Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Nach wahrer Geschichte: So stark war der neue „Polizeiruf 110“ aus Rostock
Nachrichten Kultur Nach wahrer Geschichte: So stark war der neue „Polizeiruf 110“ aus Rostock
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
21:42 11.11.2018
ARD-Polizeiruf 110 mit Charly Hübner als Kommissar Bukow und Andreas Günther als Kommissar Anton Pöschl Quelle: NDR/Christine Schroeder
Anzeige
Rostock

Wo ist die schwarze Linie? An welchem Punkt beginnt man kriminell zu werden? Wo wird aus dem guten Menschen ein böser, aus dem guten Cop ein mieser Bulle und aus dem Mörder ein Monster? Was ist noch schlimmer, als das eigene Kind durch Mord zu verlieren? Nichts? Da sollte man mal Hans von Möhlmann aus Hambühren bei Celle fragen. Der wohnt mit dem Mörder seiner Tochter Frederike (1964-1981) in einer Straße. Der Rostocker Polizeiruf 110 „Für Janina“ orientiert sich an dem realen Fall der Schülerin Frederike von Möhlmann, die am 4. November 1981 im Alter von 17 Jahren abends auf dem Heimweg vom Musikunterricht überfallen, vergewaltigt und mit mehreren Messerstichen ermordet worden ist.

Die Kripo hat damals einen Tatverdächtigen, der vom Landgericht Celle zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist und in Revision vom Bundesgerichtshof wegen unsauberer Reifenspuren freigesprochen wurde. 29 Jahre später konnte nachgewiesen werden, dass Ismet H. aus der Nachbarschaft des Mädchens doch der Täter war. Eine DNA-Untersuchung hatte ergeben, dass Haare von ihm an der Kleidung des Mädchens hafteten. Doch laut § 363 der Strafprozessordnung darf Ismet H. nicht noch einmal angeklagt werden.

Anzeige
Ein ungeklärter Mordfall wird neu aufgerollt. Der ­Täter ­wurde damals freigesprochen. ­Bukow und König ermitteln. Bilder aus dem neuen Rostocker Polizeiruf

Diese reale Folie nimmt „Für Janina“ zur Vorlage für einen außergewöhnlichen Krimi. Bei der Preview am Donnerstag mit Almauftrieb aus Rostocker Lokalprominenz, Polizeiruf-Ermittlern und NDR-Granden überzeugte der Film im pickepackevollen Capitol-Kino bis zum bitteren Ende. Natürlich geben sich Bukow, König & Co. nicht damit zufrieden, dass sie den Mörder von Janina Jahrzehnte nach der Tat per DNA-Abgleich doch noch überführen, aber eben nicht vor Gericht stellen können. Sie überschreiten alle Grenzen – der polizeilichen, der privaten, der menschlichen und gesellschaftlichen Übereinkünfte.

Der Film punktet anfangs mit jeder Menge Ostalgie in Bild, Ton, Musik und blöden Sprüchen und nimmt schwer Fahrt in Richtung psychologisches Kammerspiel auf. Dazu der üblich trocken-mecklenburgische Humor („Du wartest doch mit ’nem Cocktailshaker in der Hand auf ’n Erdbeben, du fauler Hund“ oder „Seid wann sind Sie ich?“), die bekannte Hochkonjunktur des F-Wortes und die gewohnte Prise Machosprüche auf Kriposchicht („Schöne Hupen“).

Doch in diesem Fall geht der Polizeiruf wieder einen Schritt weiter. Und das noch nicht mal in Sachen Spannung. Rostocks-IHK-Präsident und Oberbürgermeister-Kandidat Claus Ruhe Madsen sagte vor dem Film: „Ein Krimi ist dann gut, wenn ich mich anschließend nicht mehr mit dem Hund vor die Tür traue.“ Nach der Premiere traute sich Madsens zwar noch ohne Polizeischutz und Wachhund vors Kino, fand den Film aber trotzdem stark – weil er berührt.

„Wo führt das noch hin?“

Auf der einen Erzähllinie ist es sehr stark, wie da Drehbuch-Team von Eoin Moore – auch Regisseur – und seiner Frau Anika Wangard die inneren Konflikte, die Zerrissenheit und die Isolierung der einzelnen Kripobeamten in der fiktiven Rostocker Polizeiinspektion weiter treibt. Aus der nervig guten Moraltusse Katrin König wird zunehmend ein hemmungsloser Filmbulle, der die Grenzen des Gesetzes auf der einen Seite permanent in Frage stellt, auf der anderen Seite moralinsauer und penibel genau nimmt – aber wo sind die Grenzen dieser Figur? Und auf der anderen Seite Alexander Bukow, der seit Scheidung, Dauergeldnot und sexueller Frustration bereits jenseits von Gut und Böse durch die Gegend oxidiert. Charly Hübner sagte bei der Premierenfeier: „An Bukow reizt mich, dass der grenzenlos ist. Jeder Mensch ist ja mit einer Moral groß geworden, aber bei dem frage ich mich immer, wo das noch hinführt . . .“

Auf der anderen Schiene wird vor allem über die starke Darstellung des Mörders Guido Wachs von dem Theaterschauspieler, Komiker und Clown-Performance-Künstler Peter Trabner, der hier mal ganz heftig, intensiv und gekonnt das Genre wechselt, die Perversion dieses Paragrafen vorgeführt. Das treibt Opfer, Hinterbliebene, Ermittler,Täter und sogar Kinder und Ehefrau des Täters in den Wahnsinn. Unvorstellbar eigentlich, dass es so etwas in der Realität gibt. Gibt es aber.

Und so musste man beim Film oft an Hans von Möhlmann denken, der in den hinteren Reihen diesem fiktiven Treiben zusah und das aushalten musste. „Das ging aber“, sagte er. „Der Film ist halt doch ganz anders als der Fall meiner Tochter.“

Sein Anwalt Dr. Wolfram Schädler aus Wiesbaden – ehemaliger Bundesanwalt – hat eine Petition eingereicht, dass der § 363 der Strafprozessordnung überarbeitet wird. Die Regierung hat das in ihrem Koalitionsvertrag aufgenommen, doch Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) hat es auf die lange Bank geschoben. Schädler: „Das ist unerträglich. Dann soll sie sagen, dass sie es nicht will. Herr von Möhlmann begegnet dem überführten Mörder seiner Tochter täglich in seiner Straße.“

Sollte der Paragraf geändert werden, würde Ismet H. nachträglich noch mal angeklagt und wegen der Beweislage vermutlich wegen Mordes verurteilt, weil es keine Gesetzesänderung ist, sondern eine Veränderung der Strafprozessordnung. Hans von Möhlmann sagt: „Ich hoffe, dass dieser Film dafür Werbung macht und das Bewusstsein schärft.“

Mehr zum Thema:

Rostock feiert Premiere für neuen „Polizeiruf 110“

Polizeiruf 110 aus Rostock: Diese Fälle haben Bukow und König bisher gelöst

Michael Meyer