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Kultur „Düsternbrook“: „Tatort“-Star Axel Milberg spricht über seinen ersten Roman
Nachrichten Kultur „Düsternbrook“: „Tatort“-Star Axel Milberg spricht über seinen ersten Roman
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10:13 04.05.2019
Mehr als nur „Tatort“: Axel Milberg legt sein Romandebüt vor. Quelle: Patrick Lux/Getty
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Herr Milberg, Sie haben mit „Düsternbrook“ einen Roman über Ihre Kindheit und Jugend geschrieben. Wissen wir jetzt alles über Sie in jungen Jahren?

Mein Buch ist keine Autobiografie. Es ist ein Roman. Das ist wichtig! Ich habe in der Tat Anleihen bei meinen Erinnerungen an reale Situationen, Menschen, Orte gemacht. Aber das dann zu Geschichten weitergesponnen, verdichtet, umgebaut und mir vorgestellt, was hätte sein können – was so aber nie passiert ist.

Zum Beispiel?

Etwa warum mein Mitschüler von einem Tag auf den anderen plötzlich so gut in der Schule wurde und nicht mehr so ein Schluri war wie ich. Oder ob die Norddeutschen nicht vielleicht doch in Wahrheit Außerirdische sind.

Welche Rolle spielt das Autobiografische denn bei Ihrem Schreiben?

Ich habe es als Grundierung genommen. Ich finde die Diskussion aber total uninteressant, jetzt quasi mit einem Metalldetektor über das Buch zu gehen und zu fragen: Ist das wahr und aus Axel Milbergs Leben, oder ist das nur ausgedacht? Ich kann mir vorstellen, dass Sie manche Dinge in dem Roman für nicht glaubhaft halten – die sich aber genau so ereignet haben. Während Sie bei anderen Dingen vielleicht denken: Ja, das wird stimmen, so ist er, der Axel Milberg. Und das ist dann reine Fantasie.

Aber wenn Ihr Roman nicht autobiografisch ist, warum haben Sie dann die Hauptperson Axel Milberg genannt, der – wie Sie – im Kieler Stadtteil Düsternbrook aufwächst und irgendwann Schauspieler wird?

Es geht doch um solche Fragen: Wie erinnern wir? Was ist die Erinnerung? Wie wirklich ist eine Erinnerung? Die Grundlage des Buches sind meine ersten 20 Jahre in Düsternbrook. Mit diesem Material spiele ich. Ich habe lange Zeit mit dem Lektor über diese Frage, die Sie ansprechen, diskutiert. Ich wollte vom Ich zum Er, ich wollte der Figur einen anderen Namen geben. Aber mein erfahrener Lektor war der Meinung, man wird sowieso davon überzeugt sein, dass die Geschichten überwiegend aus meinem Leben stammen.

Kommissar Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Almila Bagriacik (Mila Sahin) in einer Szene des "Tatort: Borowski und das Glück der Anderen". Quelle: Christine Schroeder/NDR/ARD/dpa

Wie würden Sie denn diesen Kieler Stadtteil Düsternbrook beschreiben?

Zunächst einmal: Wir reden von den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Kiel war zu 80 Prozent zerstört. Langsam fasste man wieder Mut, man gründete Familien, das Leben ging nach dem Krieg weiter. Ein bescheidener Wohlstand war denkbar. Man wollte Frieden und ein privates Glück. In dieser Zeit kam meine Familie nach Düsternbrook. Meine Mutter wurde in Rio de Janeiro geboren, mein Vater arbeitete als Jurist, drei Kinder kamen zur Welt. Düsternbrook war ein Idyll, ist es zum Teil heute noch.

Was gab es denn da so alles?

Zweimal in der Woche war Wochenmarkt auf dem Blücherplatz. Neben dem großen Wald, der dem Stadtteil seinen Namen gibt, und der Nähe zur Förde gab es alte Villen, jüngere Häuser, Kliniken, Tennisclubs, Parks und Straßen, auf denen das Leben mit vielen Kindern stattfand. Hier bin ich aufgewachsen. Kinder empfinden ein solches Idyll aber manchmal etwas undankbar auch als langweilig.

