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Kultur Sibylle Berg legt mit „GRM/Brainfuck“ ein düsteres Requiem auf die Zukunft vor
Nachrichten Kultur Sibylle Berg legt mit „GRM/Brainfuck“ ein düsteres Requiem auf die Zukunft vor
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15:42 14.05.2019
Die Schriftstellerin Sibylle Berg Quelle: Jens Kalaene/dpa
Köln

„Warten auf die große Seuche“ warb vor ein paar Tagen eine Überschrift um Aufmerksamkeit. Darunter stand auf zeit.de : „Unbekannt, hoch ansteckend, tödlich: Mediziner halten es für wahrscheinlich, dass irgendwann ein Supererreger ausbrechen wird. Was passiert dann?“ Was dann passiert, steht in Sibylle Bergs neuem Roman „GRM/Brainfuck“. Die schlimmste anzunehmende Zukunft ist bei ihr Gegenwart, und furchterregend ist das auch deshalb, weil diese Zukunft morgen früh beginnt.

Sie beginnt im britischen Rochdale. Ein Ort, vor dem gewarnt werden müsste: „So leben Menschen im neuen Jahrtausend, wenn sie sich nicht an die Gegebenheiten der Märkte anpassen.“ So leben Don, Karen, Hannah und Peter, vier Kinder, die quasi Freunde sind. Die aus prekären Verhältnissen kommen, wie man so sagt, die aber normale Verhältnisse sind in diesem Roman – ein paar Jahre nach dem Brexit, als der Rest der Welt schon unbewohnbar ist. Sie wurden missachtet, misshandelt, missbraucht. Ihnen kommen erst die Illusionen, dann die Eltern und schließlich ihr Zuhause abhanden. Das führt sie ins Obdachlosenheim, ein besetztes Haus, nach London. Außenseiter werden zu Aussätzigen. „Was die Kinder unter einem Leben verstanden, hatte ausschließlich mit Geld zu tun.“

Begeistert bis zur Besinnungslosigkeit

Begleitet werden sie bei jedem ihrer Schritte von einem Überwachungsstaat, dem kaum jemand misstraut. Im Gegenteil. Als die Regierung ein Grundeinkommen einführt unter der Bedingung, sich chippen zu lassen zur Preisgabe aller persönlichen Daten, sind die Menschen begeistert bis zur Besinnungslosigkeit. Weil es finanziell eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bedeutet. Glauben sie. Mit Hilfe implantierter Chips ist die Überwachung total, aber sie halten Kontrolle für Fürsorge und nehmen Einmischung als Zuwendung. Durch Wohlverhalten sammeln sie Sozialpunkte, die ihnen die Freiheit verschaffen, weitere Sozialpunkte sammeln zu können. Denn belohnt wird, wer auf Fleisch verzichtet, auf Haustiere, Kinder. Wer weniger heizt, duscht, denkt.

Sibylle Berg

Die Schriftstellerin Sibylle Berg wurde am 2. Juni 1962 in Weimar geboren. 1984 siedelte sie in die Bundesrepublik Deutschland aus. In Hamburg studierte Berg Ozeanographie und Politikwissenschaften. 1992 erlitt sie einen schweren Autounfall mit lebensgefährlichen Folgen. 1996 zog Berg nach Zürich. Sie lebt mit ihrem Ehemann in Tel Aviv und Zürich. Ihren Durchbruch schaffte Berg 1996 mit dem Roman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“. In der Folge verkauften sich ihre Romane „Sex II“ (1998), „Amerika“ (1999) oder „Gold“ (2000) als Bestseller. 2015 erschien der Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ und 2016 „Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten“. Seit 1999 ist Sibylle Berg als Autorin für Theaterstücke tätig. Von ihr erschienen Stücke wie „Hund, Frau, Mann“ (Uraufführung in Stuttgart 2001) oder „Wünsch dir was. Broadwaytaugliches Musical von Frau Berg“ (Uraufführung am Schauspielhaus Zürich 2006). Sibylle Berg hat 14 Prosawerke, 23 Theaterstücke, Hörspiele und einen autobiographischen Dokumentarfilm veröffentlicht, ist als Herausgeberin tätig und hat u.a. den Marburger Literaturpreis, den Koeppen-Preis, den Lasker-Schüler-Preis und den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor gewonnen.

Da ist nicht nur das System degeneriert – die Menschen sind es auch. Sibylle Berg beschreibt sie mit aller gebotenen Abscheu, die Leute, die in Langeweile verbunden sind, durch Drogen, Perversionen, Ekel, Hass und Verachtung. Auch Anonymität macht böse. „Ein Volk, in dem alle sich hassten, war beschäftigt“, schreibt Berg. Gibt es nichts Schönes? Nein.

Selbst ein gutes Ende wird zur Katastrophe

Sobald etwas Schlimmes passiert ist, folgt etwas noch Schlimmeres. Sobald eine Hoffnung begraben ist, legt sich eine weitere dazu. Es ist Sibylle Berg anzurechnen, dass sie das durchzieht. Auf diese Weise muss selbst ein gutes Ende zur Katastrophe werden. Und vielleicht findet sie deshalb so lange nicht zum Schluss, weil ein Abgrund keine Wand ist. Es geht weiter. Das kann auf gut 600 Seiten zermürben, es kann faszinieren, es kann zum Hinterfragen moralischer Grenzen führen oder zu literarischer Unterhaltung, die genau von dem ablenkt, was sie beschreibt. Wer will, kann in Extremen baden. Dann werden die Leser Teil der Geschichte. Berg denkt sich das ja nicht aus, sie spielt es vor. Und dabei hört man die Autorin weise kichern.

Die 1962 in Weimar geborene, in Zürich lebende Frau Berg hat im März den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ erhalten für ihre „mit Komik getränkten Romane, Theaterstücke und Kolumnen über desolate menschliche Existenzen in einer kapitalistisch dekadenten Welt“. Das Komische und das Grausame leben von der Übertreibung. Da sind die Männer noch dominanter als sie dumm sind, die Frauen haben sich aufgegeben. Es gibt viele Wege, sich und einander zu zerstören. Einige führen durch die Betten der Oberschicht, die längst Unterschicht ist, denn künstliche Intelligenz gewinnt Wahlen, ein Avatar wird neuer Premierminister. Was den interessiert, dorthin legen die Steckbriefe des Romanpersonals Spuren: Ethnie, IQ, Gesundheitszustand, Hobbys, sexuelle Orientierung, Verwertbarkeit werden von der digitalen Überwachung aufgelistet. Biometrische Kameras erfassen den Rest, also Einsamkeit, Unmenschlichkeit, humanistische Verwahrlosung.

Statt Handlung wütet Zerstörung

Statt einer Handlung wütet Zerstörung. Nur die Kinder und ihre Hacker-Freunde beschreibt Berg mit ihrer Art Zärtlichkeit. Sie brauchen den Staat nicht und werden von der Pubertät in einen Zusammenhalt geschubst, der geprägt ist von Herkunft, Hormonen und Hass. Wie jede Pubertät hat auch diese ihren Soundtrack: Grime, kurz: GRM, im Londoner Eastend entstanden.

Der Roman ist ein Requiem auf die Zukunft. „Jung sein heißt, das Chaos nicht sehen, in dem man lebt, weil da kein Vergleich ist“, schreibt Sibylle Berg. Die Freunde planen einen Rachefeldzug, um weiterleben zu können. Auch der verpufft. Erfolg haben nur multiresistente Keime. Masern, Grippe, Norovirus – alles endet tödlich. Schon mal gehört?

Janina Fleischer

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