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Wie Stryper mit Heavy Metal missioniert

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16:40 05.09.2020
Stryper besteht aus Gitarrist Oz Fox (v. l.), Bassist Perry Richardson sowie den Brüdern Michael (Gitarre und Gesang) und Robert Sweet (Schlagzeug).
Stryper besteht aus Gitarrist Oz Fox (v. l.), Bassist Perry Richardson sowie den Brüdern Michael (Gitarre und Gesang) und Robert Sweet (Schlagzeug). Quelle: Alex Solca
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Rostock

Die Metal-Band Stryper singt seit 1984 unbeirrt über Gott, Jesus und die Bibel. Musikalisch begann sie eher als Glam-Metal-Band, hat sich aber bis heute eher zum Power-Metal entwickelt. Frontmann Michael Sweet hat mit dem OZelot über das neue Album, seinen Weg zu Gott und das Musikgeschäft gesprochen.

Bei Wikipedia heißt es: „Die Sweet-Brüder wurden 1975 Christen, kamen aber von ihrem Glauben ab“. Wie wird man ein Christ?

Michael Sweet: Das war, als ich 12 war und mein Bruder 15. Wir sind Christen geworden durch Jimmy Swaggart, der war ein bekannter Fernsehprediger bei uns, der irgendwann auch seinen Weg verlassen hat und Probleme bekam. Irgendwann, als ich so 14 oder 15 war, habe ich angefangen zu rauchen und zu trinken, Sex, Drugs, Rock’n’Roll – das ganze Programm. Und ich habe mir erst wieder Gedanken über mein Leben und meinen Weg gemacht, als ich 20 war. Das war 1983, das Jahr, bevor wir unser erstes Stryper-Album „The Yellow and Black Attack“ veröffentlicht haben. Und der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt. Seitdem hatte ich natürlich Höhen und Tiefen und auch dunkle Momente, über die ich mir Gedanken mache und die ich auch bereue, aber prinzipiell ist mein Glaube nicht mehr erschüttert worden. Seit 1984 ist für mich klar, wer ich bin und warum ich mache, was ich mache.

Was ist Gott für dich?

Gott ist alles. Er ist der Schöpfer, der Erlöser. Viele Leute sehen Gott als einen Mann auf einer Wolke im Himmel, dem wir egal sind. Aber das glaube ich nicht. Ich glaube, dass er sich um jeden kümmert, jeden liebt. Er hat uns alle erschaffen, sogar den Teufel. Deswegen heißt unser neues Album auch „Even the Devil Believes“ (englisch: Sogar der Teufel glaubt), und wir glauben wirklich, dass er das tut. Ich sage immer, eines Tages werden wir es alle wissen, was echt ist und was nicht. Wir glauben, Gott ist real. Wir glauben an die Bibel und seit fast 40 Jahren singen wir jetzt darüber.

Stryper in der Besetzung von 2017 bis heute: Robert Sweet (v. l.), Michael Sweet, Perry Richardson und Oz Fox. Quelle: Alex Solca

Ja, warum eigentlich?

Weil das unsere Leidenschaft ist. Und was gibt es Besseres, um drüber zu singen, als die Leidenschaft? Wir wollten nicht diese Klischees bedienen. Da sind tausende Metal-Bands, die über Satan singen, zehntausende Bands singen über Sex und Mädchen. Das ist doch langweilig. Wir wollen was anderes machen, was Einzigartiges. Wir sind sehr glücklich und auch sehr stolz auf das, was wir mit Stryper geschaffen haben. Wir bleiben auf diesem Weg, den wir eingeschlagen haben.

Kommen euch manchmal Ideen zu anderen Themen?

Na klar, das machen wir doch auch. Nimm den Song „Sorry“. Der ist über eine Beziehung, über jemanden, der lügt, dem man nicht vertrauen kann. Auf dem neuen Album gibt es „Divider“, über Menschen auf dieser Welt, die die Leute spalten, gegeneinander aufbringen.

Geht es da um jemand Speziellen?

Nein. Du musst doch nur mal in die sozialen Netzwerke gehen. Da gibt es Menschen, deren Lebensaufgabe es zu sein scheint, die Leute zu spalten. Was für eine schlimme Vorstellung, wenn Du irgendwann auf Dein Leben zurückblickst und feststellst, dass du 60 oder 70 Jahre damit verbracht hast, Leute gegeneinander aufzuhetzen. Ziemlich traurig.

Du bist ja selbst recht aktiv bei Facebook und hast täglich mit solchen Typen zu tun. Denkst du dir manchmal: „To Hell with Facebook“?

