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Kultur „Elektronische Musik berührt mich sehr“
Nachrichten Kultur „Elektronische Musik berührt mich sehr“
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17:01 22.01.2019
Nachdenklich: Sängerin Sophie Hunger. Auch ihre Musik hat viele Facetten. Quelle: Promo
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Berlin/Rostock

Mit der OSTSEE-ZEITUNG sprach Sängerin Sophie Hunger über die Entstehung ihres neuen Albums, politische musikalische Botschaften und ihren Filmtod nach 40 Sekunden.

Deine Musik ist eine sehr spezielle Mischung aus Stilen und Sprachen, die sich nicht in bestimmte Schubladen einordnen lässt. Trotzdem hast du dich mit deinem neuen Album „Molecules“ noch mal neu erfunden.

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Ja, mir ist aufgefallen, dass es bei mir in sehr viele Richtungen gleichzeitig geht. Daher wollte ich „Molecules“ minimalistischer machen. Ich habe mir die Regel gesetzt, dass ich nur vier Elemente benutzen darf: Synthesizer, Drum-Computer, Gesang und akustische Gitarre. Dazu kam, dass ich nur auf Englisch singen wollte. Dieser Vorgabe bin ich treu geblieben.

Damit ist es dein erstes komplett englischsprachiges Album. Fühlst du dich damit verletzlicher?

Ja. Man steht automatisch in Konkurrenz zur ganzen englischsprachigen Musikwelt und dort sind die besten Künstler vertreten.

Siehst du darin auch die Gefahr, dass man dich deswegen eher in Richtung Mainstream verorten könnte?

Nein, das glaube ich nicht. Meine Musik, das bin ja schlussendlich immer noch ich. Und das, was ich mache, ist schon sehr individuell.

Stimmt es, dass du nach deinem Umzug von der Schweiz nach Berlin 2014 im Techno-Club „Berghain“ die elektronische Musik für dich entdeckt hast?

Als ich nach Berlin kam, war ich zuerst schockiert, weil ich dachte in einer Viermillionen-Stadt gibt es eine große Bandszene, so wie ich sie aus London oder Paris kenne. Das war in Deutschland nicht der Fall. Die Szene, die hier dominiert, ist die Clubkultur, die elektronische Musik und die DJ-Szene. Das war für mich fremd. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mich diese Musik sehr berührt.

Du hast dich auch mit deutscher Popmusik auseinandergesetzt. Gab es deutsche Bands, die Vorbilder waren für deine Alben?

Es war keine konkrete Band, sondern eher das Genre. Ich habe schnell die ganzen Kraut-Sachen der 70er entdeckt und mir einen Synthesizer gekauft, was schnell zu einer Sucht werden kann (lacht). Der Beat in dem Song „Tricks“ ist ein klassischer Kraut-Rock-Beat. Als ich ihn hörte, wusste ich, dass mindestens ein Lied auf meinem Album so einen Beat haben muss.

Wo holst du dir sonst Inspirationen für deine Musik?

In allem, was ich sehe und erlebe. Manchmal sind es auch nur Worte, die ich mag. Zum Beispiel das Wort „Nitroglycerin“ in dem Lied „Tricks“. Die Worte sind wie einzelne Samen, aus denen nach und nach etwas Größeres entsteht.

Das Lied „There Is Still Pain Left“ ist sehr persönlich. Darin verarbeitest Du deine gescheiterte Beziehung.

Ja, es geht darum, mit jemandem zusammen zu sein, der depressiv ist, der von Dunkelheit angezogen ist, als wäre es eine olympische Disziplin, bereit, alles andere dafür zu übersehen, also auch mich.

Überträgt sich eine gewisse Melancholie auch auf den Rest deines Albums?

Wenn ich das Album höre, finde ich, dass ich fragil wirke und nicht so viel Kraft habe. Es ist kein von Selbstvertrauen strotzendes Ding. Das hat auch damit zu tun, wie es gemacht wurde. Ich war acht Wochen allein im Londoner Studio. Es war irgendwie auch eine verlorene Zeit. Ich finde, das hört man auf dem Album. Dazu kamen die Aufnahmebedingungen: Es war ein kleines Studio, die Decke war so tief, dass man sich ducken musste und das Mikro war in der Ecke. Das hat mich daran erinnert, dass ich der Londoner Schule zur Strafe in der Ecke stehen musste, wenn ich frech war. Und plötzlich war ich wieder in Südlondon und musste wieder in der blöden Ecke stehen.

