Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Jenny Erpenbeck: „Ich wollte alles, nur keine Schriftstellerin werden“
Nachrichten Kultur Jenny Erpenbeck: „Ich wollte alles, nur keine Schriftstellerin werden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:09 29.03.2019
Usedomer Literaturpreisträgerin 2019: Die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck. Quelle: Stefanie von Becker
Anzeige
Ahlbeck/Berlin

Am 6. April wird die Berliner Autorin Jenny Erpenbeck bei den Usedomer Literaturtagen in Ahlbeck mit dem Usedomer Literaturpreis ausgezeichnet. Vorab sprach sie mit der OSTSEE-ZEITUNG über ihren Preis, ihre zuweilen ungewöhnlichen Recherchemethoden und ihren Wunsch, keine Schriftstellerin zu werden.

Sie wurden in eine Berliner Schriftstellerfamilie hineingeboren: Ihre Großmutter schrieb Romane, Ihr Großvater war Krimiautor, Ihr Vater ist Physiker, Psychologe und Romanautor. War es klar, dass Sie früher oder später auch in diese Fußstapfen treten?

Nein, ganz im Gegenteil – ich wollte alles, nur keine Schriftstellerin werden. Es saßen ja schon alle in der Familie an Schreibtischen, da musste ich natürlich originell sein und einen anderen Weg gehen. So bin ich erst einmal Opernregisseurin geworden.

Trotzdem haben Sie später doch eine schriftstellerische Laufbahn eingeschlagen und 1999 Ihren Debütroman „Geschichte vom alten Kind“ veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Nach dem Abschluss meines Opernregie-Studiums habe ich nicht gleich Arbeit gefunden. Also bin ich auf die Idee gekommen, die „Geschichte vom alten Kind“, die ich schon länger im Kopf hatte, zu schreiben. Das Manuskript ist einige Jahre später auf Umwegen zum Verlag gekommen. Durch die aus diesem Debüt folgenden Anfragen, Kurzgeschichten für diese oder jene Anthologie zu schreiben, bin ich vom Theater immer mehr zum Schreiben „hinübergedriftet“. Anfangs habe ich noch parallel Regie geführt, aber irgendwann ging das zeitlich nicht mehr.

In der „Geschichte vom alten Kind“ geht es um eine Frau, die sich in einem Kinderheim als Kind ausgibt. Es geht um die selbst gewählte Distanz und das Nicht-Dazugehören. Stimmt es, dass Sie sich für Ihre Recherche mit 27 Jahren als 17-Jährige ausgegeben haben und sich in die elfte Klasse eines Westberliner Gymnasiums aufnehmen ließen?

Ja. Zum Glück nur für drei Wochen. Denn jeden Tag so viele verschiedene Fächer zu haben, ist ziemlich anstrengend. Aber es war eine sehr spezielle und interessante Recherche. Ich wollte einfach wissen, wie es sich anfühlt, mit einer falschen Identität unter Jüngeren zu leben, wie es ist, den Teil meiner Biografie, meines Wissens, den ich ihnen voraushatte, zu verschweigen.

Und Sie haben sich in einen Jungen aus der Parallelklasse verguckt?

Na ja (lacht), der hat mir nicht schlecht gefallen. Ich hatte damals zwar einen Freund, aber ich war plötzlich auch wieder Schülerin – und es ging ja darum, mich in diese Existenz hineinfallen zu lassen. Allerdings waren es Zwillingsbrüder, und ich habe mich gewundert, warum er mich an einem Tag freundlich anschaut, aber am nächsten Tag gar nicht beachtet.

Was inspiriert Sie zu Ihren Büchern?

Situationen, die schwer auszuhalten sind, für die es keine Lösung gibt. Fragen, die man nicht beantworten kann. Solche Dinge bringen mich zum Schreiben. Der Prozess des Schreibens, des Nachdenkens hilft bei der Erkenntnis, und wenn man Glück hat, gewinnt man ein wenig Distanz – aber dennoch ist das Schreiben kein Lösungslieferant für schwierige Lebenslagen.

Aber es sind Dinge, die Sie im Alltag erleben? Wie beispielsweise die Flüchtlingsthematik in „Gehen, ging, gegangen“?

Natürlich haben die Bücher mit meiner persönlichen Erfahrung zu tun. „Aller Tage Abend“