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Kultur Endzeitliches Gesellschaftsgemälde: Furrers „Violetter Schnee“ lässt kein Platz für Mitgefühl
Nachrichten Kultur Endzeitliches Gesellschaftsgemälde: Furrers „Violetter Schnee“ lässt kein Platz für Mitgefühl
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16:00 14.01.2019
Schneegestöber: Beat Furrers „Violetter Schnee“ als Uraufführung an der Berliner Staatsoper. Quelle: Monika Ritterhaus/Staatsoper Unter den Linden
Berlin

Oft ist die Inspiration, die erste Anregung, die den Entstehungsprozess eines Kunstwerkes in Gang gesetzt hat, im fertigen Werk kaum noch zu ahnen. Im Falle der neuen Oper des in der Schweiz geborenen österreichischen Komponisten Beat Furrer, die nun an der Berliner Staatsoper Unter den Linden uraufgeführt wurde, liegt der Fall anders: Die Inspiration überlagert das eigentliche Stück.

Fünf Menschen verlieren nach und nach die Contenance

Eigentlich schildert Furrer, der im vergangenen Jahr mit dem renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet wurde, in „Violetter Schnee“ ein endzeitliches Gesellschaftsgemälde, das wie eine Zusammenarbeit von Samuel Beckett und Yasmina Reza erscheint: Fünf Menschen sind in einem Haus von Schneemassen eingeschlossen und verlieren nach und nach die Contenance. Als sie endlich wieder ans Licht treten, ist die Welt eine andere, in der die Sonne violett scheint.

Der Tiroler Dramatiker Händl Klaus hat das Libretto nach einer Vorlage des russischen Dramatikers Vladimir Sorokin entworfen. Furrer hat dabei Wert darauf gelegt, dass der Text „durchlässig“ für die Komposition wurde. Tatsächlich greift seine Musik in die Räume zwischen die fragmentierten Wörter und überstrahlt die Handlung so mit Klang. Wer genau sich hier liebt oder streitet oder ums Überleben kämpft, spielt keine Rolle. Furrer blickt aus maximaler Distanz auf das Geschehen. Es ist der Blick aus dem Raumschifffenster auf einen fremden Planeten. Diese Szene aus dem Film „Solaris“ hat den Komponisten zur Arbeit an „Violetter Schnee“ inspiriert. Und ganz ähnlich tritt das fertige Stück nun dem Zuschauer entgegen: eine andere Welt, die eigenen Gesetzen folgt.

Zart und kristallin, aber auch unbeherrschbar gewaltvoll

Furrers Musiktheater übersetzt Handlung in Topografie. Seine Musik ist eine Landschaft, die zart und kristallin sein kann wie Schneeflocken, aber auch unbeherrschbar gewaltvoll wie driftende Eisplatten. Dabei nutzt er die Kraft eines großen Orchesters. Dirigent Matthias Pintscher lässt die Staatskapelle kalt leuchtende Akkorde meißeln oder dichte Klangdecken schichten, die sich schmelzend im Tonraum verschieben können oder polternd abgehen wie Lawinen.

Der winterliche Assoziationsraum öffnet sich dabei mit Pieter Bruegels Gemälde „Die Jäger im Schnee“ von 1565. Furrer und Klaus haben dem Libretto eine Beschreibung des Gemäldes vorangestellt: ein scheinbar idyllisches Winterbild, das sich bei genauer Betrachtung als Katastrophenszenario erweist.

Regisseur Claus Guth macht das Gemälde (das auch in „Solaris eine wichtige Rolle spielt) zum wesentlichen szenischen Element. Der knapp zweistündige Abend beginnt im Museum: Eine Sprecherin (Martina Gedeck) sitzt vor dem Bild und beschreibt, was sie sieht. Dann überlagert eine große Projektion des Gemäldes die Bühne (Video: Arian Andiel), und man scheint dahinter in sein Inneres zu schauen wie in die Blutbahn eines Körpers. Bühnenbildnerin Ètienne Pluss nutzt die technischen Möglichkeiten der umgebauten Staatsoper und lässt aus einem Kellerapartment albtraumhaft lange Treppen wachsen, über die man eine seltsam verschobene Realität erreicht, in der auch Bruegels finstere Figuren hausen.

Furrers tönendes Landschaftstheater

Während die Sprecherin, die außerhalb der Musik steht, mit ihrer Bildbeschreibung die szenische Produktion prägt, sind die Sänger Teil von Furrers tönendem Landschaftstheater. Anna Prohaska, Elsa Dreisig, Gyula Orendt, Georg Nigl, Otto Katzameier und die Mitglieder des Vokalconsorts Berlin erweisen sich dabei als selbstlose Virtuosen. Furrers Musik verwandelt ihre Charaktere in tote Materie oder Elemente wie Stein, Eis oder Feuer. Hier gibt es nichts und niemanden, mit dem man mitfühlen kann. „Violetter Schnee“ bleibt fremd und faszinierend wie ein unbekannter Planet. Man blickt aus dem Raumschiff. Und fliegt vorüber.

Die nächsten Vorstellungen sind am 16., 24., 26. und 31. Januar in der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Von Stefan Arndt

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