Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Staatliches Museum widmet sich seinem Star
Nachrichten Kultur Staatliches Museum widmet sich seinem Star
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:29 27.03.2019
Marcel Duchamp: „L. H. O. O. Q.“ 1919-1964 Quelle: Association Marcel Duchamp, VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Anzeige
Schwerin

Der Kleiderhaken liegt auf der Erde. Die Schneeschaufel hängt von der Wand. Das Fenster ist geschlossen und verweigert den Ausblick. Das Werk schreit seinen Betrachter an: „Schau mich nicht an!“ An der Wand ist zu lesen: „Der Geschmack ist der Feind der K.u.n.s.t.“ Bitte nicht angucken, scheint das Credo der aktuellen Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin zu sein. Und doch muss man immer wieder hinsehen zu den „Ready Mades“ im Untergeschoss – die ihrer praktischen Alltagsbedeutung enthoben zur Alberei oder zum „Stolperstein“ werden – dem geschlossenen Fenster „Fresh Widow“, das den Blick versperrt, zur Mona Lisa mit Schnauz- und Spitzbart mit dem geheimnissvollen Titel „L. H. O. O. Q.“ von Marcel Duchamp. Der Titel, ein Wortspiel, denn spricht man die Buchstabenfolge französisch aus, ergibt sich der Satz „Elle a chaud au cul“ – Sie hat einen heißen Hintern. Der französisch-amerikanische Künstler Marcel Duchamp (1887-1968), den das Museum ab 29. März mit der Schau „Das Unmögliche sehen“ würdigt, zeigt und erforscht, ist das wohl experimentellste, umstrittenste und unverstandenste Phantom der Kunstgeschichte. Duchamp macht sich mit Arbeiten wie „Fresh Widow“ und „L. H. O. O. Q.“ zum einen über die Renaissance lustig, in dem er ihr berühmtestes Gemälde veralbert und ihr Symbol für die Kunst, das geöffnete Fenster, aus dem der Künstler schaut, die Welt erblickt und abbildet, einfach mal schließt. Er bringt aber auch seinen Frust darüber zum Ausdruck, dass die Barbarei über den Humanismus gesiegt hat. Ein Großteil dieser Werke ist um 1916/17, zur Zeit des Ersten Weltkriegs entstanden ist.

Werk legt Schaffensprozess offen und verweigert sich der Rezeption

Kaum ein Werk legt den kreativen und Schaffensprozess so radikal offen wie das von Duchamp und verweigert sich zugleich so radikal einer stringenten Rezeption. Duchamp wollte zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Kunstbegriff neu verorten, weg von der Abbildung und dem Dekorativen, hin zum Prozess und sogar der Fragestellung nach einer vierten Dimension. Auf kaum ein Werk trifft der volkstümliche Witz „Ist das Kunst oder kann das in den Schuppen?“ so zu wie auf Duchamp. Von der Forschung verehrt, vom Volk unverstanden. Das Staatliche Museum besitzt die Duchamp-Sammlung, eine der bedeutendsten neben Philadelphia und Stockholm, nun seit fast 25 Jahren. Das Duchamp-Forschungszentrum feiert in diesem Jahr zehnten Geburtstag. Seitdem lädt es jedes Jahr Stipendiaten, von denen einige mittlerweile renommierte Wissenschaftler in Deutschland, Österreich, Frankreich und den USA sind, ein, sich in Schwerin mit diesem Werk zu beschäftigen. Was anderes bleibt einem in Bezug auf Duchamp auch gar nicht übrig. Dr. Pirko Zinnow, Direktorin der Staatlichen Schlösser, Gärten und Sammlungen des Landes, sagt: „Mit dieser Ausstellung zeigt Schwerin seine Bedeutung in der modernen Kunst. Wir können nicht nur Niederländer. Wir können auch Moderne. Duchamp hat die Kunstbetrachtung des 20. Jahrhunderts revolutioniert und einen Paradigmenwechsel eingeleitet.“

Er ist der Gründer der Konzeptkunst, Marcel Duchamp (1887-1968), amerikanisch-französischer Maler und Objektkünstler. Mit ihm hat sich die Kunst und der Blick in die Welt revolutioniert. Diese Bilder aus dem Staatlichen Museum Schwerin Duchamp geschaffen

