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13:13 23.08.2019
Ute Fritsch vor ihrem blauen Haus. In den Händen eine Vase, die von der Stummfilm-Diva Asta Nielsen für ihre Freundin Helene Herveling-Bockenheuser, der das Sommerhaus gehörte, bemalt wurde. Der Stein soll von Joachim Ringelnatz bemalt worden sein. Im Dach des Haus fand sich vor Kurzem ein Koffer voller Bilder der Malerin Herveling-Bockenheuser. Quelle: Christian Rödel
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Hiddensee

Frühstückszeit auf Hiddensee. Fischer Steffen Schnorrenberg reinigt seine Netze im Hafen von Vitte. Voller Algen hängen sie, braunschwarz wie Schlamm. Der Fischer schimpft. „Das gab’s bis vor Kurzem nicht.“ Die Überdüngung der Felder, mithin der Ostsee, sorge dafür, dass das Meer noch mehr verschmutzt werde. „Dieses Jahr ist es extrem“, sagt der 48-Jährige. Schon sein Vater und sein Großvater waren Fischer auf der Insel.

Fischer Steffen Schnorrenberg Quelle: Christian Rödel

19 Fischer gibt es noch auf Hiddensee, die Hälfte geht bald in Rente. „Wir sind bald nur noch Schauspieler im Hafen für die Touristen“, versucht es Schnorrenberg mit Sarkasmus, um seine Ohnmacht vor Existenzsorgen, EU-Bürokratie, Naturorganisationen und Jahresfangquote in Griff zu behalten.

Gerade legt das Fährschiff „Vitte“ an. Eine überschaubare Menge an Tagestouristen zieht vorbei. Die Sonne scheint auf der Sonneninsel, der August geht allmählich zu Ende. Ein paar ältere Herren in Arbeitsklamotten, die sie sicherlich den ganzen Tag tragen und die ganze Woche, unterhalten sich an einem Schuppen unweit des Seenotrettungsbootes „Nausikaa“.

Gastronomieberaterin Cathrin Brandes vom „Roten Haus“ in Vitte. Quelle: Christian Rödel

Cathrin Brandes ist Gastronomieberaterin aus Berlin. Noch bis Oktober arbeitet sie für „Das Rote Haus“ in Vitte. Das Dach erhält derzeit seinen letzten Schliff, seit sechs Wochen läuft der Betrieb mit Bar, Kultur und Gerichten wie Meerjungfrauen-Salat oder russische Eier. Cathrin Brandes scherzt: „Wir sind der neueste heiße Scheiß auf der Insel.“ Als Villa Gertrud war das Haus gleich neben der Seebühne ein Frisörsalon und trug bereits seinerzeit das Schwedenrot als Kleid. Dann wurde es zur Hiddenseeklause, Spitzname: Roter Affe. Nun heißt es „Das Rote Haus“. Farben sind wichtig auf der Insel. Es gibt beispielsweise noch das weiße Haus, die blaue Scheune oder das blaue Strandhaus.

Die Seebühne ist ein privat betriebenes Kammertheater – Theater auf kleinstem Raum in einem ehemaligen Bretterverschlag. Unter anderem waren hier schon die Schriftsteller Christoph und Jakob Hein, der Filmregisseur Andreas Dresen, die Schauspieler Christian Grashof oder Jörg Schütthauf, Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky. Kartenreservierungen funktionieren hier analog: Auf einem großen Blatt Papier, das an der Tür hängt, vermerkt man seinen Namen, das Datum der Vorstellung plus Anzahl der benötigten Tickets. Fertig.

Gegenüber „Tante Hedwig“, Kaffeehaus und Hofladen. Hier sieht man noch junge Frauen bei einer Tasse Kaffee lange in einem Buch lesen. Eine Katze schnurrt sich durch die Beine der Gäste auf der Terrasse. Hinterm Tresen wird gelacht.

