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OZ-Redaktion Familie Hager hat in Hamburg ein Schlösschen und in Vietgest ein Schloss
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13:57 06.12.2019
Miriam (49) und Helge Jan (50) Hager haben sich Schloss Vietgest zwischen Güstrow und Teterow gekauft. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Vietgest

Sie lieben die Veränderung. Und sie lieben die Beständigkeit. Miriam und Helge Jan Hager haben in ihrem Leben schon viel erlebt, gemeinsam entwickelt, gewuppt und gesehen – und sie haben sich. Das klingt richtig romantisch, wenn heutzutage ein Paar sagen kann: „Wir kennen uns seit der Schulzeit.“ Helge Jan Hager (50) sagt: „In der fünften Klasse war das. Da haben wir uns kennengelernt.“ Er weiß das genau, weil er sie so unsympathisch fand. Vor allem im Englischunterricht.

„Du hast ständig brilliert!“

Jungen in dem Alter finden Mädchen in dem Alter nun mal unsympathisch, weil die Mädchen in dem Alter meist besser vorbereitet sind. Er sagt: „Du hast ständig brilliert!“ Und Miriam Hager (49) sagt: „Das war nicht in der Fünften. Das war später.“ Letztlich haben beide recht: Er erinnert sich daran, wann er sie wahrgenommen hat, und sie sich daran, wann sie ihn wahrgenommen hat. Jungen können in dem Alter froh sein, wenn gleichaltrige Mädchen sie überhaupt wahrnehmen.

Miriam und Helge Jan Hager bauen Schloss Vietgest zu einer historischen Location für Hochzeiten, Familienfeiern aller Art, Konzerte oder Lesungen aus.

Seit 1988 sind die beiden Hamburger ein Paar. 31 Jahre. Davon 26 Jahre Ehe. Das ist eine Ewigkeit, fast ein halbes Leben und mindestens so lange Liebe, dass man dafür eigentlich den Friedensnobelpreis kriegen müsste. Die Hagers haben zwei fast erwachsene Töchter – Fabiana (19) studiert in Hamburg Ostasienwissenschaften und Mathematik und Malena (17) macht ihr deutsches und französisches Abitur. Sie haben mehrere Ausbildungen, Länder und zwei Schlösser im Lebensgepäck.

Seit fünf Jahren betreiben sie Alsterschlösschen Burg Henneberg

Seit fünf Jahren betreiben sie in Hamburg das Alsterschlösschen Burg Henneberg als Kulturlocation. Und jetzt haben sie Schloss Vietgest gekauft. Auch dieses nachbarocke Kleinod zwischen Güstrow und Teterow, das von 1792 bis 1794 gebaut zwar weder dem Barock noch dem darin enthaltenen Rokoko zugeordnet werden kann, aber eindeutige Stilelemente dieser Epoche trägt, soll Heimstatt für Veranstaltungen aller Art werden. Das Motto der Hagers: Vietgest – dein Schloss. Für Hochzeiten, Feiern, Konzerte, Lesungen, Kulturevents.

Frankreich hat 1500 Schlösser. Gefühlt 500 hat er mir gezeigt.“

Dass es mal in die Schlösserrichtung geht, weiß Miriam Hager seit Jahren. „Frankreich hat 1500 Schlösser. Gefühlt hat er mir 500 davon gezeigt. Und bei Helge besteht immer die Gefahr, dass er einfach mal eines aus Versehen kauft. Ich wollte aber nie in Frankreich leben.“ Argentinien ja, Deutschland ja, Mecklenburg gern, Frankreich nein. Warum? Dafür zitiert Miriam Hager Kurt Tucholsky: „Den Deutschen muss man verstehen, um ihn zu lieben; den Franzosen muss man lieben, um ihn zu verstehen.“

Junges Schloss, kurze Historie

Das Herrenhaus Vietgest im Landkreis Rostock – gelegen auf der Strecke zwischen Güstrow und Teterow recht nahe an der A 19 – ist eines der Schlösser jüngeren Datums in Mecklenburg-Vorpommern. Gebaut wurd das heutige Schloss in der Zeit von 1792 bis 1794. Urkundlich erstmals erwähnt wurde Vietgest 1346. Im 15. Jahrhundert war der Ort in Kleinen Vietgest mit zwei Bauernhöfen und einer Kossatenstelle sowie Großen Vietgest mit vier Höfen und dem Adelshof, der bis ins 17. Jahrhundert von einer Familie von Oldenburg bewohnt war. 1786 wird ein Johann Friedrich Boldt als Eigentümer genannt, der den Barockbau als solchen auch in Auftrag gab, obwohl das Schloss erst ab 1792 im Klassizismus errichtet worden ist. Dafür sollen Steine aus dem Güstrower Schloss verwendet worden sein.

