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Kultur Mephisto am Schweriner Theater: Am Schluss gibt es nur Verlierer
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Mephist-Aufführung am Staatstheater Schwerin: Am Schluss gibt es nur Verlierer

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17:25 19.01.2020
Pakt mit dem Teufel: Martin Brauer als Kurt Köpler in der neuen Aufführung von Mephisto nach Klaus Mann. Quelle: Staatstheater Schwerin/Silke Winkler
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Schwerin

„Was erwartet ihr? Herrgott noch einmal! Von einem Schauspieler. Er ist doch nur Schauspieler.“ So heißt es in der Theaterfassung „Mephisto“ nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann und der 2006 entstandenen Theaterfassung „Mefisto for ever“ des belgischen Autors Tom Lanoye.

Am Freitag feierte die Inszenierung unter der Regie von Andrea Moses im ausverkauften Großen Haus des Staatstheaters Schwerin Premiere. In dem Stück geht es um die Verantwortung der Kunst in politisch brisanten Zeiten. Dieser wird das Staatstheater mit der Entscheidung für das Stück mehr als gerecht. Wie im Roman, so stellt auch das Stück die Frage nach dem Verhältnis des Künstlers zur Macht. Egal, wie die Machtverhältnisse sind, im Theater gelten eigene Gesetze und eines der wichtigsten heißt: Zur Probe kommt man pünktlich!

Karrierehöhepunkt unter den Nazis

Ort der Handlung ist durchgängig der Backstage-Bereich des Theaters. So erlebt das Publikum ein Spiel im Spiel. Die Schauspieler sind bereits auf der Bühne, wenn die Zuschauer ihre Plätze einnehmen. Alle plaudern zwanglos und warten, dass es losgeht. Die Inszenierung beginnt mit dem Original-Interview, das Gustaf Gründgens 1963 dem Journalisten Günter Gaus in der Reihe „Zu Person“ gegeben hat. Hier wird Gründgens nach seiner Rolle im Nationalsozialismus befragt. Er selbst zählt die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu den wichtigsten in seiner Karriere.

Gustaf Gründgens wird zu Kurt Köpler

Im Stück heißt Gustaf Gründgens Kurt Köpler, ein Theaterbesessener, dem nichts wichtiger ist, als sein Theater und seine Proben und der um seine schöne Karriere fürchtet. Obwohl noch viel bekannter als er, wird ihm seine jüdische Kollegin und Geliebte, nachdem sie sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, schnell gleichgültig. Star hin oder her. Der Abgang von Rebecca Füchs geht unter die Haut. „Küsst die Faschisten“ singt sie. Die Worte schrieb Kurt Tucholsky 1931.

Frauen werfen sich ihm an den Hals

Es gibt ja außerdem genügend andere Frauen, die sich dem mittlerweile zum Intendanten aufgestiegenen Schauspieler an den Hals werfen. Die Jüdin wird durch eine arische Walküre ersetzt. Sie ist genauso blond wie mittelmäßig und unfreiwillig komisch. Hannah Ehrlichmann spielt die beiden ungleichen Frauen sehr überzeugend, zerbrechlich die eine, grotesk die andere.

Görings Leidenschaft fürs Theater

Die neue Hauptdarstellerin liegt im richtigen Bett, nämlich dem des morphiumabhängigen Kulturministers Hermann Göring (Sebastian Reck), der – so viel ist bekannt – eine Leidenschaft für das Theater hatte. Der Kette rauchende und überwiegend torkelnde Kurt Köpler, dargestellt von Martin Brauer, lässt sich auf diesen „Frauentausch“ ein. Ihm geht es ja nur um die Kunst.

Tanz auf dem Vulkan

Es beginnt ein Tanz auf dem Vulkan. „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, heißt es im gleichnamigen Film mit Gründgens in der Hauptrolle. Am Abend muss sich der Vorhang öffnen: Zerstreuung, Ablenkung. Das Theater hat unter Köpler nur diese Aufgabe.

Seine Paraderolle ist der Mephisto im „Faust“. Obwohl er anfangs behauptet, nicht käuflich zu sein, geht er auch im wahren Leben den Pakt mit dem Teufel ein und wird zum Vasall der braunen Macht. Zwar glaubt Köpler, seine politisch anders denkenden Freunde und Kollegen im geschützten Theaterraum retten zu können, doch dieser Plan geht nicht auf. Am Ende gibt es nur Verlierer.

Roman-Vorlage erschien 1936

„Mephisto“ am Staatstheater Schwerin: Insgesamt gibt es acht Vorstellungen, die nächsten sind am 19. Januar, 18 Uhr, und am 1. sowie am 26. und 27. Februar, jeweils 19.30 Uhr.

Der Roman„Mephisto“ von Klaus Mann erschien 1936 in Amsterdam mit dem Untertitel „Roman einer Karriere“. Das Buch wurde 1981 von István Szabó verfilmt, mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle. Rolf Hoppe war als Hermann Göring zu sehen. 1982 erhielt Szabós „Mephisto“ neben weiteren Auszeichnungen den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Das vollständige Interviewmit Gustaf Gründgens ist auf youtube zu sehen.

Dem Publikum wird einiges abverlangt

Dreieinhalb Stunden Spieldauer verlangen dem Publikum einiges ab. So darf Martin Brauer auch sein Können als Parodist und Schlagzeuger ausschweifend präsentieren. Mit der klaren und prononcierten Sprache eines Gustaf Gründgens kann er allerdings nicht mithalten. Die sehr deutliche Sprache war ein wesentlicher Teil seines Erfolgs. So sind Passagen schlichtweg überhaupt nicht zu verstehen, wenn die Sprache in Geschrei übergeht. Das ist schade, aber vielleicht auch gewollt. Das Bühnenbild von Jan Pappelbaum ist schlicht. Es gibt Möbel und Utensilien der 30er Jahre. Auch Kostüme und Frisuren sind originalgetreu. Ergänzend gibt es Videoprojektionen, die Orte außerhalb des Bühnengeschehens zeigen. Eine Live-Kamera führt die Welten zusammen, wirkt aber auch verwirrend. Große Spiegel zeigen eine Treppe, die in den Abgrund führt.

Das weitergeführte Interview mit Gustaf Gründgens gegen Endes des Stückes bildet die Klammer. Ihr folgt noch ein Epilog, der in der Erkenntnis aber nichts mehr hinzufügt.

Das Publikum applaudierte freundlich und ausdauernd.

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