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Nachrichten Kultur Katja Flint stellt in der Kunsthalle Rostock Porträts aus
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11:25 14.01.2019
Katja Flint vor dem Porträt ihres Sohnes Oskar Lauterbach in der Rostocker Kunsthalle. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Die zurückhaltend spärliche Schwarz-Weiß-Ästhetik der 32 Fotografien im Rundgang der Rostocker Kunsthalle steht im klaren Gegensatz zum bunten Treiben während der Vernissage. Das Rostocker Museum ist mal wieder randvoll und es zeigt sich, dass das Konzept des Direktors in der Kunsthalle, Populäres auf Museales, die Bevölkerung auf Promis treffen zu lassen und auch mal zu polarisieren, Stachel zu setzen, stets aufs Neue aufgeht.

Vor zehn Jahren startete Neumann mit der Ausstellung des Modezaren Wolfgang Joop. Dessen Werk hat man noch am ehesten nahe an der Kunst verortet. Nun, ein kleines Jubiläum seines eigenen Schaffens später und in Sichtweite der großen Geburtstagssause 50 Jahre Kunsthalle Rostock, zeigt Neumann in der Fotoschau „Eins“ Katja Flint. Die Schauspielerin. Für die meisten Besucher ist die 59-jährige Wahlberlinerin fest verankert in der Dietrich, deren Rolle sie in „Marlene“ im Jahr 2000 glänzend verkörperte. „Das Mädchen Rosemarie“, „Die weiße Massai“, „Vera Brühne“, die kühle Blondine in Dominik Grafs „Die Sieger“ 1994, die dauertatverdächtige Witwe in zahlreichen Tatorten und anderen Krimis, die eiskalte Konzernjuristin in ebenso zahlreichen Krimis – Katja Flint hat sich in 30 Jahren Filmbusiness und rund 90 Kino- und TV-Rollen ins nationale Bildschirmgedächtnis gebrannt. Nie inflationär, wie so manche Kollegin, die man irgendwann einfach nicht mehr sehen konnte. Selten festgelegt auf ein eindimensionales Frauen oder Genrebild. Immer, wenn man sie mal hatte, drehte sie sich aus dem Klischee heraus, ohne Angst vor Komödie, Traumschiff-Formaten, kleinen Serien oder Nebenrollen.

Seit 2014 fotografiert Flint

Und nun? Die Flint als Fotografin. Die Rostocker Kunsthalle zeigt nicht das Ergebnis ihrer Kunst vor der Kamera, wie es zu erwarten gewesen wäre, sondern dahinter. Seit 2014 hat sich Katja Flint dem Medium der Fotografie verschrieben. Und nun, knapp fünf Jahre später, ihre erste museale Einzelschau. Das ist gewagt. Die Fallhöhe von Schauspielern, die das Genre wechseln, bewegt sich zwischen Armin Müller-Stahl, dessen Kunst und auch Musik ihn als Universalkünstler- wenn nicht Genie auszeichnet und singenden Jungschauspielern am Rande der Peinlichkeit. Sagen wir mal so, zwischen malenden Schauspielern wie Sylvester Stallone, Siegfried Rauch oder Ruth-Maria Kubitschek passt kaum ein Blatt Papier, was Qualität und Sinn dieser Kunst angeht, aber hätten die das nicht im stillen Kämmerlein machen können.

Die Schauspielerin zeigt ihre Arbeiten in der Kunsthalle der Hansestadt

Natürlich stellt sich ad hoc die Frage, ob diese Bilder der Flint jemals den Weg in ein Museum gefunden hätten, wenn sie eben nicht mit dem Rückenwind ihrer beeindruckenden Biographie angesegelt kämen, sondern aus dem Nichts einer Lieschen Müller. Und natürlich setzt Neumann mit dieser Schau eindeutig auf den Promifaktor. Und so wurde die Vernissage auch zu einem Sehen und Gesehenwerden. Mal wieder ein gesellschaftliches Ereignis im beschaulichen Rostock, bei dem man auf keinen Fall fehlen darf, wenn man intellektuell-gesellschaftlich was auf sich hält.

