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Schau mal, was uns da blüht
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00:00 15.03.2018
Sie hat Hasel und Co. im Blick: Marlis Thoms (65) arbeitet ehrenamtlich als Phänologin für den Deutschen Wetterdienst. Quelle: Foto: Dietmar Lilienthal
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Walkendorf Ausbau

Wie Perlen schmücken zarte Knospen die Zweige der Kornelkirsche. Grüne Farbtupfer an diesem sonst so grauen Märzmorgen. „Ein wenig Sonne brauchen sie noch, dann gehen sie auf. Und wenn es so weit ist, muss ich flitzen“, sagt Marlis Thoms (65) und lacht. Den Moment, in dem sich am Hartriegel die ersten Knospen öffnen und ihr leuchtend gelbes Innenleben preisgeben, will, ja darf Marlis Thoms nicht verpassen. Sie ist phänologische Beobachterin. Vom Jahreszeiten-Wandel der Natur nimmt sie im Dienst der Wissenschaft Notiz – im wahrsten Sinne des Wortes: Marlis Thoms protokolliert für den Deutschen Wetterdienst (DWD), wie sich in Walkendorf Ausbau, einer Siedlung bei Tessin (Kreis Rostock), Wild- und Kulturpflanzen entwickeln. Wann rieselt der erste Pollen vom Haselstrauch? Wann ist der erste Apfel reif und wann verfärbt sich das Laub der Kastanie? Sobald sich an sogenannten Zeigerpflanzen etwas tut, schreibt Marlis Thoms es in ein Pflanzen-Tagebuch. An dem, was in solchen Heftchen steht, können Meteorologen viel ablesen: etwa, wie das Wetter wird, wann Bauern mit der Erntezeit rechnen können, wann Allergiker sich mit Heuschnupfen-Medizin eindecken sollten oder wie sich das Klima verändert.

42 Laien sammeln in Mecklenburg-Vorpommern phänologische Daten für den DWD. Marlis Thoms hat das Ehrenamt 2010 von ihrer Nachbarin übernommen, drei Jahre nachdem sie diese schon als Niederschlagsmelderin beerbt hatte. Jeden morgen zehn vor sieben geht Marlis Thoms zum Regenmesser – einem Aluzylinder, den ihr der DWD hinters Haus gestellt hat – und sieht nach, wie viel Wasser oder Schnee des Nachts vom Himmel gefallen ist. Die Niederschlagsmenge meldet sie online an die Datenbank des DWD.

Naturliebhaber, die wie Marlis Thoms mit Herzblut und Blick fürs Detail auf Streifzüge gehen, werden zusehends seltener: Gab es in den 1990er Jahren noch an die 3000 phänologischen Beobachter in Deutschland, sind heute nur noch etwa 1150 unterwegs. Viele davon sind von Berufs wegen für das Ehrenamt prädestiniert: Landwirte, Gärtner, Biologielehrer zum Beispiel.

Auch Marlis Thoms ist „vorbelastet“: Früher war sie Erzieherin im Nachbardorf. „Damals bin ich oft mit den Kindern draußen in der Natur gewesen, habe ihnen gezeigt, was bei uns wächst.“ Heute spaziert sie fast täglich mit ihrem Mann Jürgen und Hovawart-Hündin Emma Wald-, Wiesen- und Ackerwege entlang. Dabei würde ein Blick aus dem Fenster ihres alten Bauernhauses genügen, um zu sehen, was Mutter Natur treibt. Die Thoms sind quasi Selbstversorger und bauen auf ihrem 5000 Quadratmeter großen Gehöft nahezu alles an, was die regionale Obst- und Gemüselandschaft hergibt. Mehr noch: Rings um den Nutzgarten hat Marlis Thoms extra Gewächse gepflanzt, die sie für ihren DWD-Job braucht, in näherer Umgebung aber nicht fand: Zweigriffeligen Weißdorn zum Beispiel oder die Kornelkirsche. „Ich bin ehrgeizig und will viele Daten sammeln“, gesteht die Großmutter von sieben Enkelkindern und lacht dabei so herzlich und verschmitzt, wie es nur liebe Omis können. Schummeln aber würde sie nie, stellt sie gleich klar. Hat sie, was kaum vorkommt, mal eine Vegetationsphase verpasst, weil sie krank oder verreist war, bleibt das Eintragsfeld im Tagebuch leer. „Ich denke mir nichts aus.“ An Regeln halten muss sich Marlis Thoms auch bei ihren Naturtouren: Der DWD ist ausschließlich daran interessiert, was sich im Umkreis von zwei Kilometern ums Grundstück der Thoms verändert. Auch welche Pflanzenarten und -teile Marlis Thoms ins Visier nehmen soll, ist festgelegt. Die Akribie habe einen schönen Nebeneffekt, sagt Marlis Thoms: Es schärft den Blick für die Wunder der Natur, und seien sie noch so winzig. „Früher habe ich nie darauf geachtet, wann die ersten grünen Spitzen der Johannisbeere treiben. Mittlerweile sehe ich die Welt mit ganz anderen Augen.“ Zarte Gewächse, an denen manch anderer achtlos vorübergehen mag, fallen ihr sofort ins Auge. Die Zyklen der Pflanzenwelt nimmt Marlis Thoms intensiv wahr. „Allein die vielen kleinen Fortschritte zu beobachten, die die Natur im Frühjahr macht, ist wunderbar.“ Deshalb hofft Marlis Thoms auf Sonne. Damit auch ihre Kornelkirsche endlich ihre goldgelben Blüten zeigt.

