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Kultur Ausstellung von Katja Flint: „Ängste faszinieren mich“
Nachrichten Kultur Ausstellung von Katja Flint: „Ängste faszinieren mich“
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17:04 08.01.2019
Mit Selbstauslöser hat sich Katja Flint in ihrem heimischen Studio in Berlin fotografiert. Im Hintergrund sind Foto-Arbeiten von ihr zu sehen, die in der Rostocker Kunsthalle unter dem Titel "Eins" ab dem 13. Januar zu sehen sind. Quelle: Katja Flint
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Rostock

 Die OSTSEE-ZEITUNG sprach mit Darstellerin Katja Flint, deren Fotoarbeiten ab dem 13. Januar in der Rostocker Kunsthalle zu sehen sind.

Seit mehr als 30 Jahren verkörpern Sie als Schauspielerin menschliche Emotionen. Diese Emotionen haben Sie nun als Fotografin ins Bild gesetzt. Wie kommt man von der Schauspielerei zur Fotografie?

Ich habe mich schon immer für bildende Kunst interessiert. Ich finde es spannend, dass dort im Gegensatz zum Film Geschichten nur angedeutet und nicht auserzählt werden. Die Perspektive zu wechseln und nicht vor der Kamera sondern hinter der Kamera kreativ sein zu dürfen, ist eine interessante neue Aufgabe.

In der Rostocker Kunsthalle zeigen Sie Ihre Arbeiten erstmals in einer Schau der Öffentlichkeit. Sind Sie genauso aufgeregt wie vor einer Filmpremiere?

Es gab eine Gruppenausstellung 2017, wo ein Bild von mir gezeigt wurde. Aber es ist natürlich etwas völlig anderes, wenn eine so große Anzahl von Bildern in einem musealen Kontext gezeigt wird. Da ich seit 35 Jahren Filme drehe und mich an Filmpremieren gewöhnt habe, ist die Ausstellung etwas ganz Besonderes für mich. Viel aufregender als eine Filmpremiere.

Ihre Fotografien zeigen menschliche Emotionen, wie Angst, Hass oder Aggressionen. Was war die Idee, die hinter den Bildern steckt?

Ich habe versucht, die angespannte Stimmungslage unserer Zeit einzufangen. Momentan spürt man viel Wut, Angst und Aggressionen. Damit fange ich bei einem Fototermin mit einem Modell an: Erst mal die Wut rauslassen und dann gehen wir über zu harmonischeren Gefühlen, wie Leichtigkeit, Sinnlichkeit, Freude, Nächstenliebe, Liebe und Staunen. Ich finde es interessant, darüber nachzudenken, wie wir mit unseren emotionalen Erfahrungen umgehen, inwiefern sie unsere Entscheidungen beeinflussen und damit unsere individuelle oder gemeinsame Zukunft gestalten.

Die Schauspielerin zeigt ihre Arbeiten in der Kunsthalle der Hansestadt

Es ist für viele Menschen eine Form von Schwäche, ihre Gefühle zu zeigen. Wie gelingt es Ihnen, einem Menschen auf Knopfdruck diese Gefühle zu entlocken?

Ich erarbeite mit den Modellen verschiedene Gefühlszustände. Ich gebe ihnen eine Liste mit verschiedenen Begriffen oder ich gebe als Hilfestellung eine kleine Geschichte vor. Meinen Sohn Oscar beispielsweise habe ich gebeten, sich vorzustellen, dass er ein Banker ist, der viele Menschen um ihre Existenz gebracht hat, um diesen verzweifelten Gesichtsausdruck zu bekommen. Es ist aber nicht so, dass ich den Charakter des Modells darstellen will, sondern dass ich die verschiedenen Emotionen, die jeder Mensch hat, im Modell reflektiere.

Technisch funktioniert das mit einer langen Belichtungszeit, so dass die Bewegung zu einer Art Spur wird. Sie arbeiten mit Überblendungen, Verzerrungen, Verschmelzungen. Das Ergebnis entfaltet dadurch eine Art verstörende Wirkung. Ist das Ihre Intention, mit den Bildern zu polarisieren?

Nein, polarisieren nicht. Ich möchte mit der Verzerrung, die eine Art Abstraktion ist, darauf hindeuten, dass es mir nicht darum geht, einen Menschen so zu dokumentieren, wie er wirklich aussieht. Es geht um eine Innenschau. Die Bewegungsunschärfe liegt im Bereich des Kopfes. Der Körper ist meistens scharf. Der Körper symbolisiert das Außen und das Gesicht ist das Innen.

