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Kultur Bashing gegen Influencer: „Sucht euch mal ´nen ordentlichen Job“
Nachrichten Kultur Bashing gegen Influencer: „Sucht euch mal ´nen ordentlichen Job“
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17:14 25.06.2019
Instagram Bild von OZ-Kolumnistin Leni Rabbel aus Rostock: Dusche von einem Elefanten. Quelle: Leni Rabbel
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Rostock

Eigentlich wollte ich zu dem heiklen Thema Influencer gar nichts sagen, erst recht nicht schon in meiner zweiten Kolumne. Aber der aktuelle Fall auf Rügen, bei dem ein Hotel einer Bloggerin nach schlechter Bewertung kostenlose Übernachtungen anbot, hat mich dazu gebracht. Bevor nun alle schon die Fackeln und Mistgabel hervorholen, möchte ich versuchen, mit drei Klischees zum Thema Influencer aufzuräumen.

Ich bin Model und wohl auch „Influencer“. Was heißt das konkret? Neben meinem Studium der Publizistik und Politikwissenschaft arbeite ich freiberuflich für verschiedene Marken als Model und poste auch Werbung auf Instagram. Und ja, dafür bekomme ich Geld. Und ich kann Sprüche wie „Such dir einen ordentlichen Job“ oder „Influencer? Ist das nicht eine Krankheit?“ nicht mehr hören.

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So zeigt sich Leni bei Instagram:

So zeigt sich Leni bei Instagram

Was bedeutet dieses viel genutzte Wort eigentlich? Bei den meisten Leuten entsteht im Kopf ein Bild von hübschen, jungen Mädchen, die um die Welt reisen, Sport machen, mit Fitness-Tees posieren und generell alles umsonst kriegen. Das ist so nicht ganz richtig, deshalb Ohren bzw. Augen auf für einen kleinen Einblick in die Welt der Influencer und die Vorurteile, mit denen sie sich rumschlagen müssen.

1. Influencer sein ist kein richtiger Job

Der absolute Klassiker: sie arbeiten nicht und bekommen Geld dafür, gut auszusehen. Meist erfüllen Blogger aber tatsächlich sechs Jobs gleichzeitig: Artdirektion, Model, Fotograf, Bildbearbeitung, Styling und Marketing. Bei einem normalen Fotoshooting oder einer Werbeproduktion gibt es für jeden Belang ein ganzes Team.

Man sieht, der Job ist schon etwas mehr, als nur hübsche Bilder ins Netz zu stellen. Von der Idee des Fotos, dem Verhandeln mit Auftraggebern bis zur letztendlichen Veröffentlichung vergehen häufig mehrere Wochen. Dass der Job körperlich keine harte Arbeit ist und die Bezahlung im Vergleich zu vielen anderen Berufen unverhältnismäßig hoch ist, streitet niemand ab. Das trifft aber in der Unterhaltungsbranche auf die meisten Jobs zu – ohne Aufschrei.

2. Influencer sind nur wandelnde Werbeplattformen

Der Job erfordert, wie eben beschrieben, sehr viel Zeit. Marken haben lange erkannt, dass sie bestimmte Zielgruppen nicht mehr in den traditionellen Massenmedien erreichen. Also ist eine Kooperation für beide von Vorteil: die Blogger können ihre kreative Arbeit finanzieren und Unternehmen werben im natürlichen Umfeld der jungen Generation.

Natürlich gibt es auch in den sozialen Medien – wie in jeder anderen Branche – schwarze Schafe. Menschen, die ihre Reichweite ausnutzen, um jungen Leute ihr Geld aus der Tasche zu ziehen, Werbung für fragwürdige Produkte alleine des Geldes wegen schalten und anmaßende Anfragen an Unternehmen stellen. Von dieser Sorte gibt es sicherlich mehr als genug. Ist es deshalb fair, alle in einen Topf zu werfen? Auch Menschen, die ihren Einfluss benutzen um zu inspirieren, auf wichtige Themen aufmerksam machen oder einfach künstlerisch aktiv sind?

Sie sind die Identifikationspersonen unserer Zeit. Nie war man näher an seinen Idolen, nie gab es mehr Austausch oder Transparenz. Werbung muss deutlich als ebensolche gekennzeichnet werden.

3. Influencer sind oberflächliche Selbstdarsteller

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Narziss, der so in sein eigenes Spielbild vernarrt war, dass er ertrank. Das Spiegelselfie ist wohl die moderne Form dieser Sage. Ich gebe zu, Instagram ist generell erst einmal eine oberflächliche Angelegenheit: Fotos posten, liken, kommentieren. Einen gewissen Hang zur Selbstdarstellung braucht es schon, um als Blogger Erfolg zu haben. Vielleicht ist dieses Klischee auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Dennoch habe ich viele Menschen getroffen, die im „echten Leben“ eher schüchtern und zurückhaltend waren und für die Instagram ein Weg ist, diese Unsicherheit zu überwinden und sich der Welt zu zeigen. Aber die Branche ist auf jeden Fall ein hartes Pflaster, bei dem sich viele Leute nicht wirklich für die Person hinter der Follower-Anzahl interessieren.

Ein kleines Plädoyer zum Schluss. Ich halte es für wichtig, auch den Beruf Influencer, Blogger – wie auch immer – differenzierter zu betrachten. Schaffen wir in den anderen Berufen der Medienbranche doch auch. Es gibt Soapdarsteller und Indie-Schauspieler, Ballermann und Rocklegenden, Tagesschausprecher und Taff-Moderatoren. Da würde man nie die komplette Branche über einen Kamm scheren und verteufeln, weil einem gewisse Aspekte der Darstellung nicht passen. Genau dieses Umdenken muss auch im Bereich der Influencer stattfinden, damit Leute, wie zum Beispiel auch ich, sich mit der Bezeichnung nicht mehr unwohl fühlen.

Als kleiner Tipp: Ebenso, wie man beim linearen Fernsehen in der Werbepause auf die Toilette verschwinden oder umschalten kann, gibt es auch online die Möglichkeit. Einfach den „unfollow“-Button drücken.

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