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Kultur „Eine Familie“ – Psychoschlacht im Thalia Theater
Nachrichten Kultur „Eine Familie“ – Psychoschlacht im Thalia Theater
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09:27 26.02.2019
Inferno auf der Bühne: Regisseur Antu Romero Nunes inszeniert „Eine Familie“ von Tracy Letts am Hamburger Thalia Theater. Quelle: Armin Smailovic
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Hamburg

Vielleicht ahnen sie es schon, dass sie hier in der Hölle gelandet sind. Wie sie sich unter den Reisetaschen und der Hitze schütteln, nervös an den verschwitzten Klamotten nesteln. Und für ein schlichtes Familientreffen ist der Ton, den sie anschlagen, von Anfang an zu hoch, zu hektisch. Es ist ein Ton kurz vor der Implosion, den Tracy Letts seinem Drama Eine Familie (2008) eingebaut hat und den Antu Romero Nunes jetzt in seiner Inszenierung des mit dem Pulitzer Preis und zwei Tonys ausgezeichneten Stücks am Thalia Theater kontinuierlich zur Psychoschlacht aufbaut.

Zwei Stockwerke trashigen Biedersinns

Mutter Violet hat gerufen, weil Vater Beverly, der Dichter und Dozent, verschwunden ist, seit Tagen schon. Und nun sind sie alle gekommen in das große Haus mit den schwarz verhängten Scheiben im Niemandsland der Prärie – drei Töchter, die kleine Schwester und der ganze Anhang.

Bühnenbildner Matthias Koch pfercht sie hinein in zwei Stockwerke trashigen Biedersinns. Schlafzimmer, Küche, Salon, Marke TV-Kulisse. Darin bewegen sich die Figuren wie im ewigen Kreisverkehr, jagen einander über Treppen, tauchen auf aus verborgenen Ecken und Türen wie Gespenster des Gestern, landen verbale Tiefschläge, wieseln in ewiger Verkettung umeinander und meinen dabei vor allem sich.

Episch breitet Regisseur Romero Nunes das Familieninferno aus, entblättert um Bevs selbstgewählten Tod die Lügen und Geheimnisse wie in der Soap – und auch, wenn das zunächst schwer in Gang kommt und manchmal auch der Dringlichkeit entbehrt, entfaltet es irgendwann Seriensog. Vor allem dank des spielwütigen Ensembles, das großartige Frauenporträts liefert und ein Gefühl hat für die Beiläufigkeit der Verletzungen und Verwerfungen.

Eine verwehte Barbie und eine taffe Barbara

Marina Galics Ivy eine Traumtänzerin auf dem Seil der romantischen Liebe, die wohl nur so lang trägt, wie sie Illusion ist. Anna Blomeiers Karen eine verwehte Barbie und Cathérine Seifert eine taffe Barbara, die sogar noch cool mit dem treulosen Ehemann Bill (Felix Knopp) aufkreuzt. Dabei hat der sie gerade für eine seiner jungen Studentinnen verlassen. An einer wie Barbara will man sich nur zu gern festhalten im heillosen Irrsinn. Aber keine Chance: Unter der eindrucksvollen Mischung aus Pragmatismus, Klarsicht und Härte, in die sie die älteste Tochter einzementiert, lässt Cathérine Seifert trostlose Verlorenheit schimmern. Irgendwann sieht man Barbara, zerstört im türkisenen Bademantel ihr eigenes Relikt.

Und über allen thront Violet. Manchmal überdreht Karin Neuhäuser sie zwischen Tablettensucht und Unerbittlichkeit. Vor allem aber ist sie die krakenarmige Übermutter, die selbstgerecht die Härten ihrer Kindheit und der Vorväter beschwört. Aber ihre Bosheiten lässt sie in den Raum fallen wie Bomben. Und es gibt nur eine, die da mithält: Violets Schwester Mattie Fae, die Gabriela Maria Schmeide als fulminante Systemsprengerin aufmarschieren lässt. So pflanzt sich die Selbstzerstörung durch die Generationen fort.

Da, wo die Hölle wohnt

So erniedrigen und beleidigen sie, toben und beschwichtigen in Sätzen, die jederzeit die Richtung ändern können. Und stets sind es die Frauen, die hier die Ärmel aufkrempeln und in die Irre gehen, während sich die Männer gleich aus dem Staub machen.

Dass im Hinterland der USA, im Niemandsland der Prärie die Hölle wohnt, hat der Western immer schon gewusst. Bei Letts aber braucht es keine sengenden Indianerhorden mehr, denen weiße Siedler gegen jedwede Moral, Anstand und Vernunft ihr Land abtrotzen. Übriggeblieben ist in der Gegenwart nur eine einsame indianische Haushaltshilfe – den Rest besorgt die Familie schon selbst.

Nach dreieinhalb Stunden und Riesenapplaus fühlt man sich, als hätte man eine dieser well-made Serien durchgeschaut, am Stück, nur mit kleiner Popcorn-Pause. Erledigt, gut unterhalten, aber auch erstaunlich leer.

Thalia Theater Hamburg. 5., 9., 10., 25. März; 25., 30. April. Kartentel. 040/32814444,
www.thalia-theater.de

Von Ruth Bender

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