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Kultur Verein füllt Kulturhaus in Mestlin mit neuem Leben
Nachrichten Kultur Verein füllt Kulturhaus in Mestlin mit neuem Leben
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18:47 23.11.2019
Architektonisches Relikt sozialistischer Baukunst: das Kulturhaus Mestlin im ehemaligen sozialistischen Musterdorf. Um den Erhalt des Hauses und des umliegenden Ensembles kümmert sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Mestlin

Es ist ein XXL-Projekt, das sich der Verein Denkmal Kultur Mestlin auf die Fahnen geschrieben hat: 57 Meter Länge und 28 Meter Breite misst der wuchtige zweigeschossige Bau am Marx-Engels-Platz 1 in Mestlin. Das architektonische Relikt sozialistischer Baukunst ist das ehemalige Kulturhaus, Herzstück jenes Dorfes, das in den 50er Jahren als einziges von insgesamt 180 zum sozialistischen Musterdorf ausgebaut wurde.

Rund um den Platz gruppieren sich die steinernen Überbleibsel dessen, was einst zum perfekt geplanten Dorf gehörte und den Bewohnern die Idee des sozialistischen Landlebens schmackhaft machen sollte: Schule, Kinderkrippe und Kindergarten, Textil- und Lebensmittelladen, Gaststätte, Post und Sparkasse sowie ärztliche Versorgung in Form eines Landambulatoriums mit Geburtsstation und Operationssaal.

Doch an den grauen Gebäuden, in denen es bis zur Wende Radios, Kühlschränke und Waschmaschinen gab, sind die Schriftzüge längst verblasst und der Putz bröckelt.

Galerie: So sieht es heute in Mestlin aus

Die OZ zu Gast im ehemaligen sozialistischen Musterdorf

„Auch für damalige Verhältnisse war alles ein wenig überdimensioniert“, sagt Peter Enterlein vom Vorstand des Vereins Denkmal Kultur Mestlin. Von den rund 1200 Einwohnern knapp nach der Wende leben heute nur noch rund 700 in dem Dorf. Die Schule, ausgerichtet für 500 Kinder, zählt heute nur noch 60 kleine Besucher.

„Viele Menschen sind zur Entstehungszeit hergezogen, haben die besten Jahre hier verbracht und bekommen nun im Alter mit, wie das, was sie ein Leben lang begleitet hat, plötzlich verwahrlost und verfällt“, sagt Enterlein.

Um das zu verhindern, gründete sich 2008 der Verein. Sein Ziel: das unter Denkmalschutz stehende Ensemble zu erhalten und mit Leben zu füllen. „Das sprengt natürlich den Rahmen eines kleinen Vereins“, sagt Enterlein. „Also haben wir mit dem Kulturhaus angefangen, weil es der zentrale Bestandteil ist.“

Das Logo der Aktion Quelle: Zill

Das Kulturhaus

1957 wurde das Kulturhaus nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt. Der Bau mit Gaststätte, Hörsaal, Nebenräumen und großem Saal mit Bühne, Orchestergraben und Filmvorführanlage verschlang damals rund 3,5 Millionen Mark.

Die Puhdys spielten dort, Silly und Karat. Zu Konzerten, Tanzveranstaltungen, Jugendweihen, Konferenzen und Ausstellungen strömten rund 50 000 Menschen pro Jahr ins kulturelle Zentrum der Region. Doch mit der politischen Wende wurde der sozialistische Prunkbau zum Sanierungsfall, die kleine Gemeinde war mit dem Erhalt hoffnungslos überfordert.

Anfang der 90er Jahre wurde das Haus kurzzeitig von einem Hamburger Gastronom als Großraumdisco genutzt, stand aber seit 1996 wieder leer. Und so mühte sich 1997 ein erster Förderverein um das Objekt. Er realisierte 2000 unter anderem die Dachsanierung für 450 000 Mark mit Hilfe von Denkmalschutzmitteln und machte den Kleinen Saal als Clubgaststätte wieder nutzbar. „Verein und Gemeinde haben sich damals überworfen, so dass sich der Verein 2003 aufgelöst hat“, so Enterlein. Aus einer Bürgerinitiative entstand 2008 der Verein Denkmal Kultur Mestlin, der heute 16 aktive Mitstreiter zählt.

Die Macher:

„Wir sind täglich am Kulturhaus vorbeigefahren und haben überlegt, ob sich der Ort für Veranstaltungen nutzen lässt“, erinnert sich Takwe Kaenders vom Vorstand. Aus dieser Idee sei dann ein neuer Verein entstanden. Die Bildhauerin, die im Nachbardorf lebt, ist nur eine von vielen Kreativen im Verein.

„Im Vordergrund steht natürlich der Erhalt des Gebäudes, darüber hinaus muss das Haus mit Leben gefüllt werden“, sagt sie. Um das zu realisieren, habe der Verein versucht, Veranstaltungen zu organisieren, die jedes Mitglied auf seine eigene Weise betreuen könne, so Kaenders.

Während die Bildhauerin das Haus mit Ausstellungen von Künstlern füllt, kümmert sich Vereinskollegin Susanne Reichhard, die Schauspielerin und Regisseurin ist, um Jugendarbeit und Theater. „Momentan können wir das Haus nur in Eigenregie bespielen“, sagt Kaenders.