Doch die Bilder selbst wischen diese Fragestellung schnell fort. Sie erzählen eine andere Geschichte. Zuerst einmal die, einer starken, selbstbewussten Frau und Künstlerin mit einer klaren Haltung, Lebensfreude und Fragestellungen zum Menschen und Menschsein. Einer Künstlerin, die weiß, was sie will und das fleißig, eisern und beharrlich durchsetzt. Beeindruckend ist zuerst einmal, dass die Arbeiten dieser Autodidaktin, die ohne Zweifel ihr Leben lang vor, an und neben der Kamera gelernt hat, kein bisschen amateurhaft wirken. Wenn auch mit bescheidenen Mitteln (einer Wolldecke und einem Ministudio) realisiert, sind das technisch einwandfreie Arbeiten. Katja Flint nimmt jedes Licht außerhalb des Gesichts ihrer Porträtierten weg und schafft in einer mehrere Sekunden dauernden Belichtungszeit und der Bewegung des Gesichts Effekte der Verwirrung und Verwischtheit – gewollt.

Echte menschliche Emotionen

Ihren Modellen gibt sie in den Fotosessions klare Regieanweisungen und einen Katalog inspirierender Emotionen mit an die Hand: Stolz, Angst, Unsicherheit, Trauer, Verzweiflung, Lebensfreude, Neid, Scham, Verlorenheit, Staunen – das Panoptikum menschlicher Emotionswelten soll hier sichtbar werden. Aber eben nicht auf den ersten, einfachen Blick. Dr. Matthias Harder, Kurator der Helmut Newton-Stiftung, nennt ihr Arbeit eine „Spielart des Porträts“. Harder sagt: „Normalerweise setzen Künstler im Porträt auf Realismus oder eine Transformation im menschlichen Ausdruck, etwas auf Rollenspiele, und nicht Gefühle. In ihrem Hauptjob als Schauspielerin schlüpft Katja Flint immer wieder in neue Rollen und verkörpert andere Charaktere. Wenn sie allerdings selbst mit ihrer Kamera im heimischen Fotostudio den Part der Regisseurin, Beleuchterin, Ausstatterin übernimmt, ist sie an den unterschiedlichen Charaktereigenschaften eines Menschen, vor allem an echten menschlichen Emotionen interessiert.“

Zur Person

Katja Flint wurde 1959 in Stadthagen, Niedersachsen, geboren. Ihre Kindheit verbrachte Flint in Deutschland und in den USA. Nach dem Abitur und einer privaten Schauspielausbildung in München hatte sie Engagements am Bayerischen Staatsschauspiel und an diversen freien Bühnen. Die erste Hauptrolle in einem Kinofilm spielte sie in dem Independentfilm „Kolp“ (Roland Suso Richter). Es folgten mehr als 100 Rollen in Kino und TV-Produktionen. Der Film „Marlene“ (Joseph Vilsmeier), in dem sie die Titelfigur Marlene Dietrich verkörperte, wurde mit dem Hollywood Film Award ausgezeichnet. Mit Friedrich Ani entwickelte sie die Figur der Hobbydetektivin Franziska Luginsland und spielte diese in vier Filmen. 2018 spielte Katja Flint Hauptrollen im Drama „Frankfurt, Dezember 17“ (Petra Wagner), in der Komödie „Die Freundin meiner Mutter“ (Mark Monheim) und im „Tatort – Der Turm“ (Lars Henning). Seit 2014 beschäftigt sich Katja Flint mit künstlerischer Fotografie.

Flint war von 1985 bis 2001 mit Heiner Lauterbach verheiratet. Das Paar, das sich schon 1991 trennte, hat zusammen einen Sohn. Mit Bernd Eichinger war sie fünf Jahre lang liiert. Von 2001 bis 2006 war sie die Lebensgefährtin des österreichischen Schriftstellers Peter Handke. Flint lebt in Berlin.

