Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Oscar-Regisseur Volker Schlöndorff wird 80
Nachrichten Kultur Oscar-Regisseur Volker Schlöndorff wird 80
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:19 29.03.2019
„Ich denke, ich kann noch viele Filme drehen“: Regisseur Volker Schlöndorff in seinem Haus in Potsdam. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Wann seine Liebe zum Kino begann? Vielleicht schon an den Nachmittagen in Wiesbaden, an denen der Schüler Volker heimlich über die Feuerleiter in den Projektionsraum der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) kletterte. Im Vorführgerät ratterten frische Filme, die eine Zuschauer-Altersfreigabe verpasst bekommen sollten.

Verloren an die Filmkunst war Volker Schlöndorff spätestens, als er als 16-jähriger Austauschschüler in einem liberalen Jesuiten-Internat in der Bretagne landete – und erlebte, wie im Nachbarland das Kino gewürdigt wird. Schlöndorff blieb in Frankreich. Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war das alles andere als selbstverständlich. Auf einer Pariser Eliteschule machte er dank eines Stipendiums sein Abitur. Neben ihm in seiner Klasse saß der spätere Regisseur Bertrand Tavernier.

Er bewegte sich im Kreis der Nouvelle Vague

Schlöndorff, Sohn eines Arztes, nahm ein Jura-Studium auf, besuchte aber lieber drei Mal täglich die Cinémathèque Française und schaffte die Aufnahme an der Filmhochschule. Doch da ging er gar nicht mehr hin: Längst war er in den Dunstkreis von Louis Malle, Alain Resnais, François Truffaut und Jean-Pierre Melville geraten, den wilden, jungen Leuten der Nouvelle Vague, die das Kino aus den Studios auf die Pariser Straßen holten.

Beim illustren Filmfestival in Cannes - wo sonst? - feierte 1966 sein Regiedebüt „Der junge Törless“ nach Robert Musils Roman Premiere. Der internationale Erfolg des Neuen Deutschen Films begann. So viele Mitstreiter von einst sind heute nicht mehr aktiv, Wim Wenders und Werner Herzog fallen einem ein.

Der „Katharina Blum“-Film löste Debatten aus

Schlöndorffs Filme haben teilweise heftige politische Debatten ausgelöst - etwa die Heinrich-Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) über die Macht der Boulevardpresse in Zeiten der Massenhysterie fiel mitten in die aufgeheizte Terrorismusdebatte in der Bundesrepublik. Der Film endete mit einer ungewöhnlichen Einblendung: „Ähnlichkeiten mit gewissen journalistischen Praktiken sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

Als Ko-Regisseurin zeichnete seine damalige Frau Margarethe von Trotta verantwortlich, die für ihn zugleich Kollegin wie Konkurrentin, stets aber politische Mitstreiterin gegen das biedermeierliche Deutschland war. Die Ehe ging 1991 auseinander. Befreundet sind die beiden bis heute. Schlöndorffs zweite Frau, die Schnittmeisterin Angelika Gruber, starb vorige Weihnachten. Tochter Elena wurde 1992 geboren.

Cineastischer Paukenschlag: „Die Blechtrommel

Kinogeschichte schrieb Schlöndorff mit „Die Blechtrommel“ (1979) nach Günter Grass’ Jahrhundert-Roman. Der Film wurde, nun ja, zum cineastischen Paukenschlag. Erst gewann Schlöndorff die Goldene Palme in Cannes (das sollte Wenders erst 1984 mit „Paris, Texas“ gelingen) und dann auch den Oscar in Hollywood. Es war der erste Auslands-Oscar für einen deutschen Spielfilm (später folgten „Nirgendwo in Afrika“ und „Das Leben der Anderen“).

Nach dem „Blechtrommel“-Erfolg ging Schlöndorff in die USA, künstlerisch nicht seine glücklichste Zeit. Es entstanden Auftragswerke wie „Tod eines Handlungsreisenden“ (1984) mit Dustin Hoffman oder „Die Geschichte einer Dienerin“ (1989) nach einem Bestseller von Margaret Atwood.

