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Kultur „Cat Person“: Was ist noch Missverständnis, was schon Übergriff?
Nachrichten Kultur „Cat Person“: Was ist noch Missverständnis, was schon Übergriff?
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12:48 29.01.2019
Das Cover des Buches „Cat Person“ von Kristen Roupenian. Quelle: Aufbau Verlag/dpa
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Berlin

Margot ist 20, Robert 34 Jahre alt. Einen Sommer lang schreiben die beiden SMS hin und her, dann gehen sie ins Kino, dann in eine Bar, dann haben sie Sex. Der Sex ist schlecht, weil Margot eigentlich gar nicht mit Robert schlafen will, das aber auch nicht zugeben kann und Robert offensichtlich nicht merkt, dass Margot gar nicht will. Am Ende ist Margot verwirrt und Robert sauer, weil Margot sich nicht mehr meldet. Er nennt sie „Schlampe“, sie schweigt.

Das ist – grob zusammengefasst – die Handlung von Kristen Roupenians Kurzgeschichte „Cat Person“, die erstmals im US-Magazin „The New Yorker“ veröffentlicht wurde. Es ist ein Text einer damals noch recht unbekannten Autorin, der wahrscheinlich gar nicht so viel Beachtung geschenkt bekommen hätte, wäre er nicht ausgerechnet im Dezember 2017 erschienen – auf dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte. Roupenians Geschichte ging viral, wurde geteilt, gemocht, zerrissen.

Roupenian erkundet das Lebensgefühl von Menschen

Nun hat die Amerikanerin einen Kurzgeschichtenband herausgebracht, der den Titel dieser Hauptstory trägt. Ins Deutsche übersetzt wurde er von Nella Beljan und Friederike Schilbach. „In zwölf Stories erkundet Kristen Roupenian das Lebensgefühl von Menschen in einer schönen neuen Welt“, heißt es im Klappentext der deutschen Ausgabe, die im Aufbau Verlag erschienen ist. Nur: Schön ist dann eigentlich kaum etwas. Dafür vieles verstörend. Da ist etwa die Geschichte über einen Mann, der nur dann Erregung fühlen kann, wenn er sich vorstellt, die Frau, mit der er gerade schläft, würde sich an seinem Penis wie an einem Messer aufschlitzen. Oder die über die „Beißerin“, die monatelang davon träumt, sich in ihrem Vorgesetzten festzubeißen.

Was mehrere der Texte gemeinsam haben, ist das Porträt von Menschen im digitalen Zeitalter, von Protagonisten, die sich fast ausschließlich über SMS, Mails oder Dating-Apps austauschen. Das Porträt einer Gesellschaft, in der man zu Fremden und Fremdgewordenen Kontakt halten kann, in der man glaubt, einander (noch) zu kennen und es doch nicht tut. Etwa in „Der Junge im Pool“, wo es um alte Schulfreundinnen geht, die jahrelang nur per Skype kommunizieren, bis die eine den Junggesellinnenabschied der anderen organisieren soll – und gar nicht weiß, worüber die sich eigentlich freuen würde.

Ausdruck einer großen Unsicherheit

Am eindrücklichsten aber schildert Roupenian dieses Phänomen in der Hauptstory selbst. „Cat Person“ ist eine Geschichte, die nach ihrem Protagonisten benannt ist, der seiner jungen Freundin in einer seiner zahlreichen Nachrichten schreibt, zwei Katzen zu besitzen und dann doch keine hat. Zumindest sieht Margot keine Katzen, als sie schließlich bei Robert zu Hause ist. „Aber vielleicht waren die auch einfach nur irgendwo anders gewesen.“ Die Katzen, die es vielleicht gibt, vielleicht aber auch nicht, sind Ausdruck einer großen Unsicherheit, die Margot gegenüber Robert empfindet: Kennt sie diesen Mann oder kennt sie ihn nicht?

„Draußen vor der Bar war sie bereit, sich erneut von ihm küssen zu lassen, aber zu ihrer Überraschung gab er ihr nur einen flüchtigen Kuss und sagte vorwurfsvoll: „Du bist betrunken.“ „Bin ich nicht“, sagte sie, auch wenn das nicht stimmte.“ Mit Szenen wie dieser wirft Roupenian Fragen auf.

Darf man mit einer fast unbekannten, betrunkenen Frau schlafen? Ist sie selbst schuld, wenn sie behauptet, nüchtern zu sein? Oder muss man merken, dass das nicht stimmt? Was ist noch Missverständnis, was schon sexueller Übergriff? Ist Robert am Ende einfach nur ein Unsympath? Oder ist sein Verhalten Ausdruck einer Unfähigkeit zu verstehen, dass Sex immer auf klarem Einverständnis beruhen muss?

Kurzgeschichte, die polarisiert

Bereits 2017 – direkt nach der Ersterscheinung – haben genau solche Fragen die Leser*innen/LeserInnen polarisiert. Viele Männer, die sich zu Wort meldeten, nahmen Robert in Schutz. Frauen sahen Roberts Verhalten mitunter als Produkt einer patriarchalen Gesellschaft und schilderten Situationen, in denen sie sich selbst nicht trauten, „Nein“ zu sagen.

Roupenian selbst hat nie ganz aufgeklärt, wie die Geschichte zu verstehen ist. In einem Interview erklärt sie: „Ich habe eine Menge über Robert bewusst im Unklaren gelassen, denn ich wollte den Leuten ermöglichen, dieses Frösteln zu teilen, das Margot fühlt, als sie sein Haus betritt. Warte, wer ist dieser Typ? Er könnte jeder sein.“

Von RND / dpa

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