Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Theater-Debatte: Bürgerschaft hat Angst vor offenen Worten
Nachrichten Kultur Theater-Debatte: Bürgerschaft hat Angst vor offenen Worten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:38 24.01.2015
Wie viel Offenheit verträgt die politische Debatte in der Stralsunder Bürgerschaft? Das war am Donnerstag im Zuge der Theater-Diskussion Thema im Rathaus. Quelle: Stefan Sauer/dpa
Anzeige
Stralsund

In der Debatte um die Zukunft des Theaters Vorpommern hat die Stralsunder Bürgerschaft gestern den nächsten Akt in Sachen „Kuddelmuddel-Demokratie“ zum Besten gegeben.

Vorhang auf: Die Grünen-Fraktion hatte beantragt, darüber abzustimmen, Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) damit zu beauftragen, sich für eine Verlängerung der Verhandlungsfrist mit Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) einzusetzen.

Anzeige

Hintergrund: Einem zwischen dem Land und den von der Theaterreform betroffenen Städte sowie Landkreise vereinbarten Eckwertepapier zufolge steigt der Druck, zu entscheiden, wie es mit dem Theater weitergehen soll.

Nach den Plänen der Landesregierung soll die Theater und Orchester GmbH in Neubrandenburg und Neustrelitz mit den Häusern in Stralsund und Greifswald zu einem Staatstheater Nordost fusionieren, um Kosten und 65 Stellen einzusparen (die OZ berichtete). Im Gegenzug hat das Land angekündigt, seine Zuschüsse für die Kulturbetriebe in den nächsten Jahren anzuheben und als Gesellschafter in das neue Staatstheater einzusteigen. Die klammen Kassen der Kommunen sollen so entlastet werden.

Bedingung: Die theatertragenden Städte müssen bis zum 28. Februar entschieden haben, ob sie auf den Deal eingehen oder nicht. Dies kann aus Sicht der Grünen in so kurzer Zeit nie und nimmer gelingen, weshalb Badrow nun mit Brodkorb eine Fristverlängerung vereinbaren soll.

Im Zuge der Debatte schlugen die Grünen gestern vor, den Mitbegründer der Stralsunder Bürgerinitiative „Theaterleben!“, Prof. Gerhard Vorwold, während der Sitzung sprechen zu lassen, um den Abgeordneten sowie den anwesenden Gästen die angespannte Situation zu verdeutlichen.

Dagegen wehrten sich insbesondere die Stadtvertreter von CDU, SPD und der Fraktion Bürger für Stralsund (BfS) nach Kräften und stimmten am Ende mehrheitlich dagegen. Vorwold solle nicht hier, sondern in dem dafür vorgesehenen Ausschuss reden, sagte BfS-Politiker Thomas Haack.

Diese harte Linie konnte selbst der fraktionslose Abgeordnete Michael Adomeit nicht recht nachvollziehen: „Wenn der Professor jetzt hier ist und sich vorbereitet hat, sollten wir ihn auch sprechen lassen.“ Claudia Müller von den Grünen warf ein, dass die Rede von Vorwold deutlich weniger Zeit in Anspruch genommen hätte als die Diskussion darum. „Kuddelmuddel-Demokratie“, rief eine Zuhörerin von hinten in den Raum.

„Es wäre weniger peinlich gewesen, wenn sie mich hätten reden lassen“, sagte Vorwold etwas spitz, nachdem er den Löwenschen Saal im Rathaus verlassen hatte. Das hier habe mit Bürgerbeteiligung und Demokratie wenig zu tun.

Auch die Wahl der Mitglieder für den Bürgerschaftsausschuss, der die Verhandlungen mit dem Kultusministerium vorbereiten und begleiten soll, geriet hinterher zur Farce. Sie musste auf Grund von mehreren Unregelmäßigkeiten komplett wiederholt werden. „Kuddelmuddel-Demokratie“, zischten auch einige Stadtvertreter anschließend — aber nur hinter vorgehaltener Hand.



Benjamin Fischer