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Kultur „Der unverhoffte Charme des Geldes“ – Nur die Dummen werden in Denys Arcands Komödie reich
Nachrichten Kultur „Der unverhoffte Charme des Geldes“ – Nur die Dummen werden in Denys Arcands Komödie reich
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06:00 29.07.2019
Geld treibt die Welt an: Camille Lafontaine (Maripier Morin) ist nicht die einzige in diesem Film, die davon ein Lied singen kann. Quelle: Foto: MFA
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Hannover

Geld in kleinen Münzen und in großen Scheinen, Geld in Umschlägen, Kisten und Taschen, Geld als digitaler Datenstrom rund um den Globus: Man macht sich nicht immer klar, wie sehr unser zwischenmenschliches Zusammenleben von etwas geprägt ist, das doch nur als allgemein anerkanntes Tauschmittel erfunden wurde.

In Denys Arcands spritziger Geldräuber-Liebes-Gesellschaftskritik-Komödie „Der unverhoffte Charme des Geldes“ wird einem die Bedeutung des Pekuniären förmlich unter die Nase gerieben. „Money makes the world go around“, sang bereits Liza Minnelli in „Cabaret“ (zusammen mit Joel Grey). Geld regiert nun mal die Welt.

Arcand erzählt vom Wertezerfall in der Wohlstandsgesellschaft

Regisseur und Drehbuchautor Arcand hat sich in seinen Filmen schon immer als gut gelaunter Kapitalismusverächter präsentiert. Für die mit scharfem Dialogwitz gespickte Komödie „Die Invasion der Barbaren“ (2004) erhielt er den Auslands-Oscar, und auch da ging es hintergründig um die unbestreitbaren Vorzüge des Reichseins, als ein Investmentbanker-Sohn sich daran machte, seinem widerstrebenden linken Professoren-Vater die letzten Tage auf diesem Planeten zu erleichtern.

Der Film war die lockere Fortsetzung eines Films mit dem schönen Titel „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (1986), ebenfalls ein cineastischer Versuch über den Wertezerfall in der modernen Wohlstandsgesellschaft.

Ein überzeugter Kapitalismuskritiker wird in Versuchung geführt

Nun lässt Regisseur Arcand dem überzeugten Kapitalismuskritiker Pierre-Paul (Alexandre Landry) zwei prall mit kanadischen Dollars gefüllte Taschen vor die Füße plumpsen. Das ist wörtlich zu verstehen: Der studierte Philosoph und amtierende Paketbote in Montreal gerät unversehens zwischen die Fronten eines Raubüberfalls mit anschließender Schießerei. Während die Gangster entweder tot am Boden liegen oder blutend davonhumpeln, bleiben die verlockenden Taschen zurück.

Pierre-Paul, eben noch ein überzeugter Verfechter der These, dass vorrangig die Dummen reich werden, lässt die Beute kurzerhand in seinem Lieferwagen verschwinden. Zu so einer kriminellen Tat hätte sich sein aufopferungswilliger britischer Arbeitskollege im aktuellen Ken-Loach-Film „Sorry We Missed You“ wohl kaum verleiten lassen. Paketboten als unterbezahltes Dienstleistungs-Prekariat kurven offenbar in vielen Ecken dieser Welt herum.

„Es gibt keine Steuerparadiese, nur eins im Himmel“

Nun hat Pierre-Paul allerdings ein Problem: Wohin mit der Kohle? Ein cleveres Polizistenduo ist ihm bereits auf den Fersen und auch auf die Schliche gekommen. Zudem muss er die Rache von brutalen Gangs fürchten. Und dann ist da noch die sündhaft teure Escort-Dame, in die er sich nicht nur deshalb verliebt hat, weil sie unter dem Namen der griechischen Philosophin Aspasia (Maripier Morin) firmiert.

Aus der Patsche helfen könnte ihm Ex-Knacki Sylvain, genannt „The Brain“ (Rémy Girard), der bis eben noch hinter Gittern Betriebswirtschaft gebüffelt hat. Vorstellig wird Pierre-Paul bei „The Brain“ mit den Worten: „Bitte helfen Sie mir. Ich habe zu viel Geld.“ Das ist doch schon mal ein guter Auftakt für eine wunderbare Geschäftsbeziehung. Die Voraussetzungen für ein ausgeklügeltes Heist -Movie wären also gegeben.

Und dabei war von dem Offshore-Banker Wilbrod Taschereau (Pierre Curzi) noch gar nicht die Rede. Dem mondänen Herren in seinem Glasturm obliegt es, fachkundig über die unerfindlichen Wege des Geldes zu schwadronieren: „Es gibt keine Steuerparadiese, nur eines im Himmel.“ Gegen all die Hedgefondsmanager, Waffenhändler und Ölindustriellen, die mit Taschereaus Hilfe ihre Milliarden rund um den Globus verschieben, wirkt Pierre-Paul wie ein braver Bürger, der eine auf der Straße aufgelesene Geldbörse nicht im Fundbüro abgegeben hat.

Man amüsiert sich gut über zwei Kinostunden

Gewissermaßen verhält es sich in seinem Fall ja so. Pierre-Paul ist der Typ schüchterner Stadtneurotiker, entfernt verwandt mit dem jungen Woody Allen, der in der Theorie alles zu wissen glaubt und in der Praxis gar nichts weiß. Immerhin schmeißt er jedem Obdachlosen am Wegesrand ein paar Cent in den Pappbecher. Da fühlt man sich gleich besser.

So mäandert dieser Film schwerelos leicht zwischen Suppenküche und Luxusapartment, zwischen coolen Gangstern, angehendem Liebespaar und finanziell zusammengesparter und deshalb personell ausgezehrter Polizei hin und her.

Immer mal wieder gelingt hier ein Bonmot wie dieses aus dem Mund von Aspasia, die im wirklichen Leben Camille heißt: „Es ist besser, in einem Jaguar zu weinen als in der U-Bahn.“ Gelegentlich mögen Arcands antikapitalistische Spitzen ein bisschen billig daherkommen, aber man amüsiert sich doch über gut zwei Kinostunden.

Der Regisseur ist ein unverzagter Anrenner wie Don Quijote

Das letzte Wort wollen wir dem Regisseur überlassen, der unverzagt wie ein Don Quijote gegen das „amerikanische Imperium“ anrennt: „Der moralische Verfall des Imperiums hat begonnen, uns anzustecken. Die Omnipotenz des Geldes ist nur ein Symptom dieser Krankheit. Werden wir Antibiotika finden, die stark genug sind, die Seuche zu bekämpfen?“ Nun ja, Pierre-Paul und seine Aspasia hätten da eine Idee.

Filmtitel: „Der unverhoffte Charme des Geldes“Regisseur: Denys Arcand, Darsteller: Alexandre Landry, Maripier Morin, Rémy Girard Länge: 122 MinutenAltersfreigabe: ab 12 Jahren

Von Stefan Stosch/RND

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