Michael Sweet Quelle: Chad Fenner

(lacht) Yeah! Ich bin eine spezielle Persönlichkeit. Ich bin kein Klischee-Christ. Ich liebe Gott, ich versuche, ihm ein gutes Beispiel zu sein. Aber gleichzeitig lasse ich mir keinen Scheiß von irgendwem gefallen. Das wird aber oft von einem Christen erwartet. Dann heißt es, wie kannst Du streiten? Du solltest doch lieber die andere Backe hinhalten. Aber manchmal heißt, Christ zu sein, auch die Handschuhe anzuziehen, in den Ring zu steigen und zu kämpfen. Und damit habe ich kein Problem. Wenn jemand auf meine Seite kommt, nur um Stress zu machen, dann fliegt er. Ich zögere nicht, solche Leute auszuschließen und zu blockieren.

Wer hat dich denn musikalisch geprägt?

Elvis Presley! Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, wo Elvis verehrt wurde. Und das hat natürlich auf mich abgefärbt. Aber als ich dann älter wurde, fand ich Bands wie Creedence Clearwater Revival toll. Und noch später wurde es dann schon etwas härter – eine meiner ersten Platten war eine von Boston. Also, nicht dass das eine Heavy-Metal-Band wäre, aber das war doch schon deutlich gitarrenlastiger, aufwendiger produziert und mit hohen Stimmen versehen. Das fand ich toll. Und am Ende kam ich auf den Geschmack von Scorpions, Judas Priest, Iron Maiden, UFO und Van Halen. Ich war immer fasziniert von guten Sängern und guten Gitarristen – und natürlich großartigen Songs. Für mich ging es immer um die Songs. Mein Bruder war ein Fan von Kiss. Aber da war ich immer der Meinung, dass es dort eher um die Show als um die eigentliche Musik ging. Ein Punkt, über den viele Leute sicher mit mir streiten würden.

Jetzt mal zu Stryper. Was, würdest du sagen, war die wichtigste Entwicklung von 1983 bis heute?

Oh Gott, das ist schwer. Ich glaube, unser wichtigster Moment war unsere Neuformation. 2003 waren wir auf einer Celebration-Tour. Und da spielte ich den Jungs mein Solo-Album „Reborn“ vor und alle mochten es. Und so entschieden wir uns, daraus ein Stryper-Album zu machen und haben uns wieder als Band zusammengetan und es 2005 als Stryper veröffentlicht. Das war ein wichtiger Meilenstein. Ich glaube, dieser zweite Stryper-Lauf, von 2005 bis heute, ist die beste Zeit der Band. Es sind so viele tolle Dinge passiert, wir haben so viele Orte besucht, haben so viel Musik herausgebracht. Ich habe das Gefühl, dass wir von Album zu Album immer besser werden. Ich glaube, dass wir auch jetzt wieder unser bestes Album gemacht haben. Wir werden sehen, was die Leute denken.

Das sind die Cover der Stryper-Alben von 1984 bis heute

Wie entstehen eure Titel?

Ich schreibe die meisten Songs allein. Meist mache ich zuerst ein Gitarrenriff. Dann suche ich einen passenden Drum-Loop. Das Ganze dauert so 15 bis 20 Minuten und dann ist so ein Song in ein paar Stunden musikalisch arrangiert. Und dann arbeite ich an den Texten und meistens ist das Lied abends fertig. Das geht inzwischen relativ schnell. Früher gab es das auch schon, aber manchmal dauerte es auch ewig. Wir haben jetzt zum Beispiel einen Titel auf dem Album, den ich bereits 1989 geschrieben hatte, den ich aber einfach nicht fertig bekommen habe. Aber jetzt kann man ihn hören, er heißt „Invitation only“ und hat einen richtig echten 80er-Jahre-Flashback-Sound.

Wie habt ihr das Album aufgenommen? Gemeinsam als Band?

Wir haben uns im frühen Januar getroffen, bevor die Pandemie begann. Die Jungs kamen zu mir, wir haben zwei Wochen geprobt und sind dann ins Studio gegangen und haben die Tracks in knapp zwei Wochen aufgenommen. Dann hatten wir ein paar Fans eingeladen, die zwei Tage lang mit uns im Studio rumhängen und Musik hören konnten. Das war eine tolle Erfahrung. Als wir dann von unserer Mexiko-Tour zurückkamen, begann es weltweit gruselig zu werden. Dann gingen wir alle in den Lockdown und in Quarantäne. Aber zum Glück war bis dahin schon alles aufgenommen, bis auf meinen Gesang, den ich aber ohnehin zu Hause aufnehme.

„Even the Devil Believes“ erscheint am 4. September 2020 bei Frontiers Music. Quelle: Stryper

Worum geht es auf „Even the Devil Believes“?

Oh, es geht um eine Menge, aber wenn man ein Thema herausstellen will, dann ist es Liebe. Gut zueinander zu sein, einander mit Respekt zu behandeln. Deinen Nachbarn, deine Familie, deine Freunde zu lieben. In „Blood from Above“ geht es natürlich um die Kreuzigung Jesu, dessen Blut uns alle rettet. In „Make Love Great Again“ geht es aber darum, die Liebe wieder stark zu machen, die Liebe regieren zu lassen, Liebe über Hass triumphieren zu lassen. „Do unto Others“ ist recht ähnlich. Das ist eine recht simple, alte Botschaft: Behandle andere so, wie du erwartest von ihnen behandelt zu werden.

