Wurzeln der Familie. „Ich bin hier nicht im Rolls Royce vorgefahren. Ich kam von unten, war Vertreter für Gillette, bin übers Land gezogen von Bützow bis Binz und habe Werbedisplays aufgestellt.“

„Haut ab, ihr Millionäre!“

Nach der Wende habe die Familie dort sehr bescheiden gehaust. Im Schloss war eine Kneipe. „Da gab es Technopartys und Schnapsleichen im Park. Einmal hat ein Besoffener meiner Mutter in den Hintern getreten, als sie mit meinem Neffen vom Baden im See kam, und geschrien: ’Haut ab, ihr Millionäre!’. Meine Eltern sind Flüchtlinge. Wir sind alles andere als Millionäre.“

Das Gutshaus Kurzen Trechow wurde 1601 als Renaissancebau errichtet und hat seitdem eine bewegte Geschichte. Seit 1843 gibt es Bilder von der Anlage.

Schierning hatte in Hamburg und Karlsruhe BWL studiert. Später hat er als Manager für Sierra Tequila gearbeitet. Dann wollte ihn Familie von Bismarck als Markenmanager für den Bismarck-Schnaps. Der Vertrag lag unterschriftsreif vor. Aber er hatte eine andere Entscheidung getroffen. Um eine Chance auf das Familiengut zu haben, musste er Landwirtschaft betreiben. Seine Mutter hatte das noch gelernt.

Mit 33 Jahren noch mal die Schulbank gedrückt, um Bauer zu werden

Die Familie kaufte sechs Hektar, pachtete 230 weitere und bewirtschaftete das Land. Schierning wurde Bauer. „Ich habe noch mal die Schulbank gedrückt in Güstrow und eine Ausbildung zum Landwirt gemacht.“ Mit 33 Jahren als Betriebswirt.

Jetzt bewirtschaften sie auf dem Familiengut 1200 Hektar mit Weizen, Raps, Zuckerrüben und Forstwirtschaft. „Wir versuchen, nachhaltig zu wirtschaften, regenerative Energien zu nutzen wie Solar und Windkraft.“ Zurückkaufen konnte er das Gut erst 2004. Bis dahin wurde ihm der Kauf von der Gemeinde verwehrt. Das hänge, glaubt er, mit der Familiengeschichte zusammen.

Der schlechte Ruf des Adels im Osten. Dazu noch die NSDAP-Vergangenheit. Sein Ur-Großvater Reimar von Plessen (1864-1935) war Major der Reserve. Dessen Sohn Hennecke von Plessen (1894-1968) war von 1933 bis 1942 Gauwirtschaftsberater der NSDAP in Mecklenburg.

Inka Bause kam ihm mit „Bauer sucht Frau“ gerade recht

Selbst als die Gemeindevertretung von Bernitt 2003 beschlossen hatte, ihm das Schloss zu verkaufen, gab es noch Widerstände. Der Preis sei von 70 000 auf 120 000 Euro gestiegen. Aber mit finanzieller Unterstützung einer Tante konnte Schierning das Anwesen kaufen. Und dann kam das Glück per TV – Nicole.

„Wie wir uns kennengelernt haben – völlig schräge Geschichte!“

Die Ehefrau erinnert sich: „Wie wir uns kennengelernt haben – eine völlig schräge Geschichte.“ Ihr Mann lebte damals auf dem Gut. Sie war Krankenschwester in Kiel. „Ich wusste, dass es eher schwierig wird, eine Frau hierherzukriegen“, erinnert er sich lachend. Da kam Inka Bause mit ihrem neuen TV-Format gerade recht: Schierning bewarb sich bei der ersten Staffel von „Bauer sucht Frau“ von RTL. „Eigentlich hatte ich mir öffentliche Aufmerksamkeit für unser Gut erhofft.“ Nicole und eine andere Dame wurden für das Format ausgesucht.

