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Kultur Gutshaus als Ort der urbanen Besinnung
Nachrichten Kultur Gutshaus als Ort der urbanen Besinnung
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12:07 26.06.2018
Ort zur urbanen Besinnung: das Gutshaus von Sommerfeld bei Prohn. Quelle: Ines Sommer
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Sommerfeld/Prohn

Es tut sich was im Sommerfelder Herrenhaus. Doch die neuen Schlossherren lassen jetzt nicht gleich Maurer, Trockenbauer, Elektriker oder Installateure anrücken. „Wir wollen hier keine Kernsanierung, damit ein Hotel draus wird oder sowas. Dann würden wir das Denkmal zerstören, die Geschichte wäre weg. Man müsste zu viele Kompromisse eingehen, damit das Haus nach neuesten Bestimmungen genutzt werden kann“, sagt Christina Ahlefeld-Laurvig. Gemeinsam mit ihrem Mann Knut Splett-Henning hat sie das Sommerfelder Herrenhaus vor einem Jahr von der Gemeinde Prohn gekauft, um es zu retten. Aufmerksam wurden sie auf das Denkmal des Jahres 2010 im Internet.

Die neuen Schlossherren von Sommerfeld in der Gemeinde Prohn (Vorpommern-Rügen) vermeiden eine Kernsanierung des Gutshausses bewusst, um das werttvolle Denkmal nicht zu beschädigen, wie sie sagen.

Retten, aber wie?

„Retten heißt für uns, dass man die 600-jährige Geschichte spüren kann. Wir sind doch nur Passagiere der Zeit, die für einen Wimpernschlag der Geschichte auf so ein Gutshaus aufpassen dürfen. Wir sind ein Kapitel im Buch der Geschichte. Deshalb wollen wir so viel wie möglich im Original erhalten“, so Knut Splett-Henning und ergänzt: „Das heißt jetzt aber nicht, dass wir gar nichts machen. Eine Notsicherung, für die es auch Fördermittel gibt, liegt uns natürlich am Herzen. Und wir müssen das Dach sanieren, aber die Statik des Hauses ist gut.“ Das Schloss sei besser erhalten, als man bei äußerer Betrachtung denkt, so der 47-Jährige, der, befragt nach seinem Beruf, lachend sagt: „Ich bin Lebenskünstler.“

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Das Dach soll 2019 erneuert werden, gemeinsam mit Denkmalschutz, Umweltschützern und Architekten wolle man auch sehen, wie sich auf dem Areal die hier lebenden Tiere – von der Fledermaus bis zum Waldkäuzchen – integrieren lassen. „Die stören doch hier nicht.“

Dass die beiden neuen Schlossherren, die übrigens schon das Gutshaus Rensow gerettet haben und dort auch mit ihren drei Kindern leben, so von Sommerfeld beeindruckt sind, hat gute Gründe, wie die Frau des Hauses erklärt: „In diesem Gebäude sind mehrere Epochen vereint. Wir haben ein Wehrhaus mit Wehrturm aus dem späten Mittelalter. Zu erkennen an den meterdicken Wänden. Das ist übrigens die einzig erhaltene Anlage dieser Art in Norddeutschland. Doch es gibt auch einen Neubau, der um 1646 entstanden ist, noch heute gut nachzuempfinden an der Deckenmalerei und am Barockzimmer mit Kamin, wobei der Kamin wohl aus dem 16. Jahrhundert stammt.“ Fasziniert ist man ebenso von den Resten der Ledertapete. „Die hat Napoleon bei seinem Einmarsch zerschnitten“, weiß der Schlossherr.

Als Schutt und Müll rausgeholt waren

Und mit jedem Eigentümer, der das Gebäude auf inzwischen 800 Quadratmeter wachsen ließ, kamen neue Einrichtungsgegenstände dazu. Vieles haben die neuen Besitzer in den letzten Monaten aus dem Schutt geborgen. „Als wir das Ganze übernommen haben, mussten wir das Haus erst mal freischneiden und dann entrümpeln. Aber wir haben versucht, alte Steine oder andere Details wie Türen, Türbeschläge oder Fenster bei Seite zu legen, damit man sie wieder verwenden kann“, so Christina Ahlefeld-Laurvig, während sie uns ein paar Schätze zeigt. Die gebürtige Dänin, früher viele Jahre in der Modebranche tätig, möchte dies auch mit anderen Menschen teilen, deshalb finden in Sommerfeld kleine Veranstaltungen statt, so wie letztes Wochenende die Mittsommer-Remise.

„Wir werden hier nicht profitabel sein, aber wir haben Bock drauf, das Haus erlebbar zu machen. Uns schwebt so eine urbane Besinnung vor. Das heißt, Leute, die auf einige Dinge verzichten, können hier übernachten. Da gibt es eben Kerzen statt Lampen, denn elektrische Leitungen würden das Ursprüngliche zerstören, und das wollen wir auf keinen“, sagt Knut Splett-Henning.Die Schlossbesitzer gehen nach ihren Recherchen davon aus, dass hier einst das Stralsunder Bürgertum residierte, und eben nicht der Adel wie sonst in Gutshäusern. Von einem Fenster aus kann man die Spitze der Marienkirche sehen. „Könnte sein, dass Wulflam hier seinen Sommersitz hatte“, vermutet das Paar.

Neue Chance für ein Märchenschloss

1380, also im Spätmittelalter, sollen Wehrhaus und Wehrturm gebaut worden sein. Als Untergeschoss einer ländlichen Kemenate ist der altertümliche Bau einer der letzten derartigen Befunde in Norddeutschland.

Zum Ende des 30-jährigen Krieges wurde das Gebäude um ein Fachwerkhaus erweitert. Die Türme als Symbol der Macht wurden beibehalten. All das macht Sommerfeld zu einem Gutshaus mit überregionalem Denkmalwert.

1945 diente das Haus als große Flüchtlingsunterkunft. 108 Menschen lebten damals hier.

Mitte der 60er-Jahre bekam das Schloss neue Fenster und ein neues Dach. Vermutet wurde von den Nachbarn der Bau eines Ferienhauses, doch es blieb Wohnhaus. 1986 zogen die letzten Mieter aus. Seitdem stand es leer.

2010 verkaufte die Gemeinde Prohn nach langem Suchen das Schloss an einen Architekten aus den Alt-Bundesländern, der nach Anklam zog. Der Verkauf wurde inzwischen aber rückgängig gemacht, so dass die Kommune wieder Eigentümer war.

2017 wechselte das Areal mit Gutshaus und Grundstück in die Hände von Christina Ahlefeld-Laurivig und Knut Splett-Henning. Sie betätigen sich zunächst nur im Haus, um das Denkmal zu retten. „Die Kleingärtner können erst einmal bleiben, sie stören nicht und deshalb wollen wir sie auch nicht vertreiben“, so das Paar, das das Gutshaus Rensow in Mecklenburg rettete und dort lebt.

Sommer Ines

26.06.2018
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