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Kultur „Der Spitzenkandidat“: Unter Getriebenen
Nachrichten Kultur „Der Spitzenkandidat“: Unter Getriebenen
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18:00 14.01.2019
Für ihn wird es jetzt eng: Spitzenkandidat Gary Hart (Hugh Jackman) auf der Flucht vor Journalisten. Quelle: Foto: Sony
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Hannover

Jüngeren Zuschauern muss man wohl erst einmal erklären, wie früher die technischen Mittel im Medienbetrieb aussahen. Wenn in diesem Politdrama ein Fotograf minutenlang in einem fensterlosen Raum verschwindet, dann ist das eine Dunkelkammer, in der er in einem komplizierten chemischen Prozess ein Filmnegativ entwickelt.

„Der Spitzenkandidat“ – Von Politikern und Journalisten

Wenn ein Journalist gespannt vor einem ratternden Monstrum verharrt, dann ist das ein Telefaxgerät, das hoffentlich gleich brandneue Nachrichten ausspuckt. Und wenn Heerscharen von Technikern zwischen Kabelsträngen aufgeregt herumwuseln und riesige Satellitenschüsseln in die Senkrechte wuchten, dann bereiten sie eine TV-Liveübertragung vor.

In diesem grauen Medienmittelalter – wir schreiben das Jahr 1987 – sind noch wundersamere Dinge zu bestaunen: Ein aussichtsreicher Kandidat für die US-Präsidentschaft beharrt darauf, dass sein Privatleben niemanden etwas angeht und er sich in seinen Auftritten keinesweg zum Affen fürs Wahlvolk machen werde (kurz darauf tritt er allerdings bei einem hinterwäldlerischen Axtwurf-Wettbewerb an).

Der Mann will über Arbeitsplätze reden, über Bildungschancen und über den Abbau von Nuklearraketen – aber keinesfalls über die blonde junge Frau, die mit ihm die Nacht in seinem Wohnhaus verbrachte, als seine Familie gerade anderenorts weilte.

Hart stolpert über eine Affäre mit dem Model Donna Rice

Reporter vom „Miami Herald“ hatten ihn dabei beobachtet und die Geschichte allen Bedenken in der eigenen Redaktion zum Trotz veröffentlicht. Denn „Der Spitzenkandidat“, wie Jason Reitmans Film heißt, hatte kurz zuvor einen Kollegen von der „Washington Post“ geradezu herausgefordert: „Beschatten Sie mich. Sie werden sich langweilen“, hatte er gestichelt.

Das tat der „Miami Herald“ und langweilte sich überhaupt nicht. Der so leichtfertig herausposaunte Satz bedeutete 1987 den Anfang vom Ende der Kampagne des so hoffnungsvoll gestarteten demokratischen US-Senators Gary Hart. Viele hatten in ihm einen neuen John F. Kennedy, jedenfalls aber den Vertreter eines fortschrittlichen Amerikas gesehen, der seinen Konkurrenten George H. W. Bush in die Schranken verwiesen hätte. Dann stolperte Hart über die Affäre mit dem Model Donna Rice.

Wenn Regisseur Reitman („Juno“, „Up in the Air“, „Tully“) recht hat, dann war dies der Moment, in dem der Boulevardklatsch den Politjournalismus endgültig verdrängte: Noch beim Watergate-Skandal hatten die Reporter unnachgiebig kriminelle Machenschaften im Zentrum der Macht recherchiert, nun stiegen sie einem Politiker nach. Nicht mehr die damals gerade akute Iran-Contra-Affäre beherrschte die Schlagzeilen, sondern das Techtelmechtel des Kandidaten Hart.

Kompromisslos schlägt sich Reitman auf Harts Seite

Ob es wirklich so simpel war und der arme Gary Hart zum ersten Opfer einer neuen Zeit wurde? Spielte der persönliche Auftritt nicht beispielsweise schon beim Fernsehduell zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy eine wichtige Rolle? Reitman sieht die Zäsur im Umgang mit Hart – und diese Perspektive zu akzeptieren fällt dann doch leicht, weil der sympathische Australier Hugh Jackman den Kandidaten Hart als idealistischen Politiker mit viel Charisma verkörpert.

Kompromisslos schlägt sich der Regisseur auf Harts Seite: Dessen Ausschweifungen werden auf der Leinwand komplett ausgespart. Als weitere sexuelle Affären aus Harts Vergangenheit ans Licht kommen, zeigt sich der Politiker am Boden zerstört – aber weigert sich beharrlich, seine Lügen mit seiner Eignung als US-Präsident in Verbindung zu bringen.

Seine Ehefrau Lee (Vera Farmiga) hält trotz ihrer seelischen Verletzungen mindestens so sehr zu ihm, wie elf Jahre später Hillary Clinton zu ihrem Bill halten wird, als der sich mit einer Sekretärin namens Monica Lewinsky einlässt. Nur zaghaft wird – quasi im Vorausblick auf die #MeToo-Debatte und eher pflichtschuldig – angedeutet, dass hier ein Politiker seine Machtposition gegenüber Frauen schamlos ausgenutzt haben könnte. Wollte Donna Rice nicht ursprünglich einen Job im demokratischen Wahlkampfteam?

Regisseur Reitman: Politiker sind auch nur Menschen

Hart scheiterte an den hohen moralischen Ansprüchen, die er für sich öffentlich in Anspruch genommen hatte. Sein Fall löste umso mehr Schadenfreude aus, als herauskam, dass er seine Affäre mit Rice auf einem Boot begonnen hatte, das ausgerechnet den Namen „Monkey Business“ trug. Und das heißt so viel wie: Krumme Touren.

Doch trifft der kanadische Regisseur Reitman einen anderen Punkt in seinem trotz mancher Einwände sehenswerten Film: Er beharrt darauf, dass Politiker auch nur Menschen sind. Als die Medienmeute zur Hatz auf Hart bläst, hat dieser keine Chance mehr – auch wenn der ein oder andere Chefredakteur sehr genau weiß, dass er unterschiedliche Messlatten anlegt.

Was aber entscheidender ist: Die Jäger sind selbst Gejagte. Lieber bedienen sie selbst niedere (Leser-)Instinkte, als dass ihnen andere zuvorkommen. Ob sie eine Rufmordkampagne vorantreiben oder nicht: Sie jagen den Nagel immer tiefer ins Fleisch.

Harts Prophezeiung: Amerika bekommt Führer, die es verdient

Am Ende gab Hart auf, um seine Familie zu schützen, wie es ja immer so schön heißt. Aber seinem Publikum hatte er in einer letzten Rede noch etwas mitzuteilen: Der brutale Umgang mit Politikern werde dazu führen, dass die Besten künftig nicht mehr für führende Ämter zur Verfügung stünden. Amerika bekomme die Führer, die es verdiene. Könnte sein, dass er damit recht gehabt hat.

Von Stefan Stosch / RND

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