Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Reges Treiben im Vorpommernhus: Kabarett im Kuhstall
Nachrichten Kultur Reges Treiben im Vorpommernhus: Kabarett im Kuhstall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 08.12.2019
Das Vorpommernhus in Klausdorf an der Prohner Straße. Seit 2007 gibt es dieses Kulturhaus nahe Stralsund. Vorher war es ein Bullenstall. Quelle: Reinhard Amler
Anzeige
Klausdorf

„Ich wohne gleich um die Ecke. Für mich ist es sehr bequem, hierherzukommen“, sagt Olaf Schulz. Er sitzt in der ersten Reihe im Vorpommernhus in Klausdorf bei Stralsund. Mit Spannung erwarten er und rund 170 weitere Besucher den Auftritt von Herrn Holm, dem wohl bekanntesten Hamburger Polizisten, der heute allerdings in Zivil da ist.

Es gibt keine freien Plätze mehr im weiß getünchten Saal mit den vielen Holzständern. Schulz weist auf eine Wand. Dort sind unzählige Plakate angebracht. Alle liebevoll eingerahmt. Sie wirken wie eine Ahnengalerie. „Hier haben wir alle Veranstaltungen verewigt, die seit 2015 hier stattgefunden haben“, erklärt Manfred Nicke, der Vorsitzende der Vorpommernhus Klausdorf e.V. „Ich war bei fast allen dabei“, erklärt Besucher Schulz. Und stolz blinken seine Augen dabei.

Liebevoller Spitzname: Bullenstall

Der Auftritt des Hamburger Kabarettisten Dirk Bielefeldt, alias Herr Holm, ist eine von etwa 18 Veranstaltungen, die Jahr um Jahr im Vorpommernhus durchgeführt werden. „Unser Anspruch ist, auch auf dem Lande ein vielschichtiges Programm an Kleinkunst zu bieten“, erklärt Nicke. Seit 2010 ist er hier, etwa 15 Kilometer nordwestlich von Stralsund tätig. Den Verein, der das Haus betreut, gibt es seit 2011.

Vereinschef Manfred Nicke zeigt auf die „Ahnengalerie“, in der seit 2015 sämtliche Veranstaltungsplakate gesammelt werden. Quelle: Reinhard Amler

Zusammen mit Romy Steinfurth bildet Nicke ein Team. Sie ist die eigentliche gute Seele hier, weil sie täglich da ist und sich um Telefonate, Kartenverkauf, Getränkebestellungen und alles Sonstige kümmert. Steinfurth ist auch im Dorf aufgewachsen. „Dort heißt das Vorpommernhus nur: Bullenstall“, erzählt sie. Denn noch bis 1992 waren in dem rund 100 Jahre alten Gemäuer Kühe untergebracht. Sie gehörten der LPG Prohn, die 1993 abgewickelt wurde. Der damalige Bürgermeister hatte dann die Idee, den Stall umzubauen, erinnert sich Steinfurth. „Und so wurde daraus ein Kulturhaus“. Klausdorf besaß so eins bereits zu DDR-Zeiten. Allerdings an anderer Stelle und betrieben von der LPG.

Sechs Mal im Jahr gibt es Seniorentanz

Schaut man auf die Plakate an der Wand, staunt man, wer mittlerweile alles hier war. Das „Who ist Who“ der deutschen Kabarettszene, könnte man meinen. Denn neben Herrn Holm, der schon viermal in der 630-Seelen-Gemeinde aufgetreten ist, lächelt sein Fast-Namensvetter Hans-Werner Olm. „Dessen Veranstaltungen sind auch immer ausverkauft“, sagt Nicke. Ebenso wie die von Horst Evers und Jürgen Becker. Letzterer ist durch seine „Mitternachtsspitzen“ beim WDR vielen ein Begriff. Ein Selbstläufer, was Kartenverkauf anlangte, war auch die Ankündigung von Karl Dall. „Er war vor vier Jahren hier, erinnert sich Nicke. „Ein sehr angenehmer Mensch“, fügt er hinzu. Ebenso wie der inzwischen verstorbene Ingo Insterburg, der es mit seinem legendären Hit „Ich liebte ein Mädchen ...“ in den 1960 Jahren zu deutschlandweiter Bekanntheit gebracht hatte.

Reges Treiben im Vorpommernhus Klausdorf.  Quelle: Reinhard Amler

Aber es ist nicht nur Kabarett, was die Leute ins Vorpommernhus lockt. Sechs Mal im Jahr gibt es Seniorentanz mit Ilka und Franz. Beide stammen aus Zimkendorf bei Pantelitz. „Wir haben viele Stammgäste“, meint Nicke. Auch beim „Tanz in den Mai“, zu dem sich 2020 wieder die Stralsunder Oldie-Band „Uran“ angesagt hat. Die wollten schon ein paar Mal aufhören, spielen aber immer noch.

Nur eine feste Angestellte

Natürlich steht das Gros des Programmes für 2020 bereits fest, denn Verträge muss man rechtzeitig machen, weiß Nicke aus langer Erfahrung. Und auch da tauchen Namen auf, denen man nichts hinzufügen muss: Thomas Rühmann, der Dr. Heilmann aus der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ kommt am 24. April mit Jürgen Ehle, dem Gitarristen von „Pankow“ und Monika Herold. Lothar Bölck, den man als Pförtner vom „Kanzleramt Pforte D“ aus dem MDR kennt, hat sich für den 28. Mai angesagt.

