Greifswald: Kunsthistoriker kritisieren Trend zu immer größeren Bauten - Historisches Stadtbild in Gefahr – OZ - Ostsee-Zeitung
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00:00 08.10.2013
Der Pommersche Diakonieverein baut an der Rakower Straße/Ecke Domstraße ein viergeschossiges Verwaltungsgebäude.
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Greifswald

Kunstwissenschaftler sind verärgert. Das historisch gewachsene Stadtbild Greifswalds ist ihrer Meinung nach in Gefahr. Im Zentrum der Hansestadt wird zu groß und zu wuchtig gebaut, findet Prof. Bernfried Lichtnau, der seit Jahrzehnten die architektonische Entwicklung in der Stadt verfolgt. „Wir brauchen strenge Höhenbegrenzungen für Neubauten, also die Festschreibung von Firsthöhen“, fordert er.

Das neue Mehrfamilienhaus in der Loefflerstraße und die Anbauten des Technischen Rathauses in der Rakower und der Fleischerstraße nennt der Professor als prominente Beispiele der Gegenwart. Die gesetzlichen Möglichkeiten werden für die neuen Großbauten voll ausgeschöpft, indem die höchsten Gebäude der Nachbarschaft als Vergleichsmaßstab gewählt werden. Kleine Abweichungen nach oben sind möglich. Darum sei eine konkrete Grenze der Firsthöhe sinnvoll. Außerdem würden bei Neubauten häufig mehrere Grundstücke für einen größeren Neubau zusammengelegt, argumentiert Lichtnau weiter. Ein schon realisiertes Beispiel ist der Rakower Hof.

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Unterstützung findet Lichtnau bei dem Kunsthistoriker Dr. Felix Schönrock von der Greifswalder Altstadtinitiative, dem wohl besten Kenner der Greifswalder Hausgeschichte. Auch er beklagt den Trend zu immer größeren Gebäuden in der Stadt. Das im Bau befindlichen Verwaltungshaus der Diakonie Ecke Rakower-/Domstraße und die geplanten Gebäude des neuen Campus der Uni in der Loefflerstraße gingen in die von Lichtnau kritisierte Richtung, meint er. Dort entstehen Mensa, Hörsaalgebäude und Bibliothek für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Die großen Gebäude drängen die markanten historischen Gebäude in den Hintergrund. „Selbst in der DDR wurden bei der Umgestaltung der Altstadt fünfgeschossige Häuser wie beim Rathausanbau vermieden“, sagt Schönrock. Wenn die Stadt selbst kein Vorbild sei, dann könne sie natürlich schlecht den Bürgern Vorschriften machen.

So mancher Vorpommer geht mit seiner Kritik an den Neubauten noch weiter. „Schuhkartons mit Löchern“, nennt OZ-Leser Jürgen Zocher die Anbauten des Rathauses. So weit will Lichtnau nicht gehen. Der jetzt realisierte Entwurf sei immerhin besser als der der erste, der tatsächlich aus „ungegliederten Wandflächen mit Löchern“ bestand, meint er. Durch den Verzicht auf Profile und Gesimse erschienen viele neue Gebäude als Fremdkörper. Auch würden viele Greifswalder Neubauten keine echten Akzente setzen. Lichtnaus Kollege Dr. Michael Lissok spricht gar von einem Regiment des Mittelmaßes bei den Nachwendebauten.

„Bei öffentlichen Gebäuden müssen echte Archtitektenwettbewerbe mit offenem Ausgang Pflicht sein“, fordert Lichtnau darum. „Auch bei allen anderen Neubauten sind sie wünschenswert. Außerdem sollte man sich Zeit zum Überlegen und zur Diskussion über die beste Lösung für das jeweilige Grundstück lassen“, sagt Lichtnau. „Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass fast alle Architekten auf Unikate und sogar bewusste Gegensätze zur historischen Bebauung durch moderne Bauten setzen.“ Aber häufig sei Zurückhaltung gegenüber der vorhandenen Bebauung und den Leistungen vorangegangener Generationen angezeigt. Ein positives Beispiel dafür sei ein Neubau in der Steinbeckerstraße 18.

„Wenn man vom Turm der Nikolaikirche herunterschaut, sieht man, wie langweilig die Greifswalder Dachlandschaft durch all die neuen Flachdächer geworden ist“, ergänzt Schönrock. „Warum entstehen heute keine großen Satteldächer mehr, die innen ausgebaut werden“, fragt er. „Satteldächer hat es schon in allen Epochen der Stadtgeschichte gegeben.“

Eckhard Oberdörfer

08.10.2013
08.10.2013