Die Ausstellungseröffnung ist am 12. Januar um 18 Uhr in der Rostocker Kunsthalle. Die Schau läuft vom 13. Januar bis zum 24. Februar 2019. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Montag geschlossen.

Das erinnert mal an die hochgradig emotionalen Werke des US-Fotografen Man Ray (1890-1976), mal an die psychologischen Fotoversuche der frühen 30-erJahre und oft an surrealistische Sujets. Schauspielerin Antje Traue (37), die mit Katja Flint die Komödie „Die Freundin meiner Mutter“ gedreht hat und ihr Model stand, sagt bei der Vernissage in Rostock: „Es geht in diesem Projekt darum innerhalb einer kurzen Bewegung und einer Emotion, die sie einem gibt, einen Ausdruck zu schaffen.“ Doch Katja Flint beschränkt sich in der Auswahl ihrer Modelle nicht auf den engen Kreis von Schaupielpromis, der ihr nahe steht, sondern nimmt Models, Kinder aus der Nachbarschaft, Freunde, ihren Sohn Oskar aus der Ehe mit Heiner Lauterbach oder die 19-jährige Schülerin Lisa aus Berlin, die vor Jahren schwer erkrankt war und die Katja Flint bei einem caritativen Besuch in der Berliner Charité kennengelernt hat, und ihrer Eltern vor die Linse.

Zeigt, was wir Menschen in der Öffentlichkeit so gern verbergen

Gunnar Fuß (52), Kameramann und Fotograf aus Berlin sagt über diese Arbeiten: „Das sind super Bilder, die nicht wegen des Namens Katja Flint in der Kunsthalle hängen, sondern wegen ihrer Aussage, ihrer Qualität und ihren Emotionen.“ Und es werden nicht die letzten sein. Kunsthallen-Direktor Jörg-Uwe Neumann hat die Schau in Absprache mit der Schauspielerin „Eins“ genannt, weil es ihre erste Einzelausstellung ist und weil er überzeugt ist, „dass es nicht die letzte sein wird“. Katja Flint selbst sagt: „Ich würde mir wünschen, dass der Betrachter sagt, dieses oder jenes Gefühl kenne ich. Das hatte ich auch schon mal.“

Für Matthias Harder entsteht so „ein Theater der Emotionen, ein Ein-Personen-Stück, realisiert auf einer Minimalbühne.“ Diese Fotografin werfe mit ihrer Arbeit „existentielle und essentielle Fragen auf“. Sie zeige das, was wir Menschen in der Öffentlichkeit so gern verbergen und unkommentiert ließen: unsere Emotionen. „So verortet sie sich innerhalb des gesellschaftlichen Systems und macht etwas sichtbar, was über die eigene Befindlichkeit weit hinausreicht. Und gleichzeitig macht sie mit der Fotografie dort weiter, wo das Schauspiel und die bloße Darstellung eines Gefühls oder Geisteszustands enden.“

Und die Rostocker Kunsthalle macht exakt dort weiter, wo sie vor Jahren die Saat des Erfolgs entdeckt hat. Museale Arbeit gemischt mit populären Projekten und hin und wieder Promis als Zugpferde. Die Schau „Eins“ von Katja Flint läuft bis 24. Februar, während in der ersten Etage die durchaus polarisierende Ausstellung mit Arbeiten der DDR-Künstler der Leipziger Schule Willi Sitte und Fritz Cremer zu sehen ist. Und am Donnerstag, 17. Januar, eröffnet mit „Bildraum“ der Fotografin Kiki Kausch im White Cube gleich das nächste Projekt aus diesem Labor. Fotografien von Promis wie Kevin Costner, Matt Damon oder Michael Douglas im Büro Kai Diekmann vor dem berühmten BILD-Bild fotografiert. Der Ex-Bild-Chef wird zur Vernissage (12 Uhr) ebenso anwesend sein, wie der Vorstandsvorsitzende des Springer Verlags Matthias Döpfner, der die Schau (bis 17. März) mit einer Rede eröffnen wird. Promis in Bild und live und in Farbe.

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