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OZ-Redaktion Videotheken in MV kämpfen ums Überleben
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13:21 01.12.2019
In Mecklenburg Vorpommern mussten seit der Wende zahlreiche Videotheken schließen. 2017 machte auch die Videothek in Grimmen dicht. Quelle: Norbert Fellechner
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Waren/Parchim/Schwerin

Horrorfilme mag Manuela Hamann nicht. „Und solche Horrorbotschaften will ich schon gar nicht hören“, sagt sie, als sie von der Schließung einer Videothek in Parchim (Ludwigslust-Parchim) erfährt. In Waren betreibt sie selbst eine und hofft nach wie vor auf ein Happy End für ihren „Filmriss“. Diesen Namen fand sie damals ganz passend, als sie die Videothek übernahm – schließlich betrieb sie auch noch eine Kneipe, in der es ebenso zum Filmriss kommen konnte wie bei den zu jener Zeit noch üblichen VHS-Kassetten. Das war Mitte der 90er Jahre – als an einem Tag so viele Kunden kamen wie heute insgesamt unter der Woche.

Kunden lassen sich gern beraten

Rund 12 900 DVD- und Blue-Ray-Exemplare besitze sie, sagt die 51-Jährige, doch nur wenige verlassen das Regal. „Es ist natürlich auch wetterabhängig, aber am Wochenende kommen etwa 40 bis 50 Kunden, unter der Woche vielleicht insgesamt 20 bis 30 – so viele wie früher an einem Tag“, berichtet sie. „Es ist wirklich schwierig geworden, weil immer mehr Menschen eher eine Beziehung mit der digitalen Welt führen als mit anderen Menschen.“ Internet und Streamingdienste wie Netflix und Co – wer geht da in die Videothek? „Die Leute, die zu mir kommen, sind welche, die gerne reden und sich beraten lassen möchten. Man ist ein bisschen wie ein Friseur geworden.“

Zahlen gehen kontinuierlich bergab

Ihr Job als Videothekarin ist schon länger vom Aussterben bedroht. Seit Anfang der 2000er Jahre gehe es in der Branche kontinuierlich bergab, berichtet Jörg Weinrich vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland, der – abweichend von den IHK-Zahlen – für Mecklenburg-Vorpommern vier Videotheken verzeichnet hat. Nicht nur Streamingdienste machten ihnen das Leben schwer. „Die Videotheken können sich bemühen wie sie wollen, solange die Filme auch illegal im Netz verfügbar sind, haben sie kaum eine Chance“, sagt er. „In zwei, drei Jahren wird es wohl schon noch Videotheken geben. Wie das in zehn Jahren aussehen wird, dazu möchte ich keine Prognose abgeben.“

Videotheken kombiniert mit Kneipe

Im Bereich der Industrie- und Handelskammer (IHK) Neubrandenburg etwa schrumpfte die Zahl der Videotheken von 34 im Jahr 2005 auf sechs in diesem Jahr. Auch die Rostocker IHK zählt noch sechs Videotheken, „teilweise kombiniert mit einer Kneipe oder dem Verkauf von Süßigkeiten“, wie eine Sprecherin mitteilte. Die IHK Schwerin berichtet von drei Videotheken: Bei zwei von ihnen sei allerdings davon auszugehen, dass es sie nicht mehr gebe, weil keine Kontaktdaten mehr hinterlegt seien, hieß es. Eine weitere – in Parchim – schließe demnächst.

Parchimer Verleih macht zu

Für Maik Micheels „Video Aktuell“ in Parchim läuft bereits der Abspann – am 23. Dezember ist Schluss, nach mehr als 28 Jahren. „Ich hätte gern die 30 Jahre geschafft oder auch bis zur Rente durchgehalten, aber ich musste einsehen, dass es so nicht weitergeht“, sagt der 53-Jährige. „Es passiert nie, dass gar keiner kommt. Aber im Sommer waren auch mal nur drei Filme draußen“, erzählt er. Manche nutzten seinen Verleih noch aus Kostengründen, andere wegen der Bildtechnik – „die haben einen riesigen Fernseher und da ist die Blue-Ray immer noch unschlagbar“.

Zukunft nur mit besonderen Konzepten

Die Kunden, die immer noch kämen, tauschten sich auch gerne darüber aus, sagt Micheel. Doch seit einem Medienbericht über seine bevorstehende Schließung kennt er sein persönliches „Unwort des Jahres“: „Schade“. Das höre er seitdem von jedem, der seinen Laden betrete. An eine Zukunft für klassische Videotheken glaubt er nicht, für Betreiber mit besonderem Konzept und in größeren Orten sieht er durchaus Chancen. „In der Großstadt kann ich mir das vorstellen, aber hier auf dem flachen Land eher nicht.“

Betreiber hat nach Schließung noch viel vor

Micheel wollte es zunächst noch in Kombination mit einem Kiosk versuchen. „Aber ich habe jetzt keinen Drive mehr, die Luft ist raus“, sagt er. Er habe schon lange nebenbei als Natur- und Landschaftsführer im Nationalpark und als Reiseleiter gearbeitet, das wolle er jetzt ausbauen. „Ich falle nicht in ein Loch. Ich bin froh, dass ich mich dazu durchgerungen habe, zu schließen.“

Manuela Hamann in Waren würde Kontakt zu Kunden fehlen

Auch Manuela Hamann in Waren lebt nicht allein vom „Filmriss“. Ihren einzigen festen Mitarbeiter habe sie vor drei Jahren entlassen müssen, sie selbst arbeite seit einigen Wochen noch stundenweise in einem Pflegestift, „sonst würde das nicht mehr funktionieren“. Hamann hofft auf eine Zukunft für ihren „Filmriss“. „Der Kontakt zu den Menschen würde mir fehlen“, sagt sie. „Die Videothek hat bisher mein Leben bestimmt.“

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Von Dorit Koch