Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Iñárritu in Cannes: In der Haut eines Flüchtlings
Nachrichten Kultur Iñárritu in Cannes: In der Haut eines Flüchtlings
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
11:32 25.05.2017
Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu in Cannes. Quelle: Thibault Camus
Anzeige
Cannes

Scheinwerfer suchen das Gelände ab, ein Kampfhubschrauber naht: Eine Gruppe von Mexikanern geht in Deckung. Einige verstecken sich hinter den wenigen Säulen-Kakteen, andere schmeißen sich in den Sand.

„Nicht bewegen!“, schreien die Männer, die aus dem Jeep springen. „Stehen bleiben!“ Dann Schüsse und Schreie. In „Carne y Arena“ (etwa: Fleisch und Sand) lässt der mexikanische Erfolgsregisseur Alejandro González Iñárritu den Zuschauer nicht mehr sich selbst sein. Barfuß und mit Datenbrille lässt er ihn erfahren, was es heißt, ein Flüchtling zu sein - mehrere tausend Kilometer entfernt von Cannes.

Anzeige

Der 53-Jährige mehrfache Oscarpreisträger („Birdman“, „The Revenant - Die Rückkehrer“) zeigt den Film außer Konkurrenz. Er dauert nur 7 Minuten, für die Realisierung haben er und der preisgekrönte Kameramann Emmanuel Lubezki jedoch vier Jahre gebraucht. Der Kurzfilm beruht auf Erfahrungen von Menschen, die es geschafft haben, über die Stacheldrahtzäune von Mexiko in die USA zu fliehen. Laut Experten sind seit Mitte der 90er Jahre mehr als 11 000 Männer, Frauen und Kinder aus Zentralamerika bei dem Versuch gestorben, in Amerika das erhoffte bessere Leben zu finden.

Als Solo-Erfahrung wird der Film in einem Hangar auf dem Flughafengelände in Cannes präsentiert. Einzeln wird jeder in eine Schleuse gebracht, die in eine Zelle führt. Dort liegen Schuhe von Menschen, die entlang der rund 3100 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und USA gefunden wurden. In der Zelle muss man Schuhe und Socken ausziehen. Barfuß geht es dann in einen riesigen, mit Sand ausgelegten Raum. Zwei Männer helfen, die Datenkamera aufzusetzen und den Rucksack mit der Elektronik anzulegen.

Dann geht die Reise los in eine Sphäre, in der die Welt als Wirklichkeit auftritt. Und die, die uns Iñárritu hier zeigt, macht betroffen und Angst. Er glaube, dass unsere Gesellschaft den Statistiken und der Informationsflut gegenüber unsensibel geworden sei, erklärte er in einem Interview. Er wolle keine Geschichte erzählen, sondern einen Teil des Erlebens der Flüchtlinge wiedergeben, um nachempfinden zu können, was sie durchleben. Das habe nichts mit technischer Spielerei oder Voyeurismus zu tun, wehrte er sich gegen einige Kritiken.

Iñárritu präsentiert in Cannes den ersten Reality-Film. Dieses Kino sei mehr nur als eine Technik, es sei bereits eine Kunst, mit der heutige Filmemacher arbeiten, erklärte Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals. „Carne y Arena“ soll demnächst in Paris in einem vor wenigen Monaten eröffneten Virtual-Reality-Kinosaal kommen. 

Doch mit „Carne y Arena“ hat Iñárritu nicht nur eine Premiere gefeiert. Ihm ist auch eine einzigartige Symbiose zwischen Kino und Kunst gelungen. Denn im Juli wird „Carne y Arena“ als Installation im Los Angeles County Museum of Art gezeigt sowie im Tlatelolco Museum in Mexico City.

dpa

Mehr zum Thema

Das Filmfest Cannes hat wieder begonnen. Dieses Jahr ist auch Robin Campillo mit einem neuen Film im Wettbewerb vertreten. Sein Drama widmet sich französischen Aids-Aktivisten in den 1990er Jahren.

20.05.2017

Stars kommen am Wochenende einige nach Cannes: Kristen Stewart ist da, genauso wie Ben Stiller, Dustin Hoffman und Adam Sandler. Ernst scheint es zwischendrin kurz zu werden, als ein Teil der Gäste des Festivalpalastes evakuiert wird.

21.05.2017

Mit „Liebe“ und „Das weiße Band“ gewann Michael Haneke schon die Goldene Palme in Cannes. Nun ist er wieder im Wettbewerb dabei. Ob es erneut für den Hauptpreis reicht? Das wäre eine Festival-Sensation.

22.05.2017
Kultur «Queen of Cashmere» - Laura Biagiotti im Krankenhaus
25.05.2017
25.05.2017
Anzeige