Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Steidl legt Sachbuch über Stella Goldschlag wieder auf
Nachrichten Kultur Steidl legt Sachbuch über Stella Goldschlag wieder auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:22 26.02.2019
„Der Mensch ist bereit, vieles zu tun, wenn er leben will“: Im Untergrund des längst zu Ruinen zerbombten und doch von Durchhalteparolen durchzogenen Berlin hat auch Stella Goldschlag zu überleben versucht. Quelle: picture alliance / dpa
Anzeige
Göttingen

Stella war die Marilyn Monroe unserer Schule“, ist in dem diese Woche erscheinenden Buch über Stella Goldschlag zu lesen. „Ihr kurz geschnittenes, leuchtend blondes Haar schien zu tanzen, wenn sie sich bewegte.“ Peter Wyden, dem Erzähler, geht es offenbar genauso wie dem Ich-Erzähler Friedrich in dem Roman „Stella“ – beide sind von dieser Frau hingerissen. Doch das war’s schon fast mit den Gemeinsamkeiten. Denn dieser Friedrich ist eine Erfindung von Takis Würger, der die historische Stella nur aus zweiter Hand kannte. Peter Wyden dagegen ist eine ebenso historische Figur wie Stella – er hat mit ihr die Schulbank gedrückt.

Peter Wyden: „Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte“. Steidl-Verlag, 384 Seiten, 20 Euro. Quelle: Steidl-Verlag

Heftige Auseinandersetzung um Takis Würgers Buch

Entsprechend unterschiedlich sind die beiden Bücher, die im Abstand von 25 Jahren jeweils den Titel „Stella“ und deren Konterfei auf dem Cover tragen – das eine ist 1993, das andere gerade erst erschienen. Trotzdem hat Takis Würgers 200-Seiten-Buch bereits eine heftige Auseinandersetzung darum ausgelöst, ob man im fiktionalen Raum so wie dieser Autor mit historischen Fakten umgehen darf. Eine Debatte, die offenbar nicht nur in den Feuilletons geführt wurde: „Ständig haben wir in den vergangenen Wochen Anrufe, Briefe, Mails von Leuten bekommen, die nach Wydens Buch gefragt haben“, sagt Claudia Glenewinkel vom Steidl-Verlag, der damals das Buch publiziert hatte, das seit Jahren vergriffen ist. Und so habe man sich erneut um die Rechte bemüht - mit Erfolg: Jetzt kommt „Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte“ in den Handel. Für den Verlag sei die Würger-Debatte ein Anlass, aber nicht der Grund für die Neupublikation gewesen. Der liege vielmehr darin, dass Wydens Werk den Blick auf die tatsächliche Lage nicht nur von jener Stella, sondern von untergetauchten Juden im Berlin der Nazizeit insgesamt eröffne.

Lebenslange Recherche

Fest steht: Keiner ist Stella Goldschlag (1922-1994) so nahe gekommen wie eben Peter Wyden (1923-1998), und das nicht nur weil er damals, im Berlin der Dreißigerjahre, als er noch Peter Weidenreich hieß, ihr Klassenkamerad an der jüdischen Goldschmidt-Schule war. Er hat sich auch gründlicher als jeder andere mit dieser Jüdin beschäftigt, in die er als Junge erklärtermaßen innigst, doch aussichtslos verknallt war, die er damals als „unerreichbar und erreichbar zugleich“ empfand und über die er, 1946 als US-Soldat nach Berlin zurückgekehrt, erfahren musste, dass sie als „Greiferin“ Hunderte untergetauchte Juden an die Gestapo ausgeliefert hat.

„Warum spürt Stella Juden auf? , schreibt er. „Ich musste es herausbekommen!“ Und schon als Chefredakteur der von der US-Armee in Berlin herausgegebenen „Allgemeinen Zeitung“, dessen erste Reporter übrigens Egon Bahr, der spätere Architekt der westdeutschen Entspannungspolitik, und der spätere „Bild“-Chef Peter Bönisch waren, begann Wyden zu recherchieren. Bei Stella Goldschlag, beim Thema Unterdrückung, Verzweiflung und Verrat, wurde daraus eine lebenslange Recherche, deren Früchte sich nun wieder nachlesen lassen.

Wie genau er dabei der Regel „Facts first“ des US-Journalismus folgte, lässt sich schon daran ermessen, dass die letzten 20 Seiten dieses knapp 400 Seiten langen Werks allein die Quellen aufzählen, die Wyden genutzt hat. Genannt werden da auch rund 150 Zeitzeugen-Interviews, die er geführt hat, nicht zuletzt mit Stella Goldschlag selbst. Verblüffend, dass Takis Würger in einem Interview unwidersprochen sagen konnte, die Aktenlage über Stella sei „einfach zu schlecht“.

Blick in den Abgrund

Wyden setzt, überaus redlich, eigene Erinnerungen ins Verhältnis zu denen anderer Zeitzeugen, legt sich und den Lesern wiederholt Rechenschaft über sein Erkenntnisinteresse ab. Er weiß, dass Stella von ihren Eltern, einem Komponisten und einer Konzertsängerin, „Pünktchen“ genannt wurde. Er rekonstruiert, dass sie von Ende August 1943 bis mindestens Anfang Oktober 1944, als ihre Eltern nach Theresienstadt (und später nach Auschwitz) deportiert wurden, als „Greiferin“ unterwegs war, dass sie danach aber Juden im Untergrund teils auch geholfen hat. Getreu der Devise, dass Verstehen nicht Verzeihen heißen muss, ringt er um Verständnis, führt ihre verzweifelte Lage detailliert vor Augen, ohne ihre Taten zu rechtfertigen, aber auch ohne sich über ihre Kaltblütigkeit zu erheben. Stella Goldschlag, das wird in diesem faktenreichen Buch deutlich, war Opfer eines entmenschlichten Systems, bevor sie selbst inhuman zu handeln begann und sich gegen Gewissenskonflikte abkapselte. „Warum sollte sie Schuldgefühle haben?“, bschreibt Wyden diese Haltung. „Sie hatte nur überleben wollen.“

„Der Mensch ist bereit, vieles zu tun, wenn er leben will“, zitiert Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, im neu hinzugefügten Vorwort einen Auschwitz-Überlebenden. „Der Blick in diesen Abgrund birgt in sich zuallererst die Frage an uns selbst: Was würden wir tun, wenn es so weit ist? Und was tun wir, dass es nicht so weit kommt?“

Peter Wyden: „Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte“. Steidl-Verlag, 384 Seiten, 20 Euro.

Von Daniel Alexander Schacht

Vor 25 Jahren endete in München ein Kapitel Musikgeschichte. Am 1. März 1994 gaben Nirvana ihr allerletztes Konzert, rund einen Monat später war Frontmann Kurt Cobain tot. Erinnerungen an einen denkwürdigen Abend.

26.02.2019

RGB zum Zweiten: „Die Berufung“ (Kinostart am 7. März) erzählt die Geschichte der Richterin Ruth Bader Ginsberg als Spielfilm

26.02.2019

Ein spielwütiges Ensemble und ein Theaterstück, das Serienfieber auslöst. Regisseur Romero Nunes inszeniert Tracy Letts’ Drama „Eine Familie“ am Hamburger Thalia Theater.

26.02.2019