Also sinnbildlich für die Gesellschaft?

Es wäre schön, wenn man durch die Ausstellung geht und denkt, dieses oder jenes Gefühl kenne ich auch. So als würde der Betrachter in sich selbst hineinschauen.

Eines ihrer Fotos zeigt Toni Andres, einen Rostocker Schiffsoffizier AD, den Sie im August 2017 in Wustrow fotografiert haben. Wie kam es dazu?

Meine Nachbarin in Berlin ist die Schwester von Toni. Als ich erzählte, dass wir in Rostock eine Ausstellung planen, schlug sie vor, dass ich ihn kennenlerne. Weil er sich in der Gegend gut auskennt, haben wir gemeinsam eine Fototour durch die Landschaft in Mecklenburg-Vorpommern gemacht. Ich habe dann sowohl ihn, als auch meine Mutter auf der Strecke fotografiert. Wir haben einfach improvisiert.

War das denn das erste Mal, dass Sie in Rostock waren?

Ja. Ich habe dort ein verlängertes Wochenende mit meiner Mutter verbracht. Für uns ist es immer toll, am Meer zu sein. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, wieder nach Rostock zu kommen, das wird jetzt des Öfteren der Fall sein. Einmal zur Hängung und dann zur Ausstellung und während sie läuft vielleicht auch noch mal. Insofern hoffe ich, dass ich dann von der Stadt noch mehr kennenlerne.

Sie übernehmen bei den Shootings den Part der Regisseurin, Beleuchterin und Ausstatterin?

Ja, das bedarf weder großer Kosten noch großem Aufwand. Ich mache das alles eher im Flow. Auch die Auswahl der Modelle ergibt sich oft von alleine. Ich habe zum Beispiel die Schauspielerinnen Antje Traue und Jasna Fritzi Bauer fotografiert, weil wir uns bei Dreharbeiten kennengelernt haben. Beide sind sehr schön und fotogen. Ich habe vorgewarnt, dass man auf meinen Bildern nicht immer gut aussieht und ich glaube, genau das fanden beide interessant. Schminken muss man sich für diese Art Aufnahmen nicht. Aufgrund ihres schauspielerischen Talents konnte ich besonders filigrane Gemütszustände mit ihnen erarbeiten. Das war sehr intensiv und schön.

Sie posieren ja auch selbst als Modell. Einmal zum Beispiel mit Schnürsenkel um den Kopf. Wie ist das Bild entstanden?

Ich habe überlegt, wie man das Gefühl darstellen kann, sich in den selbst gemachten Grenzen gefangen zu fühlen. Wie ein Tier, das nicht aus dem Käfig herauskommt. Man bildet sich oft ein, irgendwas nicht tun zu können, weil einem das Selbstbewusstsein fehlt. So ein Gefühl wollte ich mit dem Schnürsenkel darstellen. Keinen Sadomasochismus (lacht).

In Ihren Fotografien geht es um Ängste. Welche Rolle spielen Ängste in Ihrem eigenen Leben?

Mich faszinieren Ängste sehr. Gerade weil die Angst oft Thema in der Kunst ist. Angst vorm Leid, Angst vorm Tod. Angst ist oft die Ursache dafür, dass sich Menschen betäuben – mit Sexualität, Drogen, Alkohol. Angst ist auch ein Antrieb des Menschen, das finde ich sehr interessant. Natürlich bin ich selbst auch nicht frei von Ängsten und mein Nachdenken über das Menschsein hat sehr viel damit zu tun. Warum haben wir Ängste und wie kann man Ängste überwinden? Wie kann man sich das Leben freudvoller und schöner machen, indem man mit seinen Ängsten besser umgehen lernt. Das ist mit Ursprung für diese Ausstellung.

So emotional vielfältig wie ihre Bilder ist auch ihr schauspielerisches Spektrum: Ob als verzweifelte Mutter eines Islamisten in „Der verlorene Sohn“, die Figur der Hobbydetektivin Franziska Luginsland, die sie selbst mitentwickelt haben, als Marlene Dietrich oder Madame Pompadour, in Kabale und Liebe. Von der Tragödie bis zur Komödie. Welche Rollen spielen sie am liebsten?