1819 erwirbt Baron Cornelius von Herzeele das Gut. 1841 kauft Fürst Georg Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, dessen Familie im Großraum Güstrow mehrere Güter und Land gehören. Die Familie zu Schaumburg-Lippe bleibt bis zur Enteignung 1945 Eigentümer in Vietgest. Später wurde das Herrenhaus von der Ost-CDU als Ferienheim genutzt und zwischen 1985 und 1990 restauriert.

Nach der Wende wurde das Schloss als Hotel und später als Restaurant geführt. 2013 wurde das Anwesen zwangsversteigert. Der aus Dänemark stammende Land- und Forstwirt Anders Tind Kristensen aus der Nachbarschaft kaufte das Anwesen, ließ es grundsanieren und verkaufte es 2019 an das Hamburger Ehepaar Miriam und Helge Jan Hager, die dort den Festsaal für Veranstaltungen aller Art und auch für kulturelle Zwecke öffnen wollen. Die ersten Konzerte finden bereits jetzt im Dezember 2019 als Adventskonzerte statt. Mittelfristig soll man auch das gesamte Haus buchen können.

Infos: www.schloss-vietgest.de (Mobil: 0170 / 999 54 32; info@schloss-vietgest.de).

Sie habe nun mal in Argentinien gelebt, einem Land, wo die Menschen ihr Herz in der Hand tragen. Danach sei Frankreich schwierig, sagt sie. Ob Mecklenburg dann einfacher wird, sei mal dahingestellt. Aber sie wollen es versuchen und spätestens im Sommer 2020 in Vietgest leben. Schon jetzt organisieren sie dort eher spartanisch und leicht improvisiert Adventskonzerte. Im Frühjahr 2020 soll das Kulturprogramm auf Vietgest richtig losgehen und 2020 soll das Schloss so weit renoviert sein, dass man dort auch übernachten kann.

Seit 1988 gemeinsame Liebe zu alten Gemäuern

Diese Liebe zu alten Gemäuern geht schon auf die Anfänge ihrer Beziehung 1988 zurück, als sie als Jugendliche mit den Hunden im Hamburger Umland spazieren gegangen sind und bei Prachtbauten gemeinsam gesponnen haben, was man daraus alles machen, was man darin alles machen könnte. Aus Spinnerei und Träumerei ist Ernst geworden. Doch dazwischen liegen zwei Studiengänge, die Länder Frankreich und Argentinien, die Familie, eine Firmengründung und eine Umschulung. Miriam Hager hat Betriebswirtschaftslehre studiert, ihr Mann hat nach dem Ingenieurstudium in Lyon und Hamburg bei Paris in der Automobilbranche gearbeitet.

2010 mit den beiden Töchtern für drei Jahre nach Buenos Aires gezogen

Die Hochzeitsreise hat sie 1993 nach Argentinien verschlagen. Bereits damals haben sie sich versprochen, dort einmal gemeinsam zu leben. 2010 sind sie mit den Töchtern nach Buenos Aires gezogen. Helge Jan Hager hat den Ingenieurberuf an den Nagel gehängt, Yogalehrer gelernt und Osteopathie studiert. Miriam Hager hat von dort aus ihre Hamburger Außenhandelsfirma Interfrost, eines der Standbeine der Familie, weitergeführt. „Die Menschen in Argentinien haben immer gedacht, wir sind wegen des Berufs dorthin gezogen. Wenn wir gesagt haben, dass wir das gemacht haben, weil wir mal da leben wollten, waren die überrascht.“ Aber positiv.

„Schloss Henneberg in Poppenbüttel ist unsere kleinste Burg der Welt“

Die Burg Henneberg in Hamburg-Poppenbüttel haben die Hagers vor drei Jahren gekauft. Sie nennen sie liebevoll ihre „kleinste Burg der Welt“ und haben dort mehr als 500 Konzerte und gut 100 Hochzeiten organisiert. Die Anlage ist der im Maßstab 1:4 originale Nachbau der Burg Henneberg im thüringischen Meiningen der Grafen Henneberg aus dem 11. Jahrhundert.

