Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Kult-Schneider von „Babylon Berlin“ näht das „Küstendirndl“ für MV
Nachrichten Kultur Kult-Schneider von „Babylon Berlin“ näht das „Küstendirndl“ für MV
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:34 23.04.2019
Designerin Veruschka Götz und Schneider Christian Kratzert in dessen Berliner Atelier bei der Arbeit an dem neuen Küsten-Dirndl Quelle: Martin Börner
Berlin/Schwerin

Sorgfältig betrachtet Designerin Veruschka Götz das blaue Kleid auf der Schneiderpuppe, zuppelt hier und da und nickt zustimmend. Mit Nadeln hat Schneider Christian Kratzert am Hals einen Bereich abgesteckt, der später als Ausschnitt dienen soll. Auch die Arme des Kleides müssen noch weichen. „Darunter wird ein weißes Hemd mit Halstuch getragen“, sagt Götz und deutet auf den Stoff mit mecklenburgischem Stier und Vorpommern-Greif in Gelb und Blau.

Dass MV’s Wappentiere eine derart stylische Plattform bekommen, ist der Kreativität der gebürtigen Hessin zu verdanken. Sie ist die Gewinnerin des Ideen-Wettbewerbs „Trachten neu erleben“, zu dem Landestourismusverband, Heimatverband und Kultusministerium MV gemeinsam mit Jette Joop Ende 2017 aufgerufen hatten. Nun laufen im Berliner Schneideratelier Kratzert und Pahnke – dort entstanden bereits die Kostüme für die Serie Babylon Berlin – die Arbeiten für die Musterkollektion des neuen „Küsten-Dirndls“ auf Hochtouren.

„Es war wie ein Rausch“

„Ich bin ein großer Fan des Bundeslandes und regelmäßig in Mecklenburg-Vorpommern“, verrät Götz. So war es auch 2017, als sie vor der Jahreswende Urlaub in Graal-Müritz machte und aus der Zeitung vom Ideenwettbewerb erfuhr. „Ich habe abends bei einem Glas Wein angefangen zu skizzieren – und auf einmal war es wie ein Rausch“, erinnert sich die 50-Jährige und lacht.

Inspiriert habe sie unter anderem der „Südwester“, eine wasserdichte Kopfbedeckung für Seefahrer mit hinten überhängender Krempe, aus dem sie kurzerhand den „Nordoster“ entwickelte. „In Anlehnung an Mecklenburg-Vorpommern als nordöstlichstes Bundesland habe ich dann die ganze Kollektion so genannt“, erzählt Götz. Das eigens dafür entwickelte Logo – eine Welle, die für die Buchstaben MV steht – soll künftig als Markenzeichen dienen.

Hier wird das neue „Küstendirndl“ gefertigt

Maritimes Accessoire, das an ein Fischernetz erinnert

„Ich habe bei meinen Recherchen festgestellt, wie viele verschiedene Trachten es in Mecklenburg-Vorpommern gibt und versucht, aus jeder die schönsten Elemente zu einer einheitlichen Tracht zusammenzuführen“, sagt Götz. „Die großen Taschen, die früher für Werkzeug dienten, der Stehkragen und die halbhohen Stiefel sind inspiriert von der Biestower Tracht.“ Auch Elemente der Trachten aus Pommern, Warnemünde, Schönberg und Poel hat Götz in das Modell für Herren integriert, das aus Kniebundhose, Hemd, Weste, Halstuch und Jacke beziehungsweise Festtagsmantel besteht.

Das kurzärmelige, knielange Kleid für Frauen, das mit Bluse, Halstuch und kurzem Cape sowie Haube getragen wird, ist ebenfalls durch Trachten-Elemente verschiedener Regionen beeinflusst worden. Mit der filigranen Schürze aus Netz-Stoff hat die Designerin ein maritimes Accessoire gewählt, das an ein Fischernetz erinnert.

Es sind diese Details, über die sich Götz viele Gedanken gemacht hat: „Die Herrenjacke bekommt sechs statt fünf Knöpfe, damit der mecklenburgische Stier darauf genauso oft vertreten ist wie der Vorpommern-Greif“, sagt die 50-Jährige. Schließlich ging es bei der Ausschreibung nicht nur darum, die klassische Trachtenmode des Nordostens neu und alltagstauglich in Szene zu setzen, sondern auch darum, das Wir-Gefühl der Region zu stärken.

Tücher, Strumpfhosen, Socken und Manschettenknöpfe

Und tatsächlich, so scheint es, sprudeln allein beim Gedanken an die Ostsee die Ideen nur so aus der Designerin heraus. Davon zeugen zahlreiche witzige Details, die Götz in ihrem Berliner Atelier unter Stuckdecken und beobachtet von Hundemann Eule unter der Marke „Nordoster“ kreiert hat: Tücher, Strumpfhosen, Socken und Manschettenknöpfe, Freundschaftsbänder, Bademode, Handtücher, einen Strandbeutel, einen Windschutz mit Dünenmotiv, reflektierende Taschen für Kinder, Kaffeebecher und Thermoskanne – fast alle mit Stier und Greif versehen.

