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Jochen Bertholdt, Illustration für das Buch "Windschiffe", 1990 Quelle: Hinstorff Verlag
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Rostock

Buchautor Dr. Hartmut Gill (62), kunstbeflissener Mediziner aus Rostock, zitiert mit Vorliebe dieses Bonmot des von ihm porträtierten Grafikers Jochen Bertholdt (82). Der hatte einmal augenzwinkernd konstatiert: „Welcher Künstler kann schon, so wie ich, von sich sagen, dass seine Werke eine Auflage von über Milliarde erreicht haben?!“ Mit dieser Feststellung stapelt der in Rostock-Lichtenhagen lebende Künstler auf keinen Fall hoch. Denn allein schon mit den von ihm geschaffenen Briefmarkenmotiven kommt er dieser imponierende Zahl sehr nahe. Die postalischen Wertzeichen haben das Werk des gebürtigen Leipzigers weltweit bekannt gemacht. Auch seine zahllosen Buchillustrationen, seine Aquarelle und Zeichnungen rufen immer wieder Bewunderung hervor. Trotz des hohen Relevanz seiner Arbeiten ist Jochen Bertholdt selbst einer breiten Öffentlichkeit eher wenig bekannt. Dass er hinter sein Werk zurücktritt, ist vor allem darin begründet, dass er von sich selbst wenig Aufhebens macht: „Um mich zu äußern, nutzte ich Pinsel und Stift!“

Es ist das Verdienst Hartmut Gills, dass er in seinem bei Hinstorff erschienenen Buch „Jochen Bertholdt: Zeichner - Grafiker - Visionär“, die Person des Künstlers Bertholdt und dessen Schaffen plastisch werden lässt. Eine in dieser Form und diesem Umfang bislang nicht erfolgte Darstellung. Umso notwendiger, als dass Bertholdt zu den deutschen Grafikern der Gegenwart zählt, die der Nachwelt ein sowohl umfangreiches als auch in seiner Vielfalt beeindruckendes Werk hinterlassen. Der Lebensweg Bertholdts beginnt 1936 in Leipzig, einer Stadt der Messe und des Buchdrucks. Der Junge, mit großem Zeichentalent begabt und von den Eltern gefördert, erhält kurz vor Weihnachten 1949 eine Einladung der Kunstanstalt Eckert & Pflug, sich vorzustellen. Seine zeichnerische Begabung, ausgeprägte Beobachtungsgabe und Detailversessenheit entgehen den Prüfern nicht. Bertholdt sagt rückblickend: „Das Exakte war schon damals meine Welt.“ Bald darauf kann er neben dem dreijährigen Besuch der Gutenbergschule eine Lehre als grafischer Zeichner in der Kunstanstalt antreten. Später wird er sagen, dass sie ihm viel für sein Leben gegeben habe. Besonders, dass häufig große Perspektivansichten verlangt wurden, sieht er als Glücksfall für sich, weil er „so die große Schule des Zeichnens erfahren durfte“. Alles, so sein Anspruch, muss der Realität entsprechen: „Der Betrachter soll den Eindruck haben, dass alles Abgebildete auch tatsächlich funktionieren könnte.“ Um seine zeichnerischen Fähigkeiten weiter zu vervollkommnen, belegt er Kurse an der Abendschule. Dort gehören die Maler und Grafiker Wolfgang Mattheuer (1927-2004) und Gerhard Eichhorn (1927-2015) zu seinen Lehrern. Die faszinierende Fähigkeit, Buchstaben und Zahlen verschiedenster Art zu zeichnen, erlernt er vor allem bei Prof. Albert Kapr (1918-1995). Eine Fertigkeit, die ihm immer wieder zu Gute kommen wird. Ab 1952 besucht der nun 16-Jährige die Abendschule in der Hochschule für Grafik und Buchkunst und erlernt dort das figürliche und das Akt-Zeichnen.