„Wir waren wohl für das Privatfernsehen nicht trashig genug.“

Schierning durfte sie medienromantisch per Kutsche vom Bahnhof in Bützow abholen. „Aber wir haben schnell gemerkt, dass die uns gegeneinander ausspielen wollen“, sagt Nicole Schierning. Sie seien vom TV-Team sogar abgehört worden. Letztlich sei die Folge mit Kurzen Trechow nie gesendet worden. „Wir waren fürs Privatfernsehen nicht trashig genug.“

Aber sie haben sich heimlich wieder getroffen, als das TV-Team abgereist war. Und ohne Kameras kam die Liebe. 2007 wurde geheiratet, 2008 kam Sohn Hennecke, benannt nach dem Ur-Großvater, zur Welt. Anna-Luisa (9), Johanna (8) und Reimar (6) folgten. Nun sind die Schiernings da, wo sie hinwollten. „Wir leben das Leben, wie es früher einmal war – das einer Großfamilie“, sagt Christian Schierning. So könne man doch erst den Sinn des Lebens verstehen.

„Ich kann Geschichten meiner Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter aus dem 17. Jahrhundert erzählen.“

„Von meiner Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter kann ich Geschichten aus dem 17. Jahrhundert erzählen. Die hat den Hof bewirtschaftet und war emanzipiert, als es das Wort noch nicht gab. Die Geschichten, die man über Generationen in der Familie weitergibt, geben einem die Möglichkeit, die Dimensionen des eigenen Daseins zu erfassen“, sagt er.

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„Mein Mann lebt das Gegenteil von Mainstream. Der ist ein Bewahrer.“

Der Schlossherr wirkt dann glückselig, aber auch ein wenig wie ein Getriebener der eigenen Herkunft. Nicole Schierning drückt das so aus: „Mein Mann lebt das Gegenteil von dem, was heute fast alle leben. Das Gegenteil von Mainstream. Das Gegenteil von Schnelllebigkeit. Der kann sich nicht trennen. Er ist ein Bewahrer.“

In einem der vier sanierten Schlosszimmer hat er so etwas wie ein Museum eingerichtet. Fossilien aus ganz Europa. Früher sei er mit seinem Vater oft auf Schatzsuche gewesen. Das alles soll ab 2022 in einer erdgeschichtlichen Fossiliensammlung ausgestellt werden. Derzeit saniert die Familie den Speicher und den Marstall mit Fördermitteln und Familienkapital.

Erstes Marstall-Konzert mit 700 Gästen

In diesem Jahr gab es vor 700 Gästen das erste große Konzert der Festspiele MV mit dem Percussionisten Alexej Gerassimez. „Der ist hier erstmal in den See gesprungen“, sagt Schierning. Direkt nach dem Kauf der Anlage habe es ein kleines Konzert der Reihe Junge Elite gegeben. Nächstes Jahr folgt das dritte Festspielkonzert mit den Rostocker Philharmonikern.

Außerdem will Schierning dort Restaurant und Café einrichten. Heiraten könne man schon jetzt auf dem Schloss. 2022 auch im Marstall. „Wir bieten die Räume für Festlichkeiten und Tagungen aller Art und wären viel weiter, wenn uns das Landesamt für Denkmalpflege das Leben nicht so schwer gemacht hätte.“

Seit 2009 Denkmal von nationaler Bedeutung

2009 sei die ehemalige Burg zu einem Denkmal von nationaler Bedeutung erklärt worden, trotzdem lege man ihm immer noch Steine in den Weg, sagt er. „So ein Haus zu übernehmen, ist eine Lebenseinstellung. Unsere Wurzeln sind hier. Und dieses Haus ist wie der Ostseestrand: Es spült einem ständig neue Menschen vor die Haustür.“ Familie Schierning öffnet gern.

Events auf Schloss Kurzen Trechow

Am 7. Dezember startet der Adventsmarkt mit Tannenbaumverkauf aus dem eigenen Gutsforst um 10 Uhr (bis 18 Uhr).

Am 20. Juni 2020 lädt das Schloss zur Sommerremise mit Führungen über die Gutsanlage von 10 bis 22 Uhr.

Am 16. August 2020 laden Festspiele zum dritten Festspielkonzert auf Kurzen Trechow, dem zweiten im Marstall, mit der Rostocker Philharmonie. Der Solist wird erst am 27. November von den Festspielen bekannt gegeben. Beginn 16 Uhr.

Am 6. September 2020 lädt das Schloss von 10 bis 18 Uhr zum Tag des offenen Denkmals.

Am 5. Dezember 2020 gibt es erneut den Adventsmarkt von 10 bis 18 Uhr.

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Von Michael Meyer

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