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Kultur Jürgen Schäfer: Der Maler als Moderator des Zeitgeschehens
Nachrichten Kultur Jürgen Schäfer: Der Maler als Moderator des Zeitgeschehens
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11:06 17.04.2019
Der Maler Jürgen Schäfer (77) in seinem Atelier in Groß Brütz bei Schwerin. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Groß Brütz

Diese Stille. Im Atelier des Malers Jürgen Schäfer im Wald von Groß Brütz nahe Schwerin am Neumühler See bollert allein der Kaminofen. Sonst ist nichts zu hören. Draußen, irgendwo entfernt scheint die Realität in einem ICE vorbeizurasen, während hier die Ruhe eine aus der Welt gefallene Entdeckung der Langsamkeit feiert. „Die Stille hat sich als Vorzug erwiesen“, sagt der 77-Jährige. „Auch wenn ich hin und wieder das Verlangen habe, von hier zu fliehen.“ Hat er das Verlangen, zieht es ihn nach Schwerin in die Landeshauptstadt zu einer Freundin in den Bioladen. Die hat extra für den Besuch Mohnkuchen gebracht. Oder Schäfer zieht es in die Galerie Berger in Schwerin, wo von Januar bis Anfang April 30 seiner Werke unter dem Ausstellungstitel „Romantik und Zugabe“ zu sehen gewesen sind oder ins Kunsthaus Bützow, das ihn 2018 in einer großen Schau würdigte.

Ein künstlerischer Gegenpol zur Welt

Seit 1986 lebt der Maler aus Leipzig in der Stille am See. Mitten im Wald in einem großen Backsteinhaus, das den Blick auf Bäume, Felder, Sträucher oder mal ein paar Rehe oder Wildschweine, die hin und wieder im parkartigen verwilderten Garten rumstehen, freigeben. „Ich bin in meinem ganzen Leben seit 1941 vielleicht sechs Mal umgezogen“, sagt Schäfer. Er liebt die Beständigkeit, die Ruhe, das Verlässliche. Ein künstlerischer Gegenpol zu einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint und deren Fliehkräfte gesellschaftliche Übereinkünfte im Sekundentakt aus der Bahn werfen. Jürgen Schäfer ist ein Künstler, der diesen einen Schritt zurücktritt, um die Zeit, in der er lebt, zu betrachten und ihr seine Bilder entgegenzusetzen. Das Refugium im Wald dient bei ihm nicht dazu, sich von der Welt abzuwenden und in naturalistische Aquarelle oder Naturidyllen abzutauchen. Er beschäftigt sich mit seinem Jahrhundert, seinen Brüchen, seinen Katastrophen und seinen Unglaublichkeiten. Schäfer schafft Monumente in Bildern, die das Individuum in seiner Verletzlichkeit zeigen, und setzt diesen kleinen Individuen Monströses gegenüber.

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Bei diesem Maler finden sich vor allem zwei Strömungen. Mensch, Monster, Ungeheuer, Roboter auf der einen Seite. Diese großformatigen, monumentalen Werke zielen auf das kalte Herz und den Menschen im Joch der Geschichte. Womit werden wir konfrontiert und was ist es, das uns immer wieder überfordert? Im 20. Jahrhundert waren das die totalitären Systeme und die apokalyptischen Zusammenstöße der Systeme, Gesellschaftsformen und Nationallformierungen. Im angehenden 21. Jahrhundert ist das eine zunehmende Ausbeutung des Menschen in der digitalen Sklaverei. Auf der anderen Seite stehen Schäfers Akte, Porträts, Körperstudien und Landschaften. Hier folgt die Linie den Stichworten Frau, Weiblichkeit, Sehnsucht, Verletzlichkeit, Wärme. Dieser Maler stellt in seinem Gesamtwerk nicht die Frau und den Mann einander gegenüber, sondern die Frau als Symbol des Menschlichen und den Roboter als Symbol des Technokratischen, des Unmenschlichen.

„Der Formenvorrat der klassischen Moderne ist noch lange nicht ausgeschöpft.“

Und das auf der Basis großer Schule. Jürgen Schäfer wurde 1941 in Leipzig geboren, wo er zuerst auf Lehramt Kunsterziehung und Geschichte studierte. 1966 begann Schäfer sein Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst – unter anderem bei Lehrern wie Harry Blume oder Hans Mayer-Foryet. Zuletzt gehörte Schäfer der Fachklasse von Wolfgang Mattheuer an. 1971 legte er in Leipzig sein Diplom ab und begann als freischaffender Maler zu arbeiten. 1976 illustrierte Schäfer für den Eulenspiegel-Verlag den Roman „Im Namen der Hüte“ von Günter Kunert und 1978 wurde seine Bewerbung zur VIII. Kunstausstellung der DDR angenommen. 1985 hat er Werke an die Sammler Peter und Irene Ludwig aus Köln und deren Stiftung verkauft. Zwei der Bilder gehören nun als Dauerleihgabe zum Bestand des Museums der Bildenden Künste Leipzig, eines zum Bestand das Germanischen Nationalmuseums Nürnberg.

1986 dann der Umzug von Leipzig an den Neumühler See. Ein Maler der Leipziger Schule, der zwar als Künstler der letzten Generation der Klassischen Moderne angehört, sich modernen Strömungen aber verschließt. Auf seiner Homepage liest sich das so: „Der Formenvorrat der klassischen Moderne ist noch lange nicht ausgeschöpft.“ Schäfer sagt über sich, dass er der schnellen Abfolge der „Ismen“ misstraue. „Die direkte Inspiration der Schöpfung ist für mich ungebrochen. Nicht zeitgemäße Bilder, sondern zeitlose Kunst ist mein Ziel.“ Über die Kunst der Gegenwart zeigt er sich naserümpfend: „Die Moderne folgt dem Konzept der Zerstörung“, sagt der Maler, der aktuell einen Verfall von Moral in der Gesellschaft erkennt. „Es gibt keine Ethik, es gibt keine Moral mehr“, sagt er etwas resignativ. Und der Kaminofen bollert weiter.

„Ich würde gern mal mein gesamtes Werk ausstellen.“

Jürgen Schäfer ist weder abstrakter noch dekorativer Künstler. In seinen figürlichen Auseinandersetzungen mit der Zeitgeschichte gibt er sich durchaus sperrig – die Schönheit wohnt dann oft im Verborgenen. Ganz anders in seinen Kohlezeichnungen und Akten, die von Sinnlichkeit, Zuneigung zum Menschen und einem humanistischen Atem zeugen, wie seine Landschaften Zuwendung zur Welt als auch Humor ausstrahlen. Als kleine Petitesse erlaubt es sich Schäfer, kitschige Schinken auf Flohmärkten oder in Antikläden zu erwerben und sie zu Teilen zu übermalen oder mit Collagetechniken zu bearbeiten. Das wirkt schon sehr amüsant und augenzwinkernd.

Der Maler als Moderator des relevanten Zeitgeschehens. Mit seinen Mitteln. Dem Pinselstrich und dem Wort. Einen Wunsch hat er noch an die Museen Deutschlands: „Ich würde gern mal mein gesamtes Werk vom Anfang bis heute in einer Ausstellung zeigen.“

Michael Meyer

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