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Kultur Horizonte Zingst setzt auf Schönes und Schreckliches
Nachrichten Kultur Horizonte Zingst setzt auf Schönes und Schreckliches
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10:35 26.05.2019
Ein Dialog von unglaublich Schönem und Entsetzlichem: die Freilicht-Ausstellung „Vorsicht Plastik“ am Strand von Zingst beim Umweltfotofestival Horizonte 2019. Quelle: Thomas Pult
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Zingst

Er sieht zum Gotterbarmen aus. Der Weißstorch, den der Fotograf John Cancalosi auf einer spanischen Müllkippe ablichtete, hat sich völlig verheddert in einer Plastiktüte. Er wird nicht mehr fliegen können, so sieht es aus. Er wird keine Nahrung mehr erbeuten, keine Kinder mehr nähren können, er wird sterben – so ihm niemand hilft.

Es sind Bilder wie dieses, das derzeit aus Anlass des Umweltfotofestivals Horizonte großformatig am Strand von Zingst zu sehen sind, die zu Ikonen werden und Menschen derart aufrütteln können, das sie ihr Handeln überdenken. Wer vorher im Edeka-Markt des Ortes eine Einweg-Flasche Saft oder Selters gekauft und mit an den Strand gebracht hat, bekommt beim Anblick solcher Aufnahmen ein schlechtes Gewissen.

Sehen Sie hier einige der faszinierendsten Bilder des 12. Umweltfotofestivals

Fotos als Dialog von Schönem und Entsetzlichem

Genau auf solche Reaktionen zielt das Umweltfotofestival seit zwölf Jahren unter anderem ab. Die Bilder sind ein „Dialog von unglaublich Schönem und Entsetzlichem“, wie die Schirmherrin des diesjährigen Festivals, die bekannte Tiefsee- und Polarforscherin Prof. Antje Boetius, es am Sonnabend in ihrer Eröffnungsrede nannte. Dieser Gegensatz zieht sich durch viele der Ausstellungen, die in diesem Jahr bis zum 30. Juni in Zingst zu sehen sind – oft unter freiem Himmel, mitten im Ort. Da sind in ihrer Art bedrohte Orang Utans, deren Lebensräume zerstört werden. Da sind die zu verschwinden drohenden polaren Landschaften, die Esther Horvath bei Forschungen des Alfred-Wegener-Instituts aufnahm. Und da sind eben diese verstörenden und dennoch faszinierenden Fotos direkt an der Zingster Seebrücke, die zeigen, welche Auswirkungen Plastikmüll auf die Weltmeere hat.

Bilder vom Eröffnungstag des Umweltfotofestivals Horizonte Zingst

„Wir haben den Mut und zeigen die Bilder vom Klimawandel“, sagte Kurator Klaus Tiedge während der Eröffnungsveranstaltung. Seit zwölf Jahren habe sich das Festival des Umweltthemas angenommen, das heute mehr denn je im Fokus steht, da Schüler jeden Freitag für den Klimaschutz auf die Straße gehen, da eine UN-Resolution auf die Artenvielfalt abzielt und Plastikmüll in Weltmeeren Dauerthema in TV-Talk-Shows ist. „Unsere Devise heißt ,Fotos for Future’“, so Tiedge.

Angela Merkel und Klaus Kinski in Schwarz-Weiß

Doch geht das Festival durchaus über das Umweltthema hinaus. In der Ausstellung „One World“ im Hotel „Vier Jahreszeiten“ etwa sind Aufnahmen des Gastlands Schweiz – ausgewählt vom Greifswalder Galeristen Peter Konschake – zu sehen; Porträts von Angela Merkel etwa, aufgenommen in den Jahren 1991 und 2006 von Herlinde Koelbl. Die „Spuren der Macht“, so der Titel der Bilder, sind Merkel deutlich anzusehen in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Ebenfalls Schwarz-Weiß: Klaus, Kinski, das Enfant Terrible der Schauspielkunst, der vom Schweizer Fotografen Beat Presser eingefangen wurde. Sehr bunt dagegen ist die Freilicht-Ausstellung in der Zingster Jordanstraße: „Homage to Humanity“ heißt sie, auf Deutsch: Huldigung an die Menschheit.

So groß ist das Festival

Zum Programm des 12. Umweltfotofestivals Horizonte Zingst gehören 20 Fotoausstellungen internationaler Fotografen, 120 Fotoworkshops, 14 Multivisionsshows, bei denen die Besucher etwas über den Hintergrund der Bilder erfahren, sowie ein Fotomarkt mit mehr als 50 Ausstellern aus der Fotoindustrie. Insgesamt werden zwischen 600 und 800 Bilder von mehr als 100 Fotografen gezeigt. Hinzu kommen Veranstaltungen wie die abendliche Bilderflut am Strand auf der 72 Quadratmeter großen Leinwand, wo sich Profi- und Hobby-Fotografen treffen.

Der Fotograf Jimmy Nelson zeigt hier im Auftrag des Geo-Magazins anhand indiginer Völker, in welch’ facettenreicher Welt wir leben – und weist zugleich darauf hin, dass die Globalisierung Traditionen und Kulturen auszulöschen droht. Dem US-Amerikaner Johnny Miller gelingt es indes am Zingster Postplatz, mit Hilfe von Drohnenfotos die krassen sozialen Gegensätze in Großstädten auf der ganzen Welt einzufangen. Und der Japaner Takehiko Sato spürt in extremen Nahaufnahmen verborgenem Leben nach und zeigt deren überraschend schöne Strukturen – die eines Schleimpilzes etwa oder die der Feder eines toten Vogels. Dafür erhielt er in diesem Jahr den „horizonte international photo award“.

45 000 Besucher in „phantastischer Landschaft“

Es gibt also wieder viel zu entdecken in Zingst, wo sich die Fotowelt in diesen Tagen trifft. 45 000 Besucher werden erwartet. Das sorgt auch für volle Hotels. „Und selbst die Campingplätze stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen”, erzählte Matthias Brath, Chef der Zingster Kur- und Tourismus GmbH. Die Festival-Gäste schätzen dabei nicht nur die hohe Qualität der Bilder, sondern auch das Drumherum. „Ich bin ein bekennender Fan der phantastischen Landschaft hier“, sagte etwa Schirmherrin Antje Boetius. Mittlerweile kenne sie hier jeden Quadratmeter – „auch wenn ich aus Bremerhaven komme“.

Auf einen vermeintlich gestrandeten Pottwal am Strand, dessen lebensgroßes Modell im vergangenen Jahr für Furore in Zingst gesorgt hatte, verzichten die Macher in diesem Jahr jedoch. „Aber die Aktion hat uns viele Schlagzeilen und damit auch Werbung gebracht“, sagt Rico Nowicki, Produktmanager für Fotografie im Ort, lächelnd. Die vielen phantastischen Fotografien, die das Ostseeheilbad in diesem Jahr zeigt, sind aber auch ohne „Wal-Fälschung“ spektakulär genug.

Thomas Pult

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