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Kultur Filmkritik zu „Es gilt das gesprochene Wort“ – Drama über eine Scheinehe
Nachrichten Kultur Filmkritik zu „Es gilt das gesprochene Wort“ – Drama über eine Scheinehe
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15:17 31.07.2019
Einen Versuch ist es wert: Marion (Anne Ratte-Polle) lässt sich auf ihren Scheinehemann Baran (Oğulcan Arman Uslu) ein. Quelle: Foto: X-Verleih
Hannover

Aus dem tiefsten Anatolien reist Baran (Oğulcan Arman Uslu) nach Abschluss seines Militärdienstes per Anhalter Richtung Marmaris. Die Stadt an der türkischen Ägäis ist ein Urlaubsparadies, in dem sich viele europäische Touristen tummeln. Baran träumt davon seinen ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen und in Europa ein neues Leben anzufangen. „Ich mache alles“ sagt er zu dem Wirt, der ihn misstrauisch mustert und den Bewerber erst einmal vortanzen lässt.

Der Neue landet als Spüler in der Küche und verdient sich schon bald, wie der Rest der Belegschaft, sein Zubrot mit sexuellen Dienstleistungen für westliche Touristinnen. Die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle) zeigt sich wenig interessiert an den Avancen des jungen Gigolos. Sie nimmt sich mit dem anderweitig verheirateten Raphael (Godehard Giese) nach einer Krebsdiagnose gerade eine Auszeit.

Die Gründe der Heldin für die Scheinehe bleiben im Dunkeln

Der gemeinsame Urlaub ist das Ende der Affäre. Mit den plötzlichen Hilfsangeboten des Gelegenheitsliebhabers kann Marion nicht umgehen und schickt ihn nach Hause. Als sie vor ihrer Abreise erneut Baran trifft und der sie bittet, ihn nach Deutschland zu holen, lässt sich Marion aus einem Impuls heraus auf die Scheinehe mit dem Unbekannten ein.

Vielleicht weil sie im Angesicht der lebensbedrohlichen Krankheit etwas tun will, das in die Zukunft gerichtet ist. Vielleicht weil sich die unvernüftige Entscheidung einfach richtig anfühlt. Die Gründe bleiben in Ilker Çataks „Es gilt das gesprochene Wort“ ein Geheimnis der Figur.

Und das passt zu dieser selbstbewussten Frau, die sich nicht gern in die Karten schauen lässt und von der fabelhaften Anne Ratte-Polle mit einer geradezu strahlenden, persönlichen Integrität verkörpert wird. Die Pilotin ist es gewohnt zu lenken und weiß, was sie will. Durch ihre Krankheit gerät sie in den Zustand einer produktiven Verunsicherung, aus dem heraus sie sich mehr als ursprünglich geplant auf ihren Scheinehemann einlässt.

Regisseur Çatak unterminiert die Zuschauererwartungen

Mit großer Sensibilität und ohne melodramatische Posen lotet Çatak die Liebes- und Machtverhältnisse in der ungleichen Beziehung aus. Dabei unterminiert er immer wieder die von Stereotypen geprägten Erwartungen. Das Klischee der toughen Karrierefrau wird hier ebenso dekonstruiert wie das des hilfsbedürftigen Migranten. Die beiden ringen darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Dabei schaut man gerne und interessiert zu, weil der Film – anders als sein Titel suggeriert – davon weniger in ausgefeilten Dialogen als über Emotionen erzählt, die sich in Blicken, Körperhaltungen oder der Klangfarbe des Gesagten entfalten.

Happy-End-Verweigerung in „Es gilt das gesprochene Wort“

Dazu passt das in kühlen Farben gehaltene hanseatische Setting Hamburgs, in dem es dem Neuankömmling nicht leicht fällt sich einzurichten, obwohl er sein neues Leben in Deutschland mit ambitioniertem Elan angeht. Auch wenn die ein oder andere Plotwendung in „Es gilt das gesprochene Wort“ vielleicht ein wenig überdosiert erscheint, bleibt Çatak seinem differenzierten Konzept treu.

Sein Film verweigert sich den romantischen Happy-End-Ansprüchen und findet eine überraschende, offene Schlusswendung, die dem Selbstbewusstsein und der Widersprüchlichkeit seiner Figuren gerecht wird.

Filmtitel: „Es gilt das gesprochene Wort“

Darsteller: Oğulcan Arman Uslu, Anne Ratte-Polle

Filmlänge: 120 Minuten

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Von Martin Schwickert

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