Viele leihen sich auf der autofreien Insel ein Fahrrad aus und rollen zum Beispiel Richtung Kloster. Vorbei an dem Haus mit der Aufschrift „Homunkulus Figurensammlung“. Puppenspieler Karl Huck, der auch der Leiter der Seebühne ist, steht noch einen Moment mit seiner Frau Wiebke Volksdorf vor der Tür. „Um 11 Uhr beginnt die Vorstellung“, sagt sie. Es ist 11 Uhr.

Auf der Hauptstraße nach Kloster fällt ein sogenannter Stolperstein auf: „Hier arbeitete Paula Arnheim, Malerin, deportiert 1942, tot 1942 in Theresienstadt“.

Das „Karusel“ kommt in Sicht, das Sommerhaus der Stummfilm-Diva Asta Nielsen (1881–1972), die hier von 1929 bis 1936 – bis ihr Deutschland politisch zu ungemütlich wurde – auch bekannte Größen wie Joachim Ringelnatz (1883–1834) oder Schauspieler Heinrich George (1893–1946) empfing. Frau Nielsen ist immer noch präsent auf dem überschaubaren Eiland, schon am Abend gibt es die nächste Begegnung.

Die Rettungsschwimmer Ida Ramm und Patrick Jungblut. Quelle: Christian Rödel

Am Ortseingang von Kloster gibt es einen Strandaufgang. Gleich hinter der Düne haben zwei Rettungsschwimmer Dienst: Studentin Ida Ramm (19) aus dem sächsischen Löbau und Patrick Jungblut, Student aus Paderborn (Nordrhein-Westfalen). Auf dem Wasser bilden die Wellen Schaumkronen, Windstärke drei bis vier, die gelbe Flagge haben die Retter gehisst. „Das bedeutet, dass wir empfehlen, dass nur Schwimmer, aber keine Schwimmanfänger, ins Wasser gehen“, erläutert der 24-Jährige. Regelmäßig bleiben Strandgäste am Häuschen der beiden Studenten stehen. Sie schauen auf eine kleine Tafel auf der jeden Tag ein neuer, kecker Spruch geschrieben steht. Heute: „Es ist bestimmt kein Zufall, dass man als Vogelscheuchen immer nur Männer aufstellt.“ Damen schmunzeln, Männer nicken.

Inselbäcker in dritter Generation: Andreas Kasten Quelle: Christian Rödel

Der einzige Inselbäcker heißt Andreas Kasten. Noch etwas müde schlurft er 13 Uhr auf die Terrasse vor seinem Geschäft. Öffnet eine Flasche mit Kakaomilch, steckt sich ’ne Zigarette an. „Um Mitternacht beginnt meine Arbeit“, berichtet der 61-Jährige. Seine Brote backt er in seinem Kohledampfofen, etwa 100 pro Tag. Dazu kommen im Sommer 1000 doppelte Brötchen und 300 Roggenbrötchen pro Tag. Zehn Bleche Kuchen. „Am beliebtesten sind Kirschschnecken.“ Der Bäcker ist schon immer auf der Insel. „Zu DDR-Zeiten haben wir 4000 Brötchen, 30 Bleche Kuchen und doppelt so viele Brote gebacken.“ Damals gab’s noch fast jeden Tag Disko in Kloster. Es wurde gesoffen, gearbeitet, getanzt, geküsst. Andreas Kasten lacht. Bei ihm haben sie alle schon etwas geholt: Katja Ebstein („Die wollte immer nur Weißbrot.“), Rolf Hoppe, Dean Reed, Wolfgang Joop. Am Nebentisch sitzt Klaus Böselt aus Erfurt. „Ich bin dieser Insel seit 50 Jahren hörig und komme jedes Jahr hierher“, sagt er. Das Licht, das Wasser, der Wind, die Ruhe.