Das Geschäftsprinzip in der Anlage, die zum Teil über eine Stiftung betrieben wird, ist familiär. Neben den Konzerten, Lesungen, Zaubershows, zu denen die Gastgeber laden, kann man die kleine Burg auch mieten. Für einen Abend oder ein Wochenende. „Da haben Sie auf Ihrer Hochzeit die Burg für sich allein und werden nicht gestört, weil ein Saal weiter noch eine Hochzeit gefeiert wird“, sagt Hager.

„Bräute sind alle schwierig.“

Immerhin sei die Hochzeit einer der wichtigsten Tage des Lebens und soll auch als einer der schönsten in Erinnerung bleiben. Da seien die Erwartungen oft hoch und manche Bräute sind ja auch schwierig. „Bräute sind alle schwierig“, lacht Miriam Hager. Daher sei ihr Mann auch dafür zuständig. „Der ist vom Sternzeichen Löwe und auch Partylöwe. Der spricht auch immer von seinen Bräuten“, sagt Miriam Hager.

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Partylöwe, Bräutesammler, Schlösserliebhaber, Eventmanager

„Beruflich ist mein Mann Partylöwe, Bräutesammler, Schlösserliebhaber und Eventmanager.“ Jetzt macht er noch eine Ausbildung zum Heilpraktiker, damit er später in Vietgest seine Osteopathie-Praxis betreiben kann.

Das Prinzip des Alsterschlösschens wollen sie nach Mecklenburg importieren. Nur, dass sie mit dem Barocksaal im ersten Geschoss, dem Saal im Parterre, dem Balkon über dem Wintergarten und dem Schlosspark ganz andere Möglichkeiten hätten als in Poppenbüttel. „Burg Henneberg ist unser Schlösschen. Vietgest ist unser Schloss“, sagt der Partylöwe, der auch als Standesbeamter fungiert. Überhaupt hätten die Menschen vom Dasein als Schlossbesitzer völlig falsche Vorstellungen. In erster Linie bedeute das Arbeit jeglicher Art: Vom Gastgeben übers Sanieren bis zum Kloputzen, Treppesaugen oder Rasenmähen.

„Manche nennen sie La Comtesse, ich sage: meine Zarin!“

Bei fünf Hektar natürlich etwas anderes als am Reihenendhaus. „Ich habe in Vietgest mal angefangen, den Rasen vor dem Schloss mit ’nem Handrasenmäher zu mähen, habe aber schnell gemerkt, dass das nichts bringt, wenn ich in meinem Leben noch etwas anderes machen möchte als Rasen mähen“, lacht er.

Seine Frau sei Unternehmerin und „meine Zarin“. Manche nennen sie auch La Comtesse, wenn sie hier durchs Schloss schlendert. Nur Burgfräulein oder Prinzessin, das passe nicht zu ihr.

Adventskonzerte auf Schloss Vietgest

Vor gerade mal zwei Monaten hat Familie Hager aus Hamburg, die dort das Alsterschlösschen Burg Henneberg als Event-Burg betreiben, Schloss Vietgest gekauft. Bereits im Dezember laden sie zu Adventskonzerten. Zum 1. Advent am Sonntag, den 1. Dezember, spielt dort das Duo Stella’s Morgenstern mit Stella Morgenstern (Gesang, Flöte, Ukulele u. a.) und Andreas Hecht (Gesang, Gitarren u. a.) das Programm „Weihnukka – Lieder zu Weihnachten und Chanukka“.

Am 2. Advent, Sonntag, 8. Dezember, lädt Carmen con Cello zu einem Kammerkonzert mit Sopran, Piano und Cello. Die französische Sopranistin Vérène Andronikof, der litauische Cellist Vytautas Sondeckis und die russische Pianistin Vera Bogdanchikova spielen ausgewählte Arien aus der Oper Carmen und brasilianische Volksmelodien.

Am dritten Advent, Sonntag, 15. Dezember, spielt der weißrussische Pianist und Komponist Leon Gurvitch eine besinnliche Weihnachtsrevue unter dem Titel „Joy the World“.

Am vierten Advent, Sonntag, 22. Dezember, gibt es eine Autorenlesung und Weihnachtslieder mit dem Autor Janne Mommsen.

Einlass zu allen Veranstaltungen mit Kaffee und Kuchen ist jeweils um 15 Uhr. Die Konzerte und die Lesung beginnen um 16 Uhr. Zu allen Veranstaltungen sind Voranmeldungen nötig. Mobil: 0170 / 999 54 32. Mail: info@schloss-vietgest.de. Infos: www.schloss-vietgest.de

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