Hast du Lieblingsstücke auf der Platte?

Da gibt es ein paar. „Do unto Others“ ist ganz sicher eines, aber ich mag auch „Divider“. Und dann ist da noch „How to Fly“, das ganz anders ist als die anderen. Das hat so Beatles- und ELO-artige Harmonien mit ein paar spannenden Akkord-Wechseln. Ich mag das Gefühl dieses Songs.

Seit „No More Hell to Pay“ sehen alle Album-Cover farblich ähnlich aus. Haben sie noch mehr gemeinsam?

Ja, wir erhalten da mit den Covern eine Szene aufrecht. Es ist immer derselbe Künstler, Stan-W Decker. Wenn Du sie alle nebeneinander hältst, findest Du viele Gemeinsamkeiten. Außerdem haben wir alle Alben im selben Studio mit dem gleichen Toningenieur aufgenommen. Wir sind ganz glücklich mit dem, was wir momentan für uns gefunden haben, dem Look, dem Sound und auch unseren Videos. Wir haben eine gute Chemie, ein gutes Team.

Wie schwer ist es heute, einen großen Hit zu landen?

Es ist sehr teuer, einen Song richtig groß rauszubringen. Und weder wir noch unser Label haben das Geld dafür. Stryper ist keine Radioband mehr. Es wäre schön, ein paar mehr Singles zu machen, aber es gibt nicht so richtig die Sender für unser Genre. Das gibt es eher mit Pop und Hip-Hop und speziell auch Country, aber nicht mit Metal. Es ist also schwierig, Mann. Aber wir verkaufen immerhin eine Menge Alben. Wenn wir eins rausbringen, verkaufen wir meist so 9000 bis 10 000 Stück in der ersten Woche und das ist heutzutage schon recht viel. Andere Bands verkaufen nur 1000.

Welche Projekte laufen gerade noch neben Stryper?

In den nächsten Monaten singe ich für ein Projekt namens Sunbomb mit Tracii Guns. Dann gibt es ein Projekt mit Joel Hoekstra und Nathan James und ich werde ein neues Soloalbum aufnehmen. Außerdem habe ich gerade mit George Lynch telefoniert und wir werden sicher auch nächstes Frühjahr wieder was als „Sweet & Lynch“ zusammen machen. Und ich denke, Ende 2021, Anfang 2022 wird es auch von Stryper wieder was Neues geben. Es ist eigentlich verrückt, es geht nonstop. Jeden Tag, an dem ich lebend aufwache, denke ich, ich muss was tun, ich will den Tag nicht vergeuden. Ich liebe meine Arbeit, ich habe den besten Job der Welt, ich kann Musik machen. Und solange ich dazu in der Lage bin, will ich es auch tun.

Und werdet ihr mit Stryper auch irgendwann mal wieder nach Deutschland kommen?

Oh ja, es ist eine Sünde, dass wir so lange nicht da waren. Ich träume davon, dass wir eines Tages wieder nach Deutschland kommen können und auch eine Europa-Tour machen. Ich weiß, dass es irgendwann passieren wird, nur noch nicht, wann.

Ein paar Schnellfragen zum Abschluss – welches ist dein Lieblings-Stryper-Album?

„Soldiers Under Command“.

Dein Lieblings-Stryper-Song?

„Yahweh“.

Die letzte Platte, die du dir gekauft hast?

„Firepower“ von Judas Priest.

Stryper – Bandgeschichte und Diskografie

Die Band Stryper ging 1984 als eine der ersten White-Metal-Bands aus der von den Brüdern Michael und Robert Sweet sowie dem Gitarristen Oz Fox gegründeten Band Roxx Regime hervor. Ihre Markenzeichen waren schwarz-gelb-gestreifte Bühnenkostüme, Texte über die christliche Religion und bei Liveauftritten warfen sie Bibeln ins Publikum. Stilistisch spielten sie zunächst für die 80er-Jahre typischen Glam Metal mit zahlreichen schnulzigen Balladen, entwickelten sich aber bis heute immer weiter in die härtere Richtung Heavy- und Powermetal. Die Musikvideos zu „Calling on You“, „Free“ und „Honestly“ gehörten 1987 zu den beliebtesten Clips der MTV-Zuschauer. Der langjährige Bassist Tim Gaines verließ die Band 2017 und wurde durch Perry Richardson ersetzt. Insgesamt haben Stryper bis heute 13 Studioalben veröffentlicht: „The Yellow and Black Attack“ (1984), „Soldiers Under Command“ (1985), „To Hell With the Devil“ (1986), „In God We Trust“ (1988), „Against the Law“ (1990), „Reborn“ (2005), „Murder by Pride“ (2009), „The Covering“ (2011), „Second Coming“ (2013), „No More Hell to Pay“ (2013), „Fallen“ (2015), „God Damn Evil“ (2018) sowie „Even the Devil Believes“ (2020).

Von Ove Arscholl