Vielschichtige Figuren, die sich im Verlauf der Geschichte verändern, spiele ich am liebsten. Anfangs war ich meist Teil dramatischer Geschichten, in den letzten Jahren habe ich auch viel Freude an Komödien. Das Komödiantische ist nicht immer ganz so einfach, wie man vielleicht denkt. Das Tempo muss stimmen und die Pointen müssen sitzen.

Im März gibt es einen neuen Film mit Ihnen und Antje Traue. „Die Freundin meiner Mutter“. Worum geht es und welche Rolle spielen Sie?

Ich spiele eine feministische bisexuelle Mutter, die ihren Sohn (Max Riemelt ) um eine Samenspende bittet, da sie und ihre lesbische Freundin (Antje Traue) eine Familie gründen wollen. Der Film nimmt die ganze Debatte um die Geschlechter ironisch auf den Arm. Hetero-, homo und bisexuelle Lebenswirklichkeiten werden in gleicherweise komödiantisch vorgeführt.

Gibt es weitere aktuelle Projekte?

Ab Ende März gibt es eine weitere Ausstellung bei Semjon Contemporary in Berlin Mitte. Im Mai werde ich wohl wieder drehen. An den freien Tagen dazwischen möchte ich mich in Museen herumtreiben und viel lesen. Und selbstverständlich arbeite ich bereits an einer neuen Fotografie-Serie.

In ihren Bildern machen Sie die Gefühle, das Innere der Menschen sichtbar. Wie wichtig sind Ihnen denn Äußerlichkeiten?

Nicht besonders wichtig. Es sei denn, die äußerliche Erscheinung erfüllt einen Sinn, zum Beispiel das Kostüm einer Filmfigur. Bei meinen Fotos symbolisieren Anzug und Krawatte die äußere Fassade hinter der sich die verborgenen Gefühle verstecken. Im Privaten kann Kleidung die Stimmung aufhellen, zum Beispiel eine leuchtende Farbe im grauen Januar.

Im Februar erscheint Ihre Monografie „Eins“, das Buch zur Ausstellung, das Sie Ihrem Sohn Oscar widmen. Ist das Ihr größter Kritiker?

Ja, das ist er. Neben seinem Regiestudium hat er in verschiedenen Funktionen bei diesem Projekt mitgeholfen. Als Modell beweist er schauspielerische Begabung, er war bei den Übersetzungen beteiligt und hat bei der Technik geholfen. Seine und weitere kritische Anmerkungen von Freunden aus der Kunstwelt, haben mir sehr geholfen.

Katja Flint wurde 1959 in Stadthagen, Niedersachsen, geboren. Ihre Kindheit verbrachte Flint in Deutschland und in den USA. Nach dem Abitur und einer privaten Schauspielausbildung in München hatte sie Engagements am Bayerischen Staatsschauspiel und an diversen freien Bühnen. Die erste Hauptrolle in einem Kinofilm spielte sie in dem Independentfilm „Kolp“ (Roland Suso Richter). Es folgten mehr als 100 Rollen in Kino und TV-Produktionen. Der Film „Marlene“ (Joseph Vilsmeier), in dem sie die Titelfigur Marlene Dietrich verkörperte, wurde mit dem Hollywood Film Award ausgezeichnet. Mit Friedrich Ani entwickelte sie die Figur der Hobbydetektivin Franziska Luginsland und spielte diese in vier Filmen. 2018 spielte Katja Flint Hauptrollen im Drama „Frankfurt, Dezember 17“ (Petra Wagner), in der Komödie „Die Freundin meiner Mutter“ (Mark Monheim) und im „Tatort – Der Turm“ (Lars Henning). Seit 2014 beschäftigt sich Katja Flint mit künstlerischer Fotografie.

Flint war von 1985 bis 2001 mit Heiner Lauterbach verheiratet. Das Paar, das sich schon 1991 trennte, hat zusammen einen Sohn. Mit Bernd Eichinger war sie fünf Jahre lang liiert. Von 2001 bis 2006 war sie die Lebensgefährtin des österreichischen Schriftstellers Peter Handke. Flint lebt in Berlin.

Die Ausstellungseröffnung ist am 12. Januar um 18 Uhr in der Rostocker Kunsthalle. Die Schau läuft vom 13. Januar bis zum 24. Februar 2019. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Montag geschlossen.

Stefanie Büssing

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