Lob von Jette Joop

Ihre Entwürfe, mit denen sie sich in zwei Bewerbungsrunden unter elf Teilnehmern durchsetzte, hat Götz inzwischen weiterentwickelt. „Die Farben sind reduzierter“, sagt sie. Dominant ist Dunkelblau, Akzente setzt sie in Blau, Neongrün und mit gelbem Innenfutter mit Stier und Greif.

Dass sich Götz dem Thema Mode auch über Logo und Grafik nähert, liegt an ihrem Werdegang: Die gebürtige Darmstädterin ist keine klassische Mode-Designerin, sondern gründete nach ihrem Produktdesign-Studium ihr Büro T616 in Berlin, in dem sie als Kommunikationsdesignerin für verschiedene Unternehmen und Festivals arbeitet. Zudem hat sie eine Professur für Typografie und digitale Medien an der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Mannheim.

„Ich habe mich im Studium mit verschiedenen Materialien und Stoffen beschäftigt, sonst hätte ich mich an die Aufgabe gar nicht rangetraut“, sagt Götz. Vielleicht ist es gerade jener unverkrampfte Umgang mit dem Thema, der sie von den anderen eher traditionellen Entwürfen abhob: „Das ist ein ganz anderer, frischer Ansatz, der mir sehr imponierte“, lobte Jette Joop die Gewinnerin des Ideen-Wettbewerbs.

Berliner Kult-Schneider Christian Kratzert

Für die Umsetzung hat Götz den Berliner Kult-Schneider Christian Kratzert ins Boot geholt, der bereits Filmsets wie „Das weiße Band“, „Inglourious Basterds“, „Der Wolkenatlas“ und „Babylon Berlin“ mit Kostümen ausgestattet hat. „Ich bin sehr froh darüber, weil er viele tolle Ideen und Details eingebracht hat“, sagt Götz.

Obwohl der Schneider zu Beginn eigentlich keine Zeit dafür gehabt hätte. „Letztlich war er so begeistert von der Idee, dass er zuerst auch noch am Wochenende gearbeitet hat“, verrät Götz. „Das Ausfertigen selbst ist nicht so aufwendig, am meisten Zeit kostet die Vorarbeit. Das Entwickeln des Schnittes, so dass er auf viele Körperformen passt, zudem muss er so konzipiert sein, dass alle Kleidungsstücke aufeinander aufbauen“, erklärt der 60-Jährige mit dem geflochtenen Bart. „Trotzdem ist es mal ein ganz anderer Auftrag, der mir sehr viel Spaß macht.“

Bis Juni soll die Musterkollektion fertig sein. „Geplant ist, sie im Kultusministerium und vor möglichen Nutzern zu präsentieren“ sagt Götz. Denkbar seien Mitarbeiter aus dem Hotelgewerbe, Museen oder Tourist-Info. „Einige Anfragen haben wir bereits. Auch einige Minister haben schon zugesagt, die Tracht bei offiziellen Anlässen zu tragen“, verrät Götz.

Zur Person

Veruschka Götzwurde 1969 in Darmstadt geboren und ist dort auch aufgewachsen. Sie studierte Produktgestaltung an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd und gründete nach dem Studium ihr Büro T616 in Berlin. Dort arbeitet sie als Kommunikationsdesignerin für verschiedene Unternehmen und Festivals. Götz ist Professorin für Typografie und digitale Medien an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim und Herausgeberin und Autorin verschiedener Publikationen.

Sie sei gespannt auf die Resonanz und darauf, wie sich die Kleidungsstücke im Alltag bewährten. „Vielleicht teste ich das Kleid selbst und schaue, wie die Leute in Süddeutschland darauf reagieren“, sagt Götz.

Die Accessoires sollen ab Mitte des Jahres in Tourist-Infos, Hotels und im Netz zu kaufen sein. Wann und zu welchem Preis die Tracht selbst auf dem Markt erhältlich sein wird, kann Götz noch nicht sagen. „Es wäre schön, wenn es bis zum Oktoberfest klappt, denn das gibt es ja auch in MV – vielleicht dieses Jahr sogar in der eigenen Tracht.“

Stefanie Büssing

Die Stimme klingt so rau, wie man sie aus dem Kino kennt, aber man hört sofort die Freundlichkeit heraus: Willem Dafoe gehört zu den großen Charakterdarstellern Hollywoods. Nun verwandelt er sich im Kino in Vincent van Gogh. Stefan Stosch hat mit ihm über Wahnsinn, Kunst und deutsche Effizienz gesprochen.

19.04.2019

Vor zwei Jahren verschwand die Ehefrau von Andreas Martin. Nachdem sie tot aufgefunden wurde, zog sich der Schlagersänger aus dem Showgeschäft zurück. Bis jetzt.

19.04.2019

Eine Stiftung will in Stuttgart provozieren: Am Karfreitag will sie trotz Filmverbot die Filmsatire „Das Leben des Brian“ zeigen. Ein Gericht gibt ihr nun Recht.

19.04.2019