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Kultur Warum es wichtig ist, dass wir für Online-Journalismus bezahlen
Nachrichten Kultur Warum es wichtig ist, dass wir für Online-Journalismus bezahlen
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17:14 29.08.2019
OZ-Kolumnistin Leni Rabbel über bezahlten Online-Journalismus. Quelle: Leni Rabbel
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Rostock

Ich wünsche einen schönen Start in die Woche und freue mich, dass ihr meine Kolumne lest. Vielleicht interessiert es euch, vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie frei zugänglich ist und nicht zu OZ+ gehört.

Die Facebook-Kommentare der letzten Wochen und natürlich mein Publizistik-Studium haben mich dazu bewogen, mir über kostenpflichtige Inhalte im Internet Gedanken zu machen. Ich entschuldige mich im Vorhinein für mögliches Fachchinesisch und eine etwas weniger leichte Kolumne, aber das Thema liegt mir sehr am Herzen.

Mein Vater las den Sportteil, ich löste Rätsel

Ich bin noch mit der Zeitung am Küchentisch aufgewachsen. Jeder bekam beim Wochenendfrühstück den Teil, der ihm am besten gefiel. Sehr stereotypisch las mein Vater über Sport und Wirtschaft, während ich mir kleine Comics anguckte und Rätsel löste.

Heute sieht die Situation an vielen Frühstückstischen der Welt anders aus: Nachrichten werden auf dem iPad oder Smartphone gelesen. Sie haben nicht nur ihr klassischen Kleid, das Papier, eingetauscht, sie sind auch unabhängig von Raum und Zeit geworden. Auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn, in der Raucherpause, beim Essen mit Freunden – die Informationen prasseln den ganzen Tag auf uns ein, und das meist umsonst. Warum das ein Problem ist und die Gefahr birgt, dass Journalismus, wie wir ihn kennen, nicht mehr existiert, möchte ich diese Woche besprechen.

Für ihre Follower ist sie unter dem Namen „lenilicious“ bekannt, für Familie und Freunde einfach nur als Leni: Diese Rostocker Influencerin bloggt jetzt für die OZ.

Wie die Zeitungen ihre Monopolstellung verloren haben

Jahrhundertelang hatte die Presse das Informationsmonopol und sicherte daraus auch ihre Finanzierung. Durch das Internet sind Nachrichten nun aber jederzeit, an jedem Ort und vor allem kostenlos verfügbar. Die Zeitungen haben reagiert, seit 2003 sind fast alle wichtigen Zeitungen digital erhältlich, jedoch wurde keine einheitliche Richtung im Netz verfolgt. Es wurde versucht, das Angebot alleine durch Reichweite und Klicks und darauffolgende Werbeeinnahmen zu finanzieren – mit mäßigem Erfolg.

Wer kennt es nicht: auf Werbung im Internet reagiert man genervt. Ich erinnere mich an Zeiten des Streamens, bei dem ich schon vor Beginn des Filmes fünf Frauen in meiner Nähe, die größtes Interesse an mir zu haben schienen, aggressiv „wegklicken“ musste. Die Online-Werbung konnte und kann die rückläufigen Anzeigen- und Vertriebsgewinne nicht decken. Experten schätzen, dass zwei bis drei dutzend Online-Leser benötigt werden, um einen Printleser auf dem Werbemarkt auszugleichen – in Zeiten des Überangebots und der enormen Konkurrenz an Informationen keine leichte Aufgabe.

Eine veränderte Nutzer-Mentalität

Nicht zu vernachlässigen ist aber auch die Konkurrenz gegen sich selbst. Die meisten Blätter stellten ihre Angebote im Internet zunächst frei zu Verfügung. Das hatte Folgen. Zum einen wurde die Printausgabe weiter für Geld verkauft, und die Printleser finanzierten den Online-Markt so mit.

Die gravierendere Folge ist aber, dass es zu einer Gewöhnung an kostenlose Inhalte im Netz führte. Das kann ich an den Facebook-Kommentaren wie: “Kostenpflichtige Artikel? Ein Abonnent weniger!!11!“ genau so gut beobachten wie an mir selbst. Während ich in der „realen Welt“, ohne mit der Wimper zu zucken, fünf Euro für einen Drink ausgebe, fallen mir bei einer App sogar 99 Cent schwer. Im Netz herrscht eine „For-Free-Mentalität“ – ich bin doch im Internet, warum soll ich dafür bezahlen?

Warum bezahlter Journalismus dennoch unfassbar wichtig ist

Aber natürlich müssen auch Nachrichten im Internet bezahlt werden, denn wie sollen sonst die Zeitungen ihre Mitarbeiter bezahlen? Gerade in Zeiten von Fake-News sind unabhängige, professionell ausgebildete Journalisten enorm wichtig. Die Medien haben die Aufgabe, als vierte Gewalt zu arbeiten und staatliche Macht zu kontrollieren. Journalismus bedeutet nicht nur das Abbilden von Informationen und Meinungen, er soll Zusammenhänge darstellen und die manchmal unübersichtliche Realität ordnen. Und für diese Leistung und um Objektivität in der Berichterstattung zu wahren, ist ein faires Gehalt unerlässlich.

Ich hoffe, ich konnte die Bedeutung von qualitativ hochwertigem Journalismus für unsere Gesellschaft ein bisschen stärker bewusst machen und zeigen, warum auch für Nachrichten im Internet bezahlt werden muss. Nächste Woche wird es wieder lustiger, versprochen. Und dann sehen wir uns – immer noch kostenlos – hoffentlich wieder.

Alle Teile aus Lenis Kolumne gibt es hier zum Nachlesen

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Von Leni Rabbel