Aber das mit jeder Menge Herzblut: „Fast zehn Jahre lang haben wir die Künstler überredet, hier ehrenamtlich zu arbeiten, um überhaupt Ausstellungen zu ermöglichen“, sagt die 56-Jährige. „Dafür haben sie hier Räume und Möglichkeiten, die woanders nicht vorhanden sind.“

Mestlin liegt bei Goldberg. Quelle: Zill

Die Kunst: Ausstellungen, Theater, Konzerte

Rund 15 öffentliche Veranstaltungen organisiert der Verein pro Jahr, darunter Ausstellungen, Theater, und Konzerte. Zwischen 8000 und 10 000 Besucher kommen jährlich ins Kulturhaus – 3000 davon allein zum kreativen Marktplatz „Hinterland“. Seit 2014 ist das Haus zudem Spielort der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

2016 erhielt der Verein sogar den Spielstättenpreis. „Vor dem ersten Konzert haben wir uns gefragt, ob das funktioniert: ein klassisches Konzert in dieser Kulisse“, sagte Intendant Markus Fein damals. Die stets ausverkauften Konzerte seien jedoch von Anfang an von einer besonderen Stimmung geprägt gewesen, die auch dem ehrenamtlichen Engagement vor Ort zu verdanken sei.

Und das ist nicht die einzige Auszeichnung: 2011 wurde das Kulturhaus von der Bundesrepublik als „Denkmal von nationaler Bedeutung“ anerkannt. 2017 wurde der Verein für sein Engagement mit dem „Deutschen Preis für Denkmalschutz“ ausgezeichnet. „Das spornt uns natürlich an“, sagt Kaenders. Trotzdem sei das Haus nach wie vor ein Ort kommunaler Veranstaltungen. „Das reicht von der Frauentagsfeier bis hin zum Oktoberfest der Sportler“, sagt die 56-Jährige. „Es wäre aber schön, wenn künftig noch mehr Leute aus der Region Zugriff auf das Kulturhaus hätten.“

Mehr als zwei Millionen Euro flossen bisher in die Sanierung

Mehr als zwei Millionen Euro sind bisher in die Sanierung geflossen. Mittel dafür kamen unter anderem von Bund und Land, von der EU, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie von weiteren Stiftungen. Das Ergebnis: Alle Bereiche des Hauses sind inzwischen wieder nutzbar.

Der Verein hat die vier baufälligen Außenterrassen saniert, alle Fenster und Türen im Außenbereich aufgearbeitet, die Toiletten im Untergeschoss sowie die Bühnentechnik für die – nach Rostock und Schwerin – drittgrößte Bühne Mecklenburgs erneuert und eine provisorische Lichtanlage eingebaut. Mit mindestens noch einmal der gleichen Summe, schätzt Enterlein, ließe sich das Haus so weit sanieren, dass es sicher und funktional sei.

„Es wäre aber illusorisch, zu sagen, ein Verein mit 16 Mitgliedern kann langfristig dieses Haus betreiben“, betont er. Daher würden er und seine Mitstreiter die Verantwortung langfristig gern an Land oder Bund übertragen. „Wir haben das Gefühl, dass die Landes- und Landkreis-Institutionen, die eigentlich für das Haus verantwortlich wären, sich zunehmend engagieren und ihre Rolle wahrnehmen wollen“, sagt der 55-Jährige.

Ein erster Schritt sei die Teilnahme am Wettbewerb „Trafo“ auf Initiative der Bundeskulturstiftung hin. Dabei werden zwei Teilnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern und bundesweit weitere 16 ihr Konzept vorstellen, fünf der Teilnehmer erhalten Fördermittel.

Zum Verein

Seit Juli 2008gibt es den Verein Denkmal Kultur Mestlin, der heute 16 Mitglieder, 26 Fördermitglieder und einen Freundeskreis in Berlin umfasst. Ziele des Vereins sind der Erhalt und die Nutzung des Mestliner Kulturhauses und des umliegenden Gebäudeensembles.

Rund 15 öffentliche Veranstaltungen organisiert der Verein pro Jahr, darunter Ausstellungen, Theater, und Konzerte. Zum kreativen Marktplatz „Hinterland“ kommen jährlich rund 3000 Besucher ins Kulturhaus Mestlin. Seit 2014 ist es zudem Spielort der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Weitere Infos unter: www.denkmal-kultur-mestlin.de

„Wenn das funktioniert, würde der Landkreis die Trägerschaft der Maßnahme übernehmen und für die Wettbewerbsdauer von vier Jahren eine feste Stelle schaffen“, so Enterlein. „Das Kulturhaus würde sich als Ankerzentrum der Region intensiver mit regionalen Akteuren, wie Kreismusikschule, Volkshochschule und Naturschutzverbänden verknüpfen, die das Kulturhaus gemeinschaftlich bespielen.“

Dafür habe das Land bereits finanzielle Unterstützung zugesagt. Parallel dazu, hofft Enterlein, erfolge auch ein Wechsel der Trägerschaft. „Dann hätten wir es geschafft, das Haus zu sichern, die Sanierung anzuschieben und einen neuen Träger zu finden und könnten bestenfalls auch weiterhin unsere Ideen einbringen.“ Ausruhen kann sich der Verein aber auch dann nicht: Schließlich gibt es im Musterdorf noch einiges zu tun.

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