Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Musik Calixto Bieito inszeniert Verdis „Requiem“
Nachrichten Kultur Musik Calixto Bieito inszeniert Verdis „Requiem“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:05 12.03.2018
Sängerin Maria Bengtsson (M, Sopran) mit Chormitgliedern in der "Messa da Requiem". Quelle: Markus Scholz
Anzeige
Hamburg

Dem spanischen Regisseur Calixto Bieito eilt ein Ruf als Provokateur voraus. Skandalgeschichten ranken sich um sein von Tabubrüchen, Sex- und Gewaltorgien geprägtes Oeuvre. An der Staatsoper Hamburg inszenierte er vor zwei Jahren Giuseppe Verdis „Otello“ vergleichsweise handzahm, nun hat ihm das Haus die Regie für ein besonderes Vorhaben anvertraut: Bieito hat die „Messa da Requiem“ von Verdi auf die Bühne gebracht.

Das „Requiem“ ist zwar eine Totenmesse und vom Komponisten für eine konzertante Aufführung geschrieben worden. Seine farbige, melodiöse Musiksprache hat ihm jedoch schon bald nach der Uraufführung den Zusatz „Verdis schönste Oper“ eingebracht. Das Spätwerk verleugnet nicht die stilistische Nähe zu den Bühnenwerken, stellt aber seine Expressivität zugleich in den Dienst einer religiösen Aussage. Der Komponist wirft einen schonungslosen Blick auf den Tod. Im „Dies irae“ schildert er die Schrecken des Jüngsten Gerichts mit Trompeten, Posaunen und vollem Schlagzeug, der Hoffnung auf Auferstehung gibt er weniger Raum. 

Die Kompromisslosigkeit dieser Auseinandersetzung mit letzten Fragen setzt auch den Rahmen für eine Inszenierung. Es wäre verfehlt, das „Requiem“ durch allzu naturalistische Bilder zu trivialisieren oder es ironisch zu brechen. Bieito erweist der Musik allen Respekt, indem er darauf verzichtet, ihr eine konkrete Geschichte aufzupfropfen. Nur lose verflicht er seine Assoziationen mit den sieben Teilen der Messe. Vieles bleibt rätselhaft, wie ja auch der Tod für den Menschen nicht zu fassen ist.

In den Mittelpunkt rückt Bieito die Gesangssolisten als die Zurückbleibenden. Abwehr, Fassungslosigkeit und Verzweiflung, Zorn und Ergebenheit, alle diese Stadien der Trauer spiegelt Bieito in der Musik, und die Sänger, allen voran die Sopranistin Maria Bengtsson, spielen und singen mit vollem Einsatz. Manche Details wie Dauerzittern der Sopranistin wirken banal. Doch gelingen immer wieder erschütternde Bilder, etwa für die Entfremdung zwischen Eltern, die ein Kind verloren haben.

Stark auch die Interaktion mit dem Chor der Hamburgischen Staatsoper. Die Regie liefert die Sänger als Individuen mit ihren Gefühlen der Macht der Masse förmlich aus, ein Eindruck, den die kontrastreiche Lichtregie von Franck Evin noch unterstützt.

Zu Beginn steht der Chor ähnlich wie in der griechischen Tragödie im Hintergrund und flüstert sein „Requiem“ durch die Holzkonstruktion, die Susanne Gschwender auf die Bühne gebaut hat. Die Bühnenbildnerin nimmt damit in stilisierter Form die Kolumbarien auf, in denen man in Südeuropa Urnen beisetzt. Diese Gebilde verändern mehrfach ihre Position, mitunter klettern die Toten heraus wie auf einem Bild von Hieronymus Bosch; mehr an Bühnenbild gibt es nicht. Gerade in dieser Reduktion liegt die Stärke der Produktion.

Maria Bengtsson führt die Riege der Solisten mit ihrem innig-lyrischen Sopran und ebenso eindringlicher wie stilsicherer Gestaltung an. Dagegen klingt das Vibrato der Mezzosopranistin Nadeshda Karyazina eher unfrei, gelegentlich verfehlt sie die Tonhöhe oder ist dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg voraus. Hier müsste der Dirigent Kevin John Edusei entschiedener führen.

Das Publikum nahm die Premiere insgesamt freundlich auf, nur ein paar Buhrufe mischten sich in den Beifall. Für Bieitos Verhältnisse ein erstaunlich einmütiges Echo.

dpa

Mehr zum Thema

Steht Gibson vor dem Schlussakkord? Die Finanznöte des Kult-Gitarrenbauers aus den USA bewegen Musikfans in aller Welt. Auch wenn die Krise vor allem hausgemacht sein soll: Im Digitalzeitalter hat es handgemachte E-Gitarrenmusik nicht mehr so leicht.

08.03.2018

Die Namen der Dirigenten und Solisten sind wie ein „Who is Who“ der Musikgeschichte. In Leipzig gaben und geben sich die Großen der Zunft beim Gewandhausorchester die Klinke in die Hand.

09.03.2018

Er war der Kopf einer der wichtigsten Rockbands der 70er und 80er. Das neue Soloalbum des einstigen Talking-Heads-Frontmanns David Byrne heißt „American Utopia“ und soll Hoffnungen auf eine bessere Welt wecken. Nur einen kleinen Schönheitsfehler hat die Platte.

09.03.2018

Er wurde von der Queen mit dem Ritterorden geehrt. Jetzt ist der britische Komiker Ken Dodd im hohen Alter gestorben.

12.03.2018

Er will es noch einmal wissen. Sänger Alexander Rybak fährt noch einmal für Norwegen zum ESC.

11.03.2018

Eines ihrer bekanntsten Lieder heißt „Mein Herz“. Im richtigen Leben konnte Schlagersängerin Beatrice Egli es noch keinem schenken. Das Pop-Sternchen bleibt dennoch optimistisch.

10.03.2018