Künstler Torsten Schlüter in seinem Kunstgarten in Kloster. Quelle: Christian Rödel

Torsten Schlüter (60) sitzt in seinem Kunstgarten in Kloster. Schlanker, großer Mann, Latzhose, Wildlederschuhe, Union-Fan, trinkt seinen Kaffee türkisch, während unablässig die Geräusche der Meeresbrandung herüberwehen. Der Klang von Hiddensee. „Ich stehe oft morgens um 5 Uhr auf, schnappe mir den alten Drahtesel und dann geht’s ins Licht“, sagt er. Zeichnet und skizziert irgendwo auf der Insel. Seit 36 Jahren ist der Berliner und Hiddenseer Maler im Sommer auf der Insel. Abends hängt er mit weißen Handschuhen seine Bilder im Garten auf, ab 18 Uhr ist sein Kunstgarten geöffnet (noch bis 29. August). „Bevor die Sonne kommt und bevor sie geht, gibt es hier eine irre Stimmung“, versucht der Künstler einen Teil der Faszination der Insel zu beschreiben. „Entweder atmet hier die Stille oder es tobt der Sturm.“

Inselpolizistin Martina Dominik in ihrem Elektro-Dienstwagen Quelle: Christian Rödel

Inselpolizistin Martina Dominik schwebt mit ihrem Elektro-Nissan Richtung Vitte, bleibt kurz stehen. Was gibt es auf der Insel für die Polizei zu tun? „Soeben habe ich für eine Behörde Personalien feststellen müssen“, berichtet sie. Manchmal gehe es um Diebstähle oder um Sachbeschädigungen. „Ich bin auch Sozialarbeiterin und Kontaktperson“, sagt die fröhliche Frau und huscht lautlos weiter.

Die Sonne steht tiefer, später Nachmittag, die Tagestouristen sind verschwunden, langsam kommt die August-Kühle in den Garten von Ute Fritsch gekrochen. Seit ein paar Tagen ist sie offizielle Besitzerin (zusammen mit ihrer Schwester) des blauen Hauses unweit des Nationalparkhauses bei Vitte. Seit 15 Jahren bringt sie bei literarischen Führungen Gästen das künstlerische Flair der Insel näher – mit fundiertem Fachwissen und Liebe zum Ort. „1989 war ich als Studentin zum ersten mal auf Hiddensee“, erzählt sie. Das blaue Haus sei ein noch unentdecktes Künstlerhaus, das wieder ein kultureller Ort werden soll. Die Leipziger Malerin Helene Herveling-Bockenheuser (1878–1963) lebte und malte hier bis zu ihrem Tod über Jahrzehnte jeden Sommer. Und sie war eine der besten Freundinnen von Asta Nielsen. Vieles im Haus ist original erhalten: Geschirr, Möbel, Bilder, Bücher. Sogar eine von der Schauspielerin bemalte Vase für ihre Freundin Helene ist erhalten, auch ein Stein, der von Joachim Ringelnatz bemalt worden sein soll. Auch Ringelnatz trank hier Kaffee mit Helene Herveling und Asta Nielsen.

Kleine Entdeckungstour auf der Sonneninsel

Ute Fritsch serviert Kräutertee in alten gelbleuchtenden Tassen. Das Blau des Hauses wirkt im matter werden Sonnenlicht eher wie ein gut gelauntes Türkis. Die Hausherrin erzählt vom unverhofften Fund eines Schatzes. „Als wir mit einem Architekten das Dach untersuchten, fanden wir hinter der Verkleidung einen Koffer der Malerin.“ Darin kleinformatige Landschaftsbilder, der weißen Frau, wie Helene Herveling-Bockenheuser wegen ihrer weißen, wallenden Kleider genannt wurde. Kinder auf Hiddensee nannten sie auch mal Schleiereule.

Im „Roten Haus“ serviert Cathrin Brandes Dorsch-Krokettenbällchen. Niemand hat es eilig. Im dämmrigen Hafen von Vitte sind ein paar Spaziergänger zu sehen. Die Sonne ist so gut wie verschwunden und setzt den Dornbusch kurz in einen orange-roten Brand.

Von Klaus Amberger

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