Die Klausdorferin Romy Steinfurth ist als gute Seele des Hauses sozusagen Mädchen für alles. Quelle: Reinhard Amler

Wie gelingt es nun, immer wieder solche Künstler in die nordöstlichste Festlandecke von Mecklenburg-Vorpommern zu holen? „Man muss gut vernetzt sein“, sagt Nicke. „Vor allem mit den Agenturen. Und man muss langfristig planen, weil es nur gelingt, gute Leute hierherzubekommen, wenn es deren Tourenplan erlaubt. Niemand fährt extra 500 oder 600 Kilometer.“

Natürlich müssen sich die Veranstaltungen auch rechnen. Denn der Verein, der aktuell 30 Mitglieder zählt, trägt sich selbst. „Am Ende sollte immer so viel Geld übrig bleiben, dass das Haus bewirtschaftet und Romy Steinfurth bezahlt werden kann“, sagt Nicke. Sie ist die Einzige, die beim Verein angestellt ist. Alle anderen arbeiten im Ehrenamt.

Viele Veranstaltungen im Vorpommernhus

Glücklich ist der Vorpommernhus e.V. darüber, dass er das Haus mietfrei nutzen darf. Es gehört der Gemeinde. Sie führt im Gegenzug hier ihre Sitzungen durch. Dafür gibt es einen Besprechungsraum. Daneben ist auch eine Bibliothek mit kostenloser Buchausleihe und Platz für eine Kinder-Bastelgruppe. Auch der Klausdorfer Sportverein kommt drei- bis viermal in der Woche. Und einmal im Jahr ist Dorffest. Nicht zu vergessen sind die Oster- und Weihnachtsmärkte. „Neuerdings gibt es sogar Kino im Vorpommernhus, das man auch für Feiern oder andere Zusammenkünfte nutzen kann“, sagt Nicke. Am 9. Mai 2017 war sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Veranstaltung des Bauernverbandes hier.

In den Fluren stellen Laienkünstler aus der Region derzeit Arbeiten vor. Quelle: Reinhard Amler

Dankbar ist der Verein für jede Art Unterstützung. Er hat auch wieder Fördermittel beim Landkreis Vorpommern-Rügen beantragt. „Solche Zuwendungen decken einige Veranstaltungen ab“, erklärt Nicke, den die Besucher wegen seines enormen Engagements sehr schätzen. Er ist ja auch ein Profi. Denn bevor er nach Klausdorf kam, war er in Rövershagen bei Rostock tätig. Dort betreute er die „Kerzenscheune“.

„Wir haben wöchentlich Anfragen von Künstlern“

Ursprünglich stammt Manfred Nicke aus Schleswig-Holstein. Nach der Wende wurde er Ossi und hat zeitweise als Manager auch Bands, wie „Renft“, betreut. So wundert es nicht, dass sich in der „Ahnengalerie“ auch ein Plakat mit Christian Kunert, dem Keyboarder der einstigen DDR-Kultband, befindet. Der hat inzwischen ein Buch geschrieben, das er bei einer Lesung vorstellte.

„Wir haben wöchentlich Anfragen von Künstlern“, erklärt Nicke. Alle kann man nicht nehmen, man muss auswählen, sagt er. Denn bei den Besuchern aus Klausdorf und Umgebung, vielfach aber auch aus Stralsund, sollen sie schließlich ankommen. Herr Holm hat damit kein Problem. Am Ende seiner über zweistündigen Show erhält er viel Applaus und ein kleines Präsent von Romy Steinfurth.

Herr Holm (rechts), diesmal in Zivil, beeindruckt sein Publikum mit neuesten technischen Geräten während seiner Show in Klausdorf. Quelle: Reinhard Amler

Olaf Schulz in der ersten Reihe jubelt ihm sogar zu. „Ich schätze das tolle Publikum hier, weil es immer mitgeht“, erklärt der Kabarettist Bielefeldt aus Hamburg. „Wenn ich in großen Städten vor 800 Menschen auftrete, ist das nicht immer so“, fügt er hinzu.

Lesen Sie auch:

Verein füllt Kulturhaus in Mestlin mit neuem Leben

Hier geben sich Künstler ein Stelldichein

Von Reinhard Amler

Die Historienfarce „The Favourite“ räumt in großem Stil beim Europäischen Filmpreis ab. Der deutsche Kandidat „Systemsprenger“ geht bei der 32. Verleihung in Berlin bis auf einen Preis für die Musik leer aus.

08.12.2019

Eine mit Klebeband an einer Wand befestigte Banane wird für 120.000 Dollar verkauft - schon diese Nachricht sorgte für Schlagzeilen. Jetzt isst ein Künstler die Installation vor den Augen der Besucher auf der Art Basel auf.

08.12.2019

Gelungene Hommage an den Film noir: Edward Norton inszeniert den Krimi „Motherless Brooklyn“ (Kinostart: 12. Dezember) - und spielt einen ziemlich untypischen Detektiv

08.12.2019