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Kultur „Shoplifters“: Lob der Patchwork-Familie
Nachrichten Kultur „Shoplifters“: Lob der Patchwork-Familie
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08:00 25.12.2018
Wahlverwandtschaften: Vater Osamu Shibata (Lily Franky) mit seiner Familie – auf dem Schoß die kleine Yuri (Miyu Sasaki). Quelle: Wild Bunch
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Hannover

Als die vermeintliche Familie aufgeflogen ist, stellt die Polizei aus ihrer Sicht dringliche Fragen. Doch die Frau, die für die Behörden die Entführerin der kleinen Yuri ist, scheint keinerlei Schuldbewusstsein zu haben. Nobuyo sagt: „Ich habe Yuri gefunden. Weggeworfen hat sie jemand anderes.“ Ob die Polizei in Tokio diese Antwort verstehen kann?

„Shoplifters“ war der Siegerfilm von Cannes

Zuschauer von Hirokazu Kore-edas Cannes-Siegerfilm „Shoplifters“ können es auf jeden Fall. Sie haben gesehen, wie Yuri (Miyu Sasaki) von dieser eigentümlichen Patchwork-Familie aufgenommen wurde: Familienoberhaupt Osamu (Lily Franky) und der zwölfjährige Shota (Jyo Kairi) kamen spätabends von ihrem täglichen Raubzug mit den Lebensmitteln fürs Abendessen zurück. Unterwegs entdeckten sie Yuri mutterseelenallein und in der Kälte bibbernd auf einem Balkon. Wo steckten ihre Eltern? Nirgendwo zu entdecken.

Osamu fragte Yuri, ob sie mitkommen wolle zum Abendessen, so als sei die Einladung an ein vierjähriges fremdes Mädchen die selbstverständlichste Sache von der Welt. Die hungrige Yuri wollte. Eigentlich sollte sie nach dem Essen und einem warmen Bad wieder nach Hause gebracht werden. Dann aber war es schon so spät und draußen so kalt. Und dann entdeckte Nobuyo (Ando Sakura) verdächtige Striemen an Yuris Armen. Wurde sie geschlagen? Yuri blieb, zumindest vorläufig.

Drei Generationen, fünf Menschen lebten da schon unter einem Dach im viel zu kleinen Häuschen von Oma Hatsue. Die Großmutter hat eine kleine Rente, Osamu arbeitet auf dem Bau, seine Frau Nobuyo in einer Wäscherei, Teenager Aki erledigt Sexcam-Jobs, und Shota ist ein gewiefter Ladendieb. Ihren eigentlichen Lebensunterhalt verdient die Familie mit Gaunereien. Wer hier eigentlich wie mit wem verwandt ist, wird immer unklarer, je länger der Film dauert.

Nasenreiben mit dem Zeigefinger bringt Glück

Und dann passiert die Sache mit Yuri (Miyu Sasaki). Bald schon schneidet Nobuyo der Kleinen liebevoll die Haare. Gemeinsam fahren sie zum Baden an den Strand. Yuri sieht zum ersten Mal das Meer und planscht ausgelassen mit den anderen im Wasser herum.

Shota bringt Yuri die Kunst des Stehlens bei. Es gibt dabei feste Regeln: Bleib ruhig, warte, bis wenig Personal zu sehen ist – und dann reib dir erst mal mit dem Zeigefinger die Nase, bevor du die Ware unauffällig in deinem Rucksack verschwinden lässt. Dieses Ritual bringt Glück.

Yuri fühlt sich geborgen, und für gesetzliche Regeln interessiert sie sich sowieso nicht. Allmählich beginnen die eben noch so traurig dreinblickenden Augen der Kleinen zu strahlen in diesem sanften, aber nie kitschigen Film.

Das Drama „Shoplifters“ bietet keinesfalls süße Weihnachtsware

Erst zweifeln wir Zuschauer, ob das zu verantworten ist, was da in Tokio passiert. Aber dann bangen wir mit Yuri, wie lange ihr neues Familienglück wohl hält – wohl wissend, dass in jedem Moment der Rausschmiss aus dem privaten Paradies droht. Und tatsächlich: Als sich Shota auf der Flucht nach einem missglückten Diebstahl verletzt, ändert sich in Sekundenschnelle alles.

Damit kein Irrtum entsteht: Das Drama „Shoplifters“ bietet keinesfalls zuckersüßer Weihnachtsware – auch wenn der Film nun punktgenau zum Fest vermarktet wird. Regisseur Hirokazu Kore-eda ist kein Sozialromantiker, wohl aber ein Experte für ungewöhnliche Familienbeziehungen.

Ruhig und gelassen erzählt er immer wieder davon. In „Nobody Knows“ (2004) werden vier Kinder von ihrer Mutter verlassen, warten stoisch auf ihre Rückkehr im Apartment und müssen einstweilen lernen, sich selbst zu versorgen. „Like Father, Like Son“ (2013) handelt von einem reichen und einem armen Ehepaar, die erfahren, dass ihre Söhne vor Jahren im Krankenhaus vertauscht wurden. Welches Paar hat denn nun Anspruch auf welches Kind? Und in „Unsere kleine Schwester“ (2015) entdecken drei Schwestern, dass sie noch eine vierte Halbschwester haben.

Der 1962 geborene Regisseur fragt danach, was Liebe ausmacht

Das alles sind zärtliche Filme, aber sie sind radikal in ihrer Aussage: Der 1962 geborene Regisseur fragt danach, was Familie ausmacht – und kommt zu überraschenden Antworten. Auf biologistische Vorgaben pfeift er. Familie definiert er als Wahlverwandtschaft. Zuneigung ist dicker als Blut, Liebe zählt mehr als ein Stammbaum.

Gerade im konservativen Japan mit seinem traditionellen Familienbild löst der Regisseur mit solchen Überlegungen immer wieder Widerspruch aus. Aber wie sagt Yuris Oma, die ja gar nicht Yuris Oma ist: „Ich glaube, sie hat sich für uns entschieden.“

Von Stefan Stosch / RND

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