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Musik Berliner Luft auf dem Mond
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19:00 03.02.2019
Eine Szene aus der Inszenierung von „Frau Luna“ im Rostocker Volkstheater Quelle: Dorit Gätjen
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Rostock

So läuft’s nun mal: Viel heiße Luft ist nötig, damit ein rasanter Aufstieg gelingt. Am besten funktioniert das natürlich mit Berliner Luft, und wenn dann in der Operette „Frau Luna“ von Paul Lincke der auch musikalisch mit viel heißer Luft gefüllte (T)raumschiff-Ballon auf dem Mond landet, singt man dort mit stolzgeschwellter Brust: “Daaas ist die Berliner Luft, Luft, Luft ...”.

Das Publikum der Rostocker Premiere dieses 1899 uraufgeführten Gründungswerkes der “Berliner Operette” zeigte sich am Wochenende begeistert über die offenkundige Spiellaune der Akteure. Es applaudierte nach fast jeder Nummer, honorierte damit wohl auch den Kurs des Theaters, die seichtesten Gewässer seines Metiers auszuloten – eine, wie nicht nur Seefahrer wissen, riskante Fahrtroute, aber eben nur eine unter mehreren dieser Rostocker Saison. Auf dieser Spielplanroute, die man „Harmlos ins Glück“ nennen könnte, ist nach der musikalischen Startup-Superkarriere “Die Drei von der Tankstelle” vom letzten Herbst nun die aberwitzige Mondlandung dreier Berliner Originale zu erleben, des Erfinders Fritz Steppke und seiner Kumpels Lämmermeier und Pannecke (plus der Vermieterin Frau Pusebach, die sich nach dem Start gerade noch unten an den Ballon hängt und ebenfalls wohlbehalten den Mond erreicht).

Aber was sollte dagegen sprechen, dass man mal das Motto von Mondgöttin Frau Luna, „Bei mir herrscht jederzeit / Nur Scherz und Heiterkeit“, zum Spielzeitmotto erhebt und schrulligen Eskapismus als Bekenntnis zu Träumen und Fantasie, zu Unternehmungsgeist und Selbstbewusstsein feiert. Nur so zum Spaß macht das Ensemble das nicht, versteht sich, sondern mit viel Selbstironie und kleinen Widerhäkchen. Aber wenn schon Spaß, dann auch richtig dolle, scheint Gastregisseur Dominik Wilgenbus als Motto seiner Inszenierung verordnet zu haben und kitzelte aus den Sängern turbulentes Komödiantentum heraus, welches auch den Opernchor und die Balletttänzer Tim Grambow und Rebeka Mondovics in hemmungslose Spielfreude versetzte. Zusätzliches Vergnügen für langjährige Volkstheater-Besucher bietet die Wiederbegegnung mit dem Sängerpaar Rosita und Franz Mewis, zweier „Urgesteine“ des Ensembles, die nicht nur als schrulliges Brautpaar ihrem Affen Zucker geben, sondern auch sängerisch berühren.

Oliver Weidiger zelebriert als Mondmanager Theophil geschmeidige Theo-Lingen-Parodien, Maria Hilmes in der Titelrolle streckt und räkelt sich als mal elegante, mal laszive und stets souveräne Frau Luna. Und die drei Ballon-Kosmonauten Fritz (Maximilian Nowka), Lämmermeier (Grzegorz Sobczak) und Pannecke (Franz Mewis) gefallen nicht nur als abenteuerlustiges Herrentrio, sondern wirken als Stimmen aus unterschiedlichen Gesangskulturen (Oper, Schauspiel und Musical) interdisziplinär bestens zusammen. Solide begleitet werden sie von der Norddeutschen Philharmonie unter Leitung von Martin Hannus. Und damit die verrückte Reise auch richtig verrückt wirken kann, wurde die Ausstattung durch Sandra Linde (Bühne) und Sandra Münchow (Kostüme) zur blendenden Glitzer- und Glamour-Orgie mit viel Gold, Glanz und schrillen Details aufgeblasen.

Die wilde Mischung ist wahrscheinlich das noch immer Interessante an der alten Klamotte, darin steckt ein heute seltsam wirkender Aufbruchsgeist. Die Operette erhebt sich mit parodistischer Lust nicht nur über hochkulturelle Traditionen wie Götterspiele und -dämmerungen, die sich in der Mond-Partygesellschaft spiegeln, oder über sentimentale Opern-Gefühligkeit aus „La Bohème“, sondern mit Liebe zur frechen Berliner Schnauze und zu Gassenhauern auch schon über den Schmelz der Operette selbst und zieht dabei alle Register aus Schwank, Zirkus und Varieté. Und schließlich erhebt sich das Stück am Ende noch über den ganzen Fernweh-Wahn dieser Mondreise. Ihre Quintessenz nämlich, quasi die Botschaft des Abends lautet: Am schönsten ist’s ja doch zu Hause.

Nächste Vorstellungen: 23. Februar, 7. März, Volkstheater Rostock

Dietrich Pätzold

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