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Kultur Fotograf Tobias Kruse: Momente eines sichtbaren Lebensgefühls
Nachrichten Kultur Fotograf Tobias Kruse: Momente eines sichtbaren Lebensgefühls
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12:44 04.10.2019
Fotograf Tobias Kruse in seinem Atelier in Berlin Quelle: Thomas Häntzschel / nordlicht
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Berlin

Blütenblätter rieseln von einem Baum vor einer zerbröckelnden, eingerüsteten Hausfassade. Wäsche weht sonnenbeschienen im Wind inmitten einer nicht lokalisierbaren Provinz. Ein Gummibaum steht ausschnitthaft in einer Stadtlandschaft; dazwischen Porträts, die wie beiläufig fotografiert wirken und doch den Betrachter durch ihre unmittelbare Intimität in den Bann ziehen. Immer wieder Wasser, Ufer, Strände, scheinbar belanglose Alltagsgegenstände und -szenen. Die Fotografien Tobias Kruses wollen offenbar keine konkreten Abbilder sein, eher Momente der Visualisierung eines Lebensgefühls.

In seiner 2018 im Kerber Verlag erschienenen Publikation „Material“ hat Tobias Kruse die Essenz eines Projektes veröffentlicht, mit dem er fast fünfzehn Jahre verbracht hat. „Es ging mir darum, aus einem Berg von Bildern, es sind mittlerweile etwa 20 000, eine Geschichte zu formen, die nicht notwendigerweise mein Leben erzählt, sondern irgendein Leben oder das Leben aller. Das ist eigentlich egal. Es geht um die Erzählung an sich, um Sprache und um Stimmung.“

Keinerlei Interpretationshilfen

Das Erzählen ist dabei konsequent fotografisch gedacht und realisiert. Die Fotografien sind formatfüllend auf die Seiten gesetzt, laufen auch mal über den Seitenrand hinaus auf die nächste Seite, so dass sich das Bildmotiv erst beim Umblättern als Ganzes erfassen lässt. Farbliche Dominanzen wechseln einander ab, Fotos scheinen sich zu Filmsequenzen zu verdichten.

Arbeiten von Tobias Kruse

Es gibt keinerlei Textinformationen, die den Leser auf ausgetretene Interpretationspfade führen könnten. Man ist allein in einer Bildwelt, die sich bei längerem Betrachten mehr und mehr mit den Fetzen des eigenen fotografischen Gedächtnisses vermischt. Dass dieses Konzept auch im Ausstellungskontext funktioniert, zeigte Tobias Kruse im Frühsommer dieses Jahres in der Robert Morat Galerie Berlin.

„Ich gelernt, Mut zu Nichtbildern zu haben“

Tobias Kruse wurde in Mecklenburg geboren und wuchs in Schwerin auf. Als Teenager in den 1990er Jahren fand er das „ganz schrecklich“ und wollte so schnell wie möglich weg. Kurioserweise wurde ausgerechnet das vorpommersche Anklam seine nächste Lebensstation. 1996 bis 2000 absolvierte er an der dortigen Grafikdesign-Schule eine Ausbildung zum Grafiker.

Fotografie betrieb er da schon aus eigenem, eher privatem Antrieb. Wie so oft im Leben war es ein glücklicher Zufall, dass er über Sabina Grzimek, die in Anklam Plastik lehrte, auf dem Gehöft von Ludwig Engelhardt auf Usedom die Fotografin Sybille Bergemann kennenlernte. Die Fotoagentur Ostkreuz, eine der einflussreichsten deutschen Fotografengruppen und von Sybille Bergemann mitgegründet, war ihm da schon ein Begriff.

In den folgenden Jahren spielte die Fotografie eine immer mehr dominierende Rolle für Tobias Kruse, auch wenn er nach seinem Umzug nach Berlin zunächst als Grafiker arbeitete. 2004 begann er schließlich ein Praktikum bei Ostkreuz und mit der Gründung der Ostkreuzschule 2005 startete er im ersten Jahrgang sein Fotografiestudium, in dem Ute Mahler seine wichtigste Lehrerin und Mentorin war.

Zur Person

Tobias Kruse wurde 1979 in Waren geboren, aufgewachsen ist er in Schwerin. Von 1996 bis 2000 absolvierte er eine Ausbildung an der Grafikdesign-Schule Anklam, 2005 bis 2008 ein Studium der Fotografie bei Prof. Ute Mahler an der Ostkreuzschule für Fotografie. 2008/2009 war er Meisterschüler bei Prof. Arno Fischer. Seit 2011 ist er Mitglied der Fotoagentur Ostkreuz.

Dem schloss sich 2008 eine Meisterklasse bei Arno Fischer an. „Von ihm habe ich gelernt, Mut zu haben zu ‚Nichtbildern‘. Arno Fischer hatte einen wahnsinnig guten Blick für scheinbare Unwichtigkeiten, ihm war alles suspekt, was bedeutend sein wollte, das fand ich ganz gut!“, sagt Tobias Kruse rückblickend.

Das Fotografieren für Magazine und die Arbeit als Fotoredakteur bei „Dummy“ bestimmten zunächst das weitere Berufsleben. 2011 fragte ihn Ostkreuz schließlich als Mitglied in der Agentur an.

Inzwischen sind es aber vor allem die freien Arbeiten, die ihn interessieren. Hier ist es möglich, sich Themen zu widmen, die auf dem ausgedünnten Magazinmarkt kaum noch eine Realisierungschance haben. Zudem will Tobias Kruse, auch geprägt durch die Arbeit am Projekt „Material“, weg vom linearen Erzählstil der klassischen Dokumentarfotografie.

„Mein aktuelles Projekt ist eigentlich ein unfotografierbares Thema, für das vermutlich niemand einen Auftrag geben würde. Es geht um meine eigene Kindheit und Jugend im Osten Deutschlands in der Wendezeit und den 1990er Jahren.“ Im nächsten Jahr ist bereits eine Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen geplant. Man darf gespannt sein!

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