Als Begründer der Konzeptkunst und geistiger Vorreiter zum Beispiel der Fluxus-Bewegung, die in den 60er-Jahren solche Wege wie Performances, Body Art und Happenings zur Kunst freigegeben hat, war Duchamp mit seinen Ready-mades – banal gekaufte Alltagsgegenstände, die via Signatur des Künstlers zur Kunst erhoben werden – und seinem sperrigen Ouevre eines der Zentralgestirne der frühen klassischen Moderne. Neben Künstlern wie Kasimir Malewitsch, der mit seinem „Schwarzen Quadrat“ als ihr Beginn angesehen wird, und all den Vertretern von Impressionismus, Kubismus, Destruktivismus, Skeptizismus, Bauhaus oder Dada, die eben nicht in einem Genre verharrten, sondern quer durch die Kulturressorts dachten und schufen. Entsprechend sinnvoll ist es, in dieser Schau im unteren Geschoss eben auch Künstler wie Marcel Broodthaers, John Cage, Jan Henderikse, Ben Vautier, Günther Uecker oder das Werk „Die Freude Marcel Duchamp gekannt zu haben“ des Amerikaners Al Hansen dem Werk Duchamps gegenüberzustellen. Künstler, die sich mit ihm auseinandergesetzt haben und die von ihm beeinflusst, inspiriert wurden, und eben auch profitierten.

Duchamp wirkt und bewirkt noch immer

Fast 100 Werke aus der 91 Werke umfassenden Sammlung plus Leihgaben und Arbeiten anderer Künstler zeigt das Museum nun bis 26. Mai und erweitert das mit einem umfangreichen Begleitprogramm und dem äußerst intelligenten Ansatz, das Forschungszentrum während der Zeit der Ausstellung mitten in sie hinein zu verlegen. Denn Duchamp wirkt und bewirkt noch immer. Gehen weite Teile der weltweiten Forschung aller wissenschaftlichen Disziplinen davon aus, dass wir jetzt schon nach Antworten auf Fragen suchen, die wir noch gar nicht kennen (Grundlagenforschung), beantwortet dieses Werk eine davon auf sehr ironische Weise. Duchamp hat zu Beginn des Wechsels zum 20. Jahrhunderts eine neue Sicht auf die Kunst gefordert – weg vom Dekorativen. Jetzt, im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts, im Postmaterialismus und im beginnenden Digitalismus vollzieht die Weltgemeinschaft ohne großes Murren wieder die Kehrtwende dorthin. Kunst erzielt fast nur noch Aufmerksamkeit durch ihre Öffentlichkeitswirkung. Die PR ist wichtiger als die Kuratierung. Der schöne Schein und die perfekte Inszenierung, ob in Museen, Kunsthallen, Kunstmessen oder im privaten Wohnzimmer mit dem Smartphone über Social Media ist aktuell der globale Fixstern, um den sich alles dreht – also die reine Deko. Willkommen in der digitalen Renaissance. Und schön, dass dieses Museum diesem Zeitstrom mit dieser Ausstellung und seiner Forschung einen starken Kontrapunkt setzt – zudem auch mutig. Denn Marcel Duchamp ist bei weitem nicht der Kassenknüller, der Massen anzieht, was in Zeiten eines rein controllinggepägten Matrix-Denkens in Wirtschaft und Politik schon gewagt, aber eben auch visionär ist.

Aber an die Massen denkt Schwerin ja ab 5. Juli wieder mit der Ausstellung „Von Barbizon ans Meer. Carl Malchin und die Entdeckung Mecklenburgs.“

Ausstellungen

Marcel Duchamp: „Das Unmögliche sehen“, 29. März bis 26. Mai

Carl Malchin und die Entdeckung Mecklenburgs: „Von Barbizon ans Meer“, 5. Juli bis 6. Oktober

Rembrandts Meistergrafiken“, Radierungen aus der Schweriner Sammlung, 10. Oktober bis 5. Januar

Michael Meyer

Ein abgetrennter Kopf und Stricke um die Hälse der Bandmitglieder: Rammstein schocken mit einem ersten Video-Teaser und überraschen mit ein paar römischen Ziffern.

28.03.2019

Die Toten Hosen werden älter: Der Konzertfilm „Weil du nur einmal lebst“ (Kinostart am 28. März) zeigt eine Punkband, die zwar im Mainstream gelandet ist, an Tourneetagen wie diesen aber immer noch volle Energie gibt.

27.03.2019

Der Wert des Bildes „Buste de Femme“ wird heute auf 25 Millionen Euro geschätzt. Im Jahr 1999 war es von einer Jacht in Südfrankreich gestohlen wurden. Nun wurde es wiedergefunden – in Amsterdam.

26.03.2019