Sie auch?

Klar. Aber bei mir war es so, dass diese begrenzte Welt meine Fantasie anregte und ich auch genauer hinschaute. Wenn du behütet aufwächst, fragst du dich, wovor du eigentlich behütet werden sollst. Und denkst dir dann das andere dazu.

Ihre Geschichten aus dieser sehr idyllischen Zeit werden immer wieder unterbrochen von Kapiteln über einen Mann, der es auf kleine Kinder abgesehen hat. Beschreiben Sie da eine Angst von früher?

Es erschien mir wichtig, diesem Idyll, das natürlich wie jedes andere Idyll brüchig ist, dramaturgisch etwas Düsteres entgegenzustellen. Das Ich, aus dessen Perspektive ich in den allermeisten Kapiteln erzähle, wird in fünf Kapiteln unterbrochen von einem fremden Er. Dieses Er erleben wir bei den Vorbereitungen auf Böses, er greift hinein mit klebrigen Fingern in unser Paradies. In Norddeutschland nannte man damals solche Leute Mitschnacker. Es gab sie und die Angst vor ihnen auch.

Auch bei Ihnen?

Unsere Mutter warnte uns. Mich haben ja schon Märchen wie „Hänsel und Gretel“ oder „Zwerg Nase“ arg beschäftigt. Das sind Erzählungen, in denen böse Gestalten versuchen, Kinder zu töten, zu verhexen, zu entstellen, ihre Lebenszeit zu verkürzen. Als ich klein war, war es für mich schwer, Wirklichkeit und Fantasie auseinanderzuhalten. Und das war ein großer Spaß beim Schreiben: in dieses Zwischenreich, in dem ich mich damals aufhielt, durch meinen Roman wieder hineingezogen zu werden.

Sie erzählen in Ihrem Buch, wie Sie einmal als junger Mann Gert Fröbe in der Pause eines seiner Auftritte in Kiel in einer Garderobe ansprechen und er ihnen Mut zuspricht. Haben Sie die Schauspielerei Gert Fröbe zu verdanken?

Zu verdanken nicht, das wäre zu viel. Aber die Geschichte ist ziemlich genau so passiert, wie ich sie schildere. Ich war damals 18, 19 Jahre alt und unsicher, ob ich mich trauen kann, eines Tages in diese Welt der Schauspielerei hinüberzuwechseln. Da habe ich allen Mut zusammengenommen und ihn angesprochen. Dass mir in so einer Situation ein Weltstar eine Viertelstunde lang zuhört und mich ernst nimmt, das hat mir Mut gegeben – mehr, als ich damals wusste.

Ihr Buch endet mit den Worten „Ende und Anfang“. Das klingt nach einer Fortsetzung, oder?

Es wird ein weiteres Buch geben, das steht fest. Inwieweit es eine Fortsetzung dieser Geschichte ist, werde ich in den kommenden Monaten entscheiden. Da kann ich noch nichts zu sagen. Aber „Ende und Anfang“ heißt natürlich auch Ende dieses ersten Lebensabschnitts, nach 20 Jahren. Und das war gleichzeitig der Anfang der Welt, in die ich dann eintrat, mit der Schauspielschule, dem Theater, Kino, Fernsehen. Der Anfang eines neuen Lebens.

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro. Quelle: Verlag

Zur Person: Der gebürtige Kieler Axel Milberg ist im dortigen Villenviertel Düsternbrook aufgewachsen. Nach dem Besuch der Otto-Falckenberg-Schule in München ging er an die Münchner Kammerspiele und spielte 15 Jahre lang fast ausschließlich Theater. Mit den Kinofilmen „Nach Fünf im Urwald“ und „Hannah Arendt“ sowie Fernsehmehrteilern wie „Jahrestage“ wurde er einem Millionenpublikum bekannt. Als Klaus Borowski ist der 62-Jährige einer der beliebtesten „Tatort“-Kommissare.

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