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Kultur „Drei Gesichter“ – Jafar Panahi dreht munter weiter
Nachrichten Kultur „Drei Gesichter“ – Jafar Panahi dreht munter weiter
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06:00 26.12.2018
Rettungstrupp: Jafar Panahi (l.) und Marziyeh Rezaie wollen Schlimmes verhindern. Quelle: Foto: Weltkino
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Hannover

Jafar Panahi hat ein subversives Mittel perfektioniert, um das ihm auferlegte Berufsverbot auszuhebeln: Der iranische Regisseur inszeniert sich in seinen Filmen selbst. So begibt er sich in den Schutz der Weltöffentlichkeit und hält das Regime auf Distanz – bei dem man sowieso nicht mehr so recht weiß, ob es seinen berühmtesten Filmemacher nun lieber drangsalieren oder doch auf ihn stolz sein möchte. Nachrichten von Sanktionen wegen seines „illegalen“ Filmschaffens sind nicht bis nach Europa gedrungen.

Panahi hat Berufsverbot – und dreht einfach weiter Filme

Zum vierten Mal hat Panahi nun seinen Trick angewendet, seit ihm die iranische Führung vor acht Jahren wegen „Propaganda gegen das System“ verurteilt hat. In „Drei Gesichter“ taucht der Filmemacher wieder als er selbst auf, überlässt es aber den Frauen, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen.

Wie man sich das vorstellen muss, nicht arbeiten zu dürfen und trotzdem zu filmen, kann man Panahi nicht fragen: Die Filme des 58-Jährigen reisen ohne ihn ins Ausland – nach Cannes 2011 hatte er sein Werk per Stick in einem Kuchen eingeschmuggelt. Panahi selbst darf den Iran nicht verlassen. Eine gegen ihn verhängte Haftstrafe von sechs Jahren blieb ihm zumindest bis heute erspart. Sein Berufungsverfahren läuft.

Panahis Bewegungsspielraum hat sich beständig vergrößert. Nach „Dies ist kein Film“ (2011), gedreht im eigenen Wohnzimmer (mit Chamäleon als Co-Star), folgte „Closed Curtain“ (2013), angesiedelt in einem abgelegenen Haus am Meer. Zuletzt kurvte er in „Taxi Teheran“ (2015) durch die iranische Hauptstadt. Nun unternimmt er eine Landpartie, die eine Rettungsmission ist: Die im Iran bekannte Fernsehschauspielerin Behnaz Jafari (die ebenfalls sich selbst spielt) hat ein Selbstmordvideo auf ihrem Handy zugespielt bekommen: Eine junge Frau ist auf dem Filmchen zu sehen, die sich in einer Höhle augenscheinlich zu erhängen versucht.

Die Bergbewohner sind so sympathisch wie engstirnig

Panahi und Behnaz fürchten das Schlimmste, auch wenn es eher selten passieren dürfte, dass ein Selbstmordopfer ein Video nach der Tat verschickt. Das Rettungsteam setzt sich ins Auto und düst los zu dem Bergdorf irgendwo an der türkischen Grenze. Es geht dann zwar nicht um Leben und Tod, aber ein verzweifelter Hilferuf steckt doch hinter dem Video, wie sich herausstellt: Die eigene Familie hatte der jungen Frau namens Marziyeh (Marziyeh Rezaie) verboten, die Schauspielschule zu besuchen. Sie wusste sich keinen anderen Rat als die Handy-List, um Verstärkung anzufordern.

Einstweilen lässt die Gastfreundschaft gegenüber den Besuchern nichts zu wünschen übrig. Tee wird getrunken, Höflichkeiten werden ausgetauscht. Jafari muss Autogramme geben und erzählen, wie ihre Fernsehserie weitergeht. Zwischendurch gelingt es Panahi, politische Spitzen einzustreuen – sogar das Berufsverbot gegen ihn kommt zur Sprache. Einmal wechselt eine in Salz eingelegte menschliche Vorhaut den Besitzer. Es geht hier auch um den Zusammenprall von Stolz und Aberglauben mit der modernen Welt.

Trotz aller amüsanten Begebenheiten wird klar, dass Frauen in dieser Männergesellschaft nichts zu melden haben. Die Bergbewohner mögen sympathisch sein, engstirnig sind sie doch. An keiner Stelle aber spielt Panahi den Besserwisser aus der Stadt. Das Aufeinandertreffen erinnert eher an die Begegnung zweier fremder, aber freundlich gesinnter Stämme, die sich in Kommunikation üben.

Panahi lässt bei Entscheidungen der Begleiterin den Vortritt

Unaufgeregt treibt das Teheraner Rettungsduo die Sache des Mädchens voran. Wenn es ans Entscheiden geht, lässt Panahi seiner Begleiterin den Vortritt: „Eine Frau kann solche Dinge besser regeln“, sagt er. So verbringt Panahi die meiste Zeit im Auto – telefoniert, isst und schläft und lässt die Frauen machen.

Irgendwann werden in diesem genauso humorvollen wie hoffnungsvollen Film Kühe auf einer schmalen Bergstraße zur Besamung in die eine Richtung transportiert, zwei Frauen laufen entschlossen in die entgegengesetzte.

Von Stefan Stosch / RND

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