Komplizierte Beziehung zu den Frauen

Dann fiel die Mauer, die historische Zäsur 1989 holte ihn zurück aus New York nach Berlin und Potsdam. Schlöndorff verfilmte erst einmal Max Frischs „Homo Faber“ (1991). Der Schweizer Autor Frisch war ein Freund, beide verband eine komplizierte Beziehung zu den Frauen: „Frisch hat Frauen geradezu inbrünstig verehrt, ich auch. Gleichzeitig sind wir beide immer schlecht mit ihnen zurechtgekommen. Wir stellen Frauen auf einen Sockel und beten sie an. Im Alltag wird es dann kompliziert“, hat er im Gespräch gesagt.

Wie kompliziert, lässt sich aus seinem bislang letzten Kinofilm „Rückkehr nach Montauk“ (2017) herauslesen: Da macht sich ein älterer Herr (gespielt von Stellan Skarsgård) in New York in Liebesdingen lächerlich. Ähnlichkeiten mit einem berühmten deutschen Regisseur sind unvermeidlich. Schlöndorff packte viel von seinem eigenen Leben hinein.

Chef des Studios Babelsberg

Ungewöhnliche Zeiten verlangen die Übernahme von ungewöhnlich viel Verantwortung: 1992 ließ sich Schlöndorff als Chef des traditionsreichen Studios Babelsberg in die Pflicht nehmen, das damals vor dem Ruin stand. „Ohne meinen Einsatz von damals gäbe es das Studio nicht mehr. Ist doch auch nicht schlecht“, sagt er. Später drehten dort George Clooney und Quentin Tarantino und liefen ehrfurchtsvoll durch die Marlene-Dietrich-Halle.

Auf seinen beruflichen „Wanderwegen“ ist Schlöndorff vielen einflussreichen Menschen begegnet, zum Beispiel Jassir Arafat. Unter dem Schutz des Palästinenserführers drehte er 1981 in Beirut mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla mitten im libanesischen Bürgerkrieg „Die Fälschung“, eine der vielen Literaturverfilmungen, die Schlöndorffs Markenzeichen geworden sind.

Erste Leidenschaft: Das Kino

Manche kritisieren ihn dafür, dass er so wenig eigene Stoffe verarbeitet hat. Doch lässt er immer wieder persönliche Bezüge einfließen: In der „Blechtrommel“ hämmert Oskar Matzerath verzweifelt an der Badezimmertür, hinter der seine Mutter an einer Fischvergiftung stirbt. Als Fünfjähriger musste Schlöndorff 1944 zu Hause mitansehen, wie seine Mutter beim Kochen von Bohnerwachs von einer Stichflamme erfasst wurde und verbrannte.

Am 31. März feiert Schlöndorff seinen 80. Geburtstag. „Wenn man so eine Leidenschaft für die Kunst hat, landet jede andere Leidenschaft auf dem zweiten Platz“, hat er im Rückblick gesagt. Hat er Angst, dass irgendwann Schluss ist mit dem Filmen? „Glücklicherweise nehme ich diese Ängste gar nicht so wahr. Ich bin ja auch ein wahrer Tor: Ich denke, ich kann auch mit 80 Marathon laufen und noch viele Filme drehen. Das Bewusstsein, dass die Zeit begrenzt ist, blende ich einfach aus.“

Von Stefan Stosch

Keith Richards bringt eine Neuauflage seines ersten Solo-Albums „Talk is Cheap" heraus. Mit Matthias Halbig spricht er über die besondere Geschichte der Platte – und sein Verhältnis zum Stones-Frontmann Mick Jagger. Lesen Sie hier das komplette RND-Interview.

01.04.2019

Die Ausstellung „Neue Mitglieder“ in Schwerin zeigt Arbeiten der Neuaufnahmen in den Künstlerbund Mecklenburg und Vorpommern.

Die französische Filmemacherin Agnès Varda ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

29.03.2019