Der Kalender der Natur

10 Jahreszeiten kennt der phänologische Kalender. Sie sind abhängig von den Jahr für Jahr zu unterschiedlichen Terminen einsetzenden Entwicklungen in der Natur.Jeder phänologischen Jahreszeit sind deshalb Zeigerpflanzen zugeordnet.

Vorfrühling: Beginn mit Blüte von Hasel, Märzenbecher, Schneeglöckchen, Ende mit Blüte der Salweide Erstfrühling: Beginn mit Blüte der Forsythie sowie von Beerensträuchern wie der Stachelbeere und Obstbäumen wie Kirsche, Pflaume und Birne, von Schlehe und Ahorn; Laubentfaltung von Birke und Buche Vollfrühling: Blüte von Apfel, Flieder und Rosskastanie; Laubentfaltung von Eiche und Hainbuche Frühsommer: Blüte von Holunder, Roggen, Robinie sowie Blütehöhepunkt der Wiesen und Getreidefelder; am Ende erste Heumahd Hochsommer: Lindenblüte, Reife von Johannisbeere und Getreidearten wie Winterroggen Spätsommer: Heideblüte, Reife früher Obstsorten und der Eberesche, Getreideernte und zweite Heumahd Frühherbst: Herbstzeitlosenblüte, Reife von Holunder und Rosskastanie, außerdem der Höhepunkt der großen Obsternte Vollherbst: Kartoffelernte und allgemeine Laubverfärbung Spätherbst: allgemeiner Laubfall und Abschluss der Vegetationszeit Winter: Periode zwischen Ende der Vegetationszeit und Haselblüte. Winterbeginn, sobald Keimlinge des Winterweizens die Bodenoberfläche durchstoßen

Flora und Fauna im Blick

Das Wort Phänologie ist dem Griechischen entlehnt und bedeutet in wörtlicher Übersetzung „Lehre von den Erscheinungen“. Gemeint sind die periodischen Wachstums- und Entwicklungserscheinungen aller pflanzlichen und tierischen Lebewesen in ihren zeitlichen Abhängigkeiten. Die Phänologie untersucht die Entwicklung der Pflanzen und Tiere im Jahresablauf, indem sie die Eintrittszeiten auffälliger Erscheinungen notiert. Bei Pflanzen sind das beispielsweise Daten für Blattentfaltung, Blüte oder Fruchtreife und bei Tieren Daten für periodische Wanderungen oder bestimmte Verhaltensweisen zur Fortpflanzung. Über die reine Beobachtung hinausgehend, versucht die Phänologie die Gesetzmäßigkeiten im periodischen Wachstumsablauf zu ergründen. Sie erforscht also auch die Zusammenhänge zwischen der biologischen Rhythmik und den Umwelteinflüssen, insbesondere den Witterungs- und Klimaverhältnissen.

Allergiker in Mecklenburg-Vorpommern haben bereits mit Heuschnupfen und Niesattacken zu kämpfen. Aktuell sind dem Pollenflug-Gefahrenindex des DWD zufolge die Pollen der Hasel und Erle unterwegs.

Der Deutsche Wetterdienst sucht in MV phänologische Beobachter im

Kreis Vorpommern-Greifswald: Tutow, Spantekow und Ueckermünde

Kreis Vorpommern-Rügen: Ribnitz-Damgarten, Grimmen, Kloster auf Hiddensee, Gager auf Rügen

Kreis Rostock: Groß Lüsewitz

Kreis Ludwigslust-Parchim: Grebs, Neustadt Glewe, Severin, Goldberg Für ihre Beobachtungen bekommen die Ehrenamtler eine jährliche Aufwandsentschädigung von anfänglich 230 Euro.

Kontakt: Deutscher Wetterdienst     ☎ 069/8062-2946     Mail: phaenologie@dwd.de

Quelle: Nabu Antje Bernstein