Interessant, dass du das so empfindest. Es gibt andere Stimmen, die deine Musik als „Sound einer Widerspenstigen“ bezeichnen. Siehst du dich selbst als politische Sängerin?

Ja, ich habe auf allen meinen Alben immer Titel gehabt, die explizit politisch waren. Ich glaube, es ist auch gar nicht möglich, apolitisch zu sein. Selbst eine Band, die sich komplett ins Private zurückzieht, drückt eine politische Haltung aus.

Aber du hast keine expliziten politischen Botschaften im Gepäck?

Botschaften sicher nicht. Das ist mir zu autoritär. Ich bin eher der antibürgerliche Typ und würde ungern meinen moralischen Zeigefinger erheben. Ich beschreibe eher, was mir auffällt. Auf meinem ersten Album gibt es ein Lied, das heißt „Das Boot ist voll“. Darin geht es um die Diskrepanz zwischen der Idee, dass das Boot voll ist und darum, wie gut es uns eigentlich geht.

Du komponierst selbst und schreibst auch alle Texte allein – oder?

Ja, es ist toll, dass man als Solokünstler so viele Freiheiten hat. Es kostet aber auch viel Energie. Das ist wie beim Tennis, man macht einen Aufschlag und muss auf die andere Seite rennen, um den Ball zurückzuspielen. Es wäre einfacher, wenn dort jemand stünde, dann würde es hin- und hergehen.

Du hast Germanistik und Anglistik studiert. Hast du das eigentlich abgeschlossen?

Ja, aber auf Biegen und Brechen. Wir waren 2012 auf Tour in Amerika und ich musste in diesen 30 Tagen meine Bachelorarbeit schreiben. Ich hatte einen Koffer mit Büchern dabei, den ich am ersten Abend verloren habe. Ich habe dann überlegt, ob ich die Arbeit überhaupt noch schreibe, weil ich mein Studium gar nicht brauche. Aber dann wollte ich nicht kampflos aufgeben und habe im Internet Bücher bestellt und die Arbeit im Auto geschrieben. Wir kamen am letzten Tag der Abgabefrist an und ich musste zur Uni rennen, um die Arbeit abzugeben. Das war das glorreiche Ende meiner akademischen Karriere.

Der Regisseur Micha Lewinsky hat dir 2007 eine Rolle in seinem Film „Der Freund“ angeboten. Für viele ein absoluter Traum, aber du wolltest lieber die Filmmusik komponieren.

Ja, obwohl ich es liebe, ins Theater zu gehen, hat mich das Schauspielerische nie interessiert. Ich habe die Rolle nur übernommen, damit ich die Filmmusik komponieren konnte. Zum Glück hat meine Rolle nur 40 Sekunden gedauert, weil ich dann gestorben bin. Damit konnte ich leben (lacht). Ich fand’s aber trotzdem schlimm, dass ich es machen musste. Bis heute ist mir das sehr unangenehm.

Du hast unzählige Preise abgeräumt, wurdest 2010 als erste Schweizer Künstlerin zum Glastonbury Festival eingeladen, bist 2013 mit Max Herre beim Bundesvision Song Contest 2013 für Baden-Württemberg angetreten. Was war für dich das Highlight deiner musikalischen Karriere?

Dass wir auf dem Glastonbury Festival gespielt haben, hat mich sehr berührt. Das war wie ein wahr gewordener Traum.

Du bist am 23. Februar im Rostocker Mau-Club. Worauf können sich deine Fans freuen?

Wir sind wieder ein sehr multi-instrumentales Team. Es gibt elektronische Elemente, aber auch Bläser. Wir werden eine Mischung aus alten und den neuen Sachen spielen und natürlich auch improvisieren, ganz so, wie man es von uns kennt.

Stefanie Büssing