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16:28 01.03.2015
Die Reformkritiker befürchten, dass insbesondere das bislang gute Theaterangebot für Kinder — so wie hier das von Sascha Löschner inszenierte Märchen „Frau Holle“ — unter einer Fusion leiden würde. Quelle: MuTphoto/Gunnar Luesch
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Stralsund

In den Hansestädten Stralsund und Greifswald wächst der Widerstand gegen die von Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) angestrebte Theaterfusion. Nachdem sich in der Greifswalder Bürgerschaft bereits seit Längerem abzeichnet, dass die von der Landesregierung favorisierte Fusion des Theaters Vorpommern mit der Theater und Orchester GmbH in Neubrandenburg und Neustrelitz zu einem gemeinsamen „Staatstheater Nordost“ nicht mehrheitsfähig sein könnte, gibt es inzwischen auch in Stralsund ähnliche Signale.

Der frühere Theater-Geschäftsführer und -Aufsichtsrat Rainer Steffens (CDU) bezeichnet die Brodkorb-Pläne als „Riesenabenteuer mit ungewissem Ausgang“. Ob es dann noch das gleiche Theaterangebot zu den gleichen Konditionen gebe, sei unwahrscheinlich. „Deshalb klammern wir uns auch an den letzten Strohhalm.“ Die Städte Stralsund und Greifswald sind die Hauptgesellschafter des Theaters Vorpommern. Sie geben pro Jahr jeweils 3,08 Millionen Euro für die Bühne aus. Wichtig bei einem Alternativkonzept sei aber, die Strukturen so nachhaltig zu verändern, „dass wir in vier oder fünf Jahren nicht wieder vor dem gleichen Problem stehen“, betont Steffens.

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Als Alternative zur Fusion liegt seit gestern offiziell ein Städtetheater-Modell auf dem Tisch, das Vertreter der Bürgerinitiative „TheaterLeben!“ und der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) nun allen Bürgerschaftsfraktionen in den beiden Hansestädten vorstellen wollen. Im Unterschied zur Fusion könnte die Eigenständigkeit des Theaters diesen Plänen zufolge erhalten bleiben, wenn die Mitarbeiter auch in Zukunft weiter nach einem Haustarifvertrag bezahlt werden und nicht, wie von Brodkorb vorgeschlagen, nach dem deutlich lukrativeren Flächentarifvertrag.

Am Theater Vorpommern gibt es seit nunmehr 20 Jahren einen Haustarifvertrag, durch den die Angestellten inzwischen rund 16 Prozent weniger verdienen als ihre Kollegen an Bühnen, an denen der Flächentarifvertrag gilt. Der Abstand zwischen den beiden Tarifwerken wird von Jahr zu Jahr größer, weil im Vertrag für die Fläche, die steigenden Lebenshaltungskosten viel stärker berücksichtigt werden als im Haustarifvertrag. Auch Schauspieler und Orchestermusiker müssen zu Hause beispielsweise steigende Strom- und Energiekosten bezahlen.

Brodkorb will indes lieber Arbeitsplätze abbauen, um Geld zu sparen, und mit einem reisenden Ensemble die Zuschauer zwischen Stralsund und Neustrelitz begeistern. Von insgesamt 485 Stellen an beiden noch eigenständigen Theatern sollen 65 gestrichen werden. Rechnet man die ebenfalls abzubauenden Jobs an der Deutschen Tanzkompanie in Neustrelitz hinzu, seien mehr als 90 Stellen von den Kürzungsplänen des Ministers betroffen, sagt Martin Majewski von der DOV. „Das wird immer gern verschwiegen.“ Majewski betont: „Die Mitarbeiter verzichten lieber auf Lohn als sich die Nächte auf der A 20 um die Ohren zu schlagen.“

Die Fraktionen in Greifswald und Stralsund haben nun beschlossen, ihr weiteres Vorgehen ab jetzt eng miteinander abzustimmen. Neben der Formulierung einer gemeinsamen Beschlussvorlage für die entscheidenden Bürgerschaftssitzungen soll es bereits eine Taktik für Abstimmung geben: Da die Zahl der Befürworter des Erhalts der Eigenständigkeit in Greifswald erwartungsgemäß höher sein wird als in Stralsund, sollen die Greifswalder zuerst darüber entscheiden, ob sie in Fusionsverhandlungen mit der Landesregierung eintreten wollen oder eben nicht. Diesem Votum sollen sich die Stralsunder mit dem Rückenwind aus Greifswald leichter anschließen können. Knackpunkt: In Greifswald ist die Abstimmung erst im April angesetzt, während sie in Stralsund bereits auf der Tagesordnung der Bürgerschaftssitzung im März steht. „Deshalb wäre es gut, wenn das Thema noch einmal vertagt wird“, sagt eine Stadtvertreterin hinter vorgehaltener Hand.

Brodkorb hat den spieltheoretischen Ansatz, dass sich alle weiteren Städte und Kreise an der Entscheidung des ersten betroffenen Kommunalparlamentes orientieren, einkalkuliert und sie deshalb zuletzt ermahnt, spätestens bis Ende März über die Zukunft des Theaters zu entscheiden.

Busse zur Theaterdemo
Obwohl Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) seine Teilnahme an einer Veranstaltung in Neustrelitz am 9. März zur bevorstehenden Theaterreform überraschend abgesagt hat, plant die Bürgerinitiative „TheaterLeben!“ am gleichen Tag vor dem Neustrelitzer Theater um 17 Uhr eine Großdemonstration für den Erhalt der Eigenständigkeit des Theaters Vorpommern sowie der Theater und Orchester GmbH in Neubrandenburg und Neustrelitz. Die Busse zur Demo in Neustrelitz fahren um 14.15 Uhr vor dem Stralsunder Theater ab, die Rückfahrt ist um 18.30 Uhr geplant .
Reservierungen unter:

vorstand@hebebühne-vorpommern.de

 



Benjamin Fischer