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Kultur Festspiele MV: Ein Musiksommer zwischen Champagner und Sanddornsaft
Nachrichten Kultur Festspiele MV: Ein Musiksommer zwischen Champagner und Sanddornsaft
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Anna Vinnitskaya beim Auftaktkonzert der Festspiele MV am 15. Juni 2019 in Wismar. Quelle: Oliver Borchert
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Wismar

Champagner oder Sanddornsaft – die Frage des Abends. Die Frage des Sommers. Die Festspiele MV eröffneten am 15. Juni 2019 die Klassiksaison mit einem fulminanten Abend zwischen heimisch-regionalen Gefühlen, internationalem Spitzenanspruch und einer Solistin am Klavier, die die Zuschauer in der ausverkauften Wismarer St.-Georgen-Kirche sprach- und atemlos auf ihren Stühlen zurückließ. „Der Festspielsommer 2019 schmeckt nach Champagner und nach Sanddornsaft“, sagte Festspielintendant Markus Fein nach der Ouvertüre zum Auftakt. Und was er meinte, war nicht despektierlich gemeint – weder gegenüber den regionalen Produkten des französischen oder des deutschen Nordostens noch seinen musikalischen Akteuren gegenüber.

Ein Auftragswerk der Festspiele an australischen Komponisten

Denn die Ouvertüre, ein Auftragswerk der Festspiele an den australischen Komponisten Graeme J. Koehne (63), verband sowohl thematisch als auch personell das Spannungsfeld des prickelnden Spitzenschaumweins und der sauren, aber vitaminreichen Zitrone des Nordens. Violoncellistin Harriet Krijgh (28) eröffnete als Preisträgerin in Residence ebendiese gemeinsam mit dem Jugendkammerchor des Schweriner Musikgymnasiums unter Leitung von Bernd Spitzbarth mit einem zurückhaltenden, vorsichtig, zarten musikalischen Appetizer. Koehne hatte sich den Ausspruch Muhammad Alis, der sein Boxen mit Schmetterlingen und Bienen verglich, zum Leitmotiv für ein Klangbild genommen, das bildlich und gedanklich durch den deutschen Nordosten führte – „float like a butterfly, sting like a bee.“ Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene. So startete auch dieser Festspielauftakt federleicht und bestechend mit der Cellistin und dem Schweriner Jugendchor in die Saison.

Eindrücke vom Eröffnungskonzert

Für die jungen Musiker ein unvergessliches Erlebnis. Julius Tietje (19) aus Schwerin sagte: „Wir sind heute zwar eher der Sanddornsaft gewesen, aber toll, dass wir diese Erfahrung machen durften. Das war Champagner für uns, der schon berauschend war.“ Auch seine Mitsängerin Elisa Diestel (18) war nach dem Auftritt noch ganz „beschwipst“ vor Freude: „Nach diesem Auftritt fühlt man sich wie Champagner. Ich bin unglaublich dankbar. Großartig, dass wir die Chance hatten, hier mit diesen Musikern singen zu dürfen.“

Anna Vinnitskaya spielt Schostakowitsch unfassbar gut

Direkt im Anschluss gab es Grand Cru der gehobenen Preisklasse. Intendant Fein sagte vor der Eröffnung in einem Interview, dass Anna Vinnitskaya (35) das Klavierkonzert von Schostakowitsch unfassbar gut spielen würde. Markus Fein meinte das extravagante, allein in seiner Besetzung für Klavier, Trompete und Streichorchester außergewöhnliche Konzert Nr. 1 von Dimitri Schostakowitsch (1906–1975). Vinnitskaya spielte mit dem NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Leitung von Krzysztof Urbanski (36) aus Polen dieses tänzerische Konzert, das in der Musikliteratur zwischen Beethoven und der Romantik zu oszillieren scheint und selbst Trickfilmmusikgeschichte in all seiner chaplinhaften komödiantischen Progressivität traumwandlerisch vorwegzunehmen scheint.

Ein Konzert, das in seiner Technik, seinen Tempiwechseln und seiner Modernität enorme Ansprüche an die Solistin stellt, die Vinnitskaya notenfrei wegzutanzen scheint. Und nicht minder anspruchsvoll ist Schostakowitschs zweites, von ihm selbst später verschmähtes Konzert Nr. 2 für Klavier und Orchester, das dem Solisten jeglichen Raum gibt, zu glänzen. Anna Vinnitskaya lotet diesen Raum bis in all seine Ecken, Unendlichkeiten und Tiefen aus. Und eigentlich war es nach diesem Auftritt völlig egal, welches Klavierkonzert Markus Fein als „unfassbar gut“ interpretiert meinte. Diese zarte junge Frau aus Noworossijsk am Schwarzen Meer spielt beide Schostakowtischs verrückt gut.

Erwin Sellering (69), früherer Ministerpräsident von MV, der nach schwerer, aber überstandener Krankheit wieder Stammgast der Klassikreihe zu sein scheint, meinte im Anschluss: „Das war Champagner pur. Das erwartete spektakuläre Auftaktkonzert. Und diese Pianistin ist ein Ereignis. Ich habe noch nie eine derart kraftvolle Darbietung am Klavier erlebt.“ Und selbst seine Gattin Britta Sellering (41), die sich eher der barocken Musik als den russischen Komponisten nahe fühlt, sagte im Anschluss: „Das Schöne an Musik ist ja, dass man sich immer wieder neu verlieben kann. Ich habe mich heute in Schostakowitsch verliebt.“ Das sollte der Gatte aushalten.

Ein Konzert, das Kraft gegeben hat

Im zweiten Teil des Abends erlebte Dagmar Ringstorff, Gattin des früheren Ministerpräsidenten von MV, Harald Ringstorff (79), noch einmal Jugendgefühle. Das NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Leitung eines ebenso tänzerischen Dirigenten Krzysztof Urbanski spielte die autobiografische Sinfonie Nr. 4 von Pjotr Tschaikowski. Dagmar Ringstorff: „Einfach großartig. Ich bin besonders begeistert, weil Schostakowitsch und Tschaikowski meine beiden Lieblingskomponisten sind. Als ich ein junges Mädchen war, hatte ich die Schallplatte mit Tschaikowskis vierter Sinfonie und die habe ich ständig gehört. Das Konzert hat mir Kraft gegeben, weil es mich an meine Jugend erinnert hat.“

Champagner oder Sanddorn? Markus Fein: „Ich meinte beides gleichwertig. Mal das eine, mal das andere. Und probieren sie es ruhig mal zusammen.“ Gelegenheit dazu wird es geben. 152 Konzerte an 92 Spielstätten im gesamten Land bis zum 15. September.

Michael Meyer

Die Rostockerin Leni Rabbel (23) arbeitet als gefragtes Model in aller Welt – darunter für Joop- und Fielmann-Kampagnen. Die Studentin ist außerdem als Instagramerin und Influencerin aktiv – und will bald zurück in die Heimat.

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