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Kultur Im Wiedersehen liegt der erste Konflikt
Nachrichten Kultur Im Wiedersehen liegt der erste Konflikt
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07:13 30.06.2018
Fast auch im richtigen Leben wie Vater und Sohn: die Schauspieler Norbert Braun (l.) und Alex Koll. Ihre Beziehung im Theaterstück ist nicht unkompliziert, weshalb beide gespannt auf die Reaktionen des Publikums sind. Quelle: Jens-Uwe Berndt
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Ralswiek

Interview von Jens-Uwe Berndt

Die Konstellation mit Norbert Braun als Vater des sich zum Piraten wandelnden Klaus Störtebekers gab es auch schon 2013, als der Zyklus mit Bastian Semm als Titelheld begann. Was ist der größte Unterschied zum letzten Mal?Norbert Braun: Das Wiedersehen der beiden ist vollkommen anders gestaltet. Und zwar so extrem, dass ich über die Reaktionen des Publikums bei der Premiere verwundert war. Vater und Sohn prallen geradezu aufeinander und einige Informationen über das Vorher werden gar nicht gegeben. Die Begrüßung des Sohnes durch den Vater wird auf der Bühne nicht zu Ende gebracht, es passiert soviel, dass wir von den Ereignissen überrollt werden. Da würde mich interessieren, wie die Zuschauer damit umgehen. Bleibt da ein Fragezeichen? Alex Koll: Es ist wirklich eine extreme Situation. Ich finde sie zwar gut erzählt, mir geht es aber auch zu schnell. Ich glaube, dass man für die Geschichte an dieser Stelle eine Umdrehung mehr bräuchte. Aber das eigene Empfinden auf der Bühne muss überhaupt nicht mit dem Übereinstimmen, was unten ankommt.

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Inwiefern hat Dich die Publikumsreaktion überrascht, Norbert?Norbert Braun: Es gab mehrere laute Rufe nach der Ohrfeige, die Alkun seinem Sohn gibt. Vor fünf Jahren gab es nach der Wiedersehensszene auch eine Reaktion – das war geschlossener Applaus. Diesmal schallten ein paar Laute heraus, die wie Erschrecken oder Lachen klangen. Für eine tausendstel Sekunde habe ich gedacht, ich hätte es vielleicht übertrieben mit der Ohrfeige.

Du hast mehrere solcher Momente – wenn Du zum Beispiel den einfältigen Hauke niederschlägst.Norbert Braun: Da geht es mir genauso. Hoffentlich verstehn die Leute in dieser Szene, dass sich Alkun nicht anders zu helfen weiß. Es geht darum, das Leben der anderen zu retten.

Ist es Dir, Alex, wichtig, dass Du bei der Rolle echte Sohn-Gefühle entwickelst?Alex Koll: Auf jeden Fall. Natürlich habe ich die nicht, wenn wir nach der Vorstellung irgendwo zusammen sitzen. Während des Stücks mache ich mir aber meine Gedanken darüber, woher Klaus kommt, wann er die Heimat verlassen hat oder was ihm widerfuhr. Und das alles spielt in die Gefühle mit rein, die ich für den Vater entwickele.

Du, Norbert, wirst in einer Szene auf das Rad einer Wassermühle gebunden. Du leidest sichtlich. Ist es tatsächlich schmerzhaft, da mehrfach herumgedreht zu werden?Norbert Braun: Ja, das ist es. Nur Show wäre es, wenn in dieser Szene kein Wasser dabei wäre, das ständig auf mich herabfließt. Aber du bist da kopfüber, wirst wieder hochgezogen, und um nicht im Mühlenbach zu liegen, musst du dich festhalten. Ich freu mich, wenn es für den Zuschauer wie die totale Tortur wirkt. Dann haben wir den Job gut gemacht. Ich bin froh, wenn das die gesamte Saison über alles gut geht. Aber die Stuntleute haben da im Vorfeld gute Arbeit geleistet.

Störtebeker durchläuft im ersten Stück vor allem Dramen. Alex, Du verlierst als Titelheld die Freundin, verlierst den Vater, hast eigentlich nur Stress. Ist Dir das manchmal ein bisschen viel Drama?Alex Koll: Mir macht es großen Spaß, diesen emotionalen Ritt zu spielen. Klaus kommt zurück aus der Fremde, will sich in den Schoß der Familie begeben, den Hof führen, Kinder zeugen, arbeiten. Und dann wird ihm das alles genommen. Das muss man im Vollgas spielen, und auch richtig schlimm. Im Höhepunkt ist eine Menge Fanatismus drin: Jetzt mach ich die alle fertig, jetzt hält mich nichts mehr. Für mich ist es richtig gut verpackt, dass er am Ende Ernst macht und mit dem Goedeke Michels als Pirat aufs Schiff geht. Nun gut, ich stehe zum Schluss nicht als strahlender Held da, aber als tragischer vielleicht. Schauspielerisch fordert mich das sehr.

Wie seid Ihr zurechtgekommen, als Ihr aufeinandergetroffen seid?Alex Braun: Da gibt es eine kleine Begebenheit, als ich auf der Berlinale war und zu einem Empfang gegangen bin. Und zufälliger Weise – warum auch immer – hatte ich genau das gleiche an, wie beim ersten Shooting hier in Ralswiek. Auf einmal hielt mitten in Berlin kurz vorm Hauptbahnhof ein Nissan. Und es macht jemand die Scheibe runter und ruft „Hey! Du bist doch der neue Störtebeker. Ich bin der alte Störtebeker.“ Das war ein absurder kleiner Moment. Danach sind wir uns erst hier wieder begegnet und hatten gleich eine Gemeinsamkeit: das Tennis spielen. Bei den Proben hat er mich immer auf eine positive Art motiviert.Norbert Braun: Ja, diese Begegnung in Berlin war phänomenal. Ich hatte ihn bis dato nur im Trailer gesehen. Und darin hatte er immer solch eine bestimmte Geste mit dem Kragen gemacht. Und die machte er dort in Berlin auch gerade. Das muss er sein, dachte ich mir da. Als wir uns dann hier trafen, lief es sofort. Das hat aber auch damit zu tun, dass man sich hier gut aufgehoben fühlt.

Anastasia Bain, die 1999 bei Störtebeker eine Sklavin spielte und heute ein Star in der Mary-Poppins-Inszenierung in Hamburg ist, sieht in Dir, Norbert, den einzig wahren Titelhelden. Was empfindest Du, wenn Du das hörst?Norbert Braun: Die Zuneigung des Publikums für den Schauspieler in einer Rolle geht meist über den ersten Eindruck. Wenn Anastasia mich so sieht, freut mich das sehr. Es ist aber sehr subjektiv. Sie kann in zwei, drei Jahren nochmal zuschauen. Vielleicht sieht sie das dann anders. Aber das Publikum liebt seinen jeweils auserwählten Star, egal wie gut er wirklich ist. Das ist eine GefühlsentscheidungAlex Koll: Vergleichen ist schwer in unserem Beruf. Jeder Fan hat seine Vorlieben. Ich habe bei meiner Ankunft immer wieder gehört, Norbert sei der einzig Wahre. Das stresst mich überhaupt nicht, denn ihm gebührt die Ehre, das hier alles mit aufgebaut zu haben. Ohne ihn, wäre vielleicht Einigens in den ersten Jahren ganz anders gelaufen.

Jens-Uwe Berndt