Im Jahre 1959 führt ihn ein Urlaub nach Wismar. Die Stadt ist ihm auf Anhieb sympathisch. Er bewirbt sich in der Mathias-Thesen-Werft, weil ihn Technik und Maritimes schon immer faszinierten. Sein Arbeitsplatz ist von nun an in der Werbeabteilung des volkseigenen Betriebes. Anfang der 1960er-Jahre wird diese Abteilung nach Warnemünde in die Warnowwerft verlegt. Doch dort wird er nicht so recht glücklich. 1968 entschließt er sich daher, als Grafiker freiberuflich zu arbeiten und stellt den Antrag auf Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler. Dort begegnet er Künstlern wie Hans Schlappmann aus Wismar und Georg Hülsse aus Ahrenshoop, die ihm freundschaftlich, aber auch kritisch zur Seite stehen. Eine besonders enge Beziehung entwickelt er zum Grafiker Armin Münch (1930-2013). Es wird eine Freundschaft fürs Leben.

„Über mangelnde Aufträge konnte ich mich nicht beklagen. Es gab viel zu zeichnen. Vor allem Schiffe und Schriften“, sagt Jochen Bertholdt. Nachdem er 1968 erstmals eine Briefmarkenserie zum DDR-Schiffbau schafft, die großes Aufsehen erregt, erhält er immer wieder Aufträge von der Deutschen Post. Bis zum Ende der DDR werden es nicht weniger als 125 Motive sein, die er für sie zeichnet. Unvergessen sind seine Briefmarken mit Leuchttürmen der Ostseeküste und zum Flug des ersten DDR-Kosmonauten Siegmund Jähn. Und auch für die Deutsche Bundespost, später Post AG, wird er mit elf Motiven kreativ. Auch Nordbrief, Tochterunternehmen der OSTSEE-ZEITUNG, zählt zu seinen Kunden. Für sie zeichnet er, wie gewohnt gekonnt, die Kleinbahn Molli. Nie macht er sich die Arbeit leicht. Wochenlang konzentriert er sich nur auf die eine Aufgabe. „Ich recherchiere historische Hintergründe, fahre oft zu den Orten des Geschehens, speichere dabei meine Eindrücke ab und erfühle mit den Augen das Motiv“, beschreibt er seine Vorgehensweise.

Wer sich mit Bertholdts Schaffen befasst, kommt zwangsläufig auch auf seine Illustrationen zu sprechen. Seine Vorliebe, Motive aus Wissenschaft und Technik zu Papier zu bringen, macht ihn auch in dieser Hinsicht gefragt. Zu DDR-Zeiten versicherten sich unter anderem der VEB Verlag Technik Berlin, der transpress-Verlag oder die maritime Zeitschrift „poseidon“ seiner Mitarbeit als Illustrator. Häufig gewünscht sind dabei Zeichnungen der Welt von morgen. Wer heute die Schriften in den Händen hält, die der Grafiker in den 1970er oder 80er Jahren bebilderte, ist beeindruckt von der Wirklichkeitsnähe seiner Visionen und ihrer Detailtreue. Überprüfbar unter anderem an den Büchern „Schiffe und Schiffahrt von morgen“ (1973), „Das Buch vom Hafen“ (1981) oder „Express ins dritte Jahrtausend“ (1986). Nach der Wende zählen der Verein Deutscher Ingenieure, die Aida-Cruises oder Werften zu seinen Auftraggebern. Sie alle wissen zu schätzen, dass seine Bilder von Genauigkeit bis ins kleinste Detail geprägt sind, ohne das ein Zuviel an Einzelheiten die Gesamtwirkung zerstört.

Wenngleich auch die exakte Zeichnung und Grafik im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht, so gehört seine besondere Liebe doch der Aquarell-Malerei. Bei der Darstellung von natürlicher oder künstlich durch ihn geschaffener Landschaft schwelgt Bertholdt in Farben und Formen. Hier verzichtet er auf eine detaillierte Wiedergabe der Realität gerne zugunsten von Emotion und Fiktion. Jochen Berthold über diesen Ausflug auf ein anderes Terrain: „Die Landschaft zeichnend oder malend zu erleben, war für mich eine neue Erfahrung.“ Besonders für den, der den Grafiker bislang nur als Illustrator kannte, sind diese auf vielen Reisen entstandenen Aquarelle und Zeichnungen, unbedingt eine Entdeckung wert.

Werner Geske

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