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OZ-Redaktion Rostock: Der 9. November 1989 in der Provinz
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06:00 09.11.2019
Thomas Neuhold, Redakteur bei der österreichischen Zeitung „Der Standard“, berichtete im November 1989 aus Rostock. 30 Jahre später kam er wieder in die Hansestadt. Quelle: Bernhard Schmidtbauer
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Rostock

Thomas Neuhold reist Anfang November 1989 in die DDR, auf Einladung der Liga für Völkerfreundschaft. In Berlin angekommen, ahnt der damals 24-Jährige Journalist aus Österreich nicht, dass ihn mehr als nur ein Land im Umbruch erwartet. Er schreibt für die „Volksstimme“, die Zeitung der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Als sich am 9. November in Berlin die Mauer sowie DDR-weit die Sperranlagen an der deutsch-deutschen Grenze öffnen, erlebt Neuhold Weltgeschichte – auch in Rostock.

Niemand in der DDR-Hauptstadt habe damals einen Überblick gehabt, erinnert sich Neuhold. Besser beurteilbar für ihn sei dann die Dimension der Entwicklung mit Distanz zur Hauptstadt gewesen. „Der Chauffeur, der uns herumfuhr, hatte die Idee, auch nach Rostock zu fahren“, erzählt er.

In der Hafenstadt sind am 9. November – einem Donnerstag, also Demo-Tag in Rostock – Zehntausende Menschen auf den Straßen. „Damit war klar: Dieser Prozess ist unumkehrbar“, erinnert er sich. Und in seinem Bericht unter der Schlagzeile „Das Volk hat die Sprache wieder“ schreibt er – stark beeindruckt – über das Geschehen an der Warnow: „Disziplinierter können Demonstrationen nicht verlaufen. Die Aufforderungen zur Gewaltlosigkeit wirken. So ist in Rostock, einer Stadt in der Größe von Graz, bei rund 50 000 Demo-Teilnehmern kein einziger Polizist notwendig. Nicht einmal zur Verkehrsregelung.“ Ebenso berichtenswert für ihn: Die Menschen demonstrieren in Rostock am 9. November auch im Gedenken an die jüdischen Opfer der Herrschaft der Nationalsozialisten.

30 Jahre nach dem Herbst 1989, nach den aufregenden Novembertagen, fährt Neuhold erneut nach Rostock. „Ich will sehen, wie die Zeit der Wende, des Umbruchs heute in der Stadt präsent ist“, erklärt er. Und er beschreibt für seine Zeitung „Der Standard“, was er während seines Besuchs sieht und erlebt. „Die Kröpeliner Straße sieht aus wie alle anderen Einkaufsstraßen in irgendwo, austauschbar und gesichtslos. Die gleichen internationalen Bekleidungsgeschäfte, die gleichen Fast-Food-Ketten“, das fällt ihm sofort auf.

Die Kommerzialisierung der Geschichte treibe – auch in Rostock – immer wieder seltsame Blüten. Ein Beispiel sei ein Plakat, das in der Innenstadt für die Rostocker Weinmesse wirbt. „Das Sujet zeigt die Figuren der Gedenkstätte revolutionärer Matrosen am Rostocker Stadthafen“, berichtet Neuhold. Die roten Matrosen der Novemberrevolution von 1918 müssten heute „als Werbebotschafter für Rotwein herhalten“. Dagegen ist die Wende nicht besonders präsent, konstatiert der Journalist. Auch – oder gerade – nicht im 30. Jubiläumsjahr. Dabei könnten wenigstens zwei bekannte Namen fallen. Der vom späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck, der im Stadtteil Evershagen als Pastor wirkte. Der Ehrenbürger von Rostock spielt jedoch in keinem seiner Gespräche eine Rolle, sagt Neuhold. Und der Name des großen Sozialdemokraten Willy Brandt, der am 6. Dezember 1989 in der Rostocker Marienkirche in einer legendären Rede mahnte, dass sich der Westen gegenüber dem Osten nicht „als Vormund aufschwingen“ solle. Im Gegenteil, die Einheit müsse in einem „gleichberechtigten Zusammenwachsen“ gelingen. Diese Worte dürfe man „rückblickend im freundlichsten Fall als reichlich naiv werten“, meint Neuhold.

Heute sei im Nordosten der Durchmarsch der Rechten das bestimmende Thema, viel mehr als die Wende im Herbst 1989, ist Neuhold überzeugt. Von Gesprächspartnern habe er gehört, dass das Trauma von Lichtenhagen 1992 eigentlich das zentrale Thema der Erinnerungsarbeit in Rostock sei. Der Mord der Terrorgruppe NSU, des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, an dem jungen Türken Mehmet Turgut (25) in Rostock sei „als Referenz an Lichtenhagen“ erfolgt, hat Neuhold gehört. Turgut war am 25. Februar 2004 im Stadtteil Toitenwinkel mit drei Kopfschüssen ermordet worden.

Beim Thema Nazi-Terror reagiert der aus Graz stammende Neuhold sehr dünnhäutig. Welches Leid damit verbunden ist, weiß er aus seiner Familiengeschichte: „Ich habe so gut wie keine Verwandten, fast alle sind von den Nazis ermordet worden“, berichtet er. Die Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter wurden aus politischen Gründen getötet.

Von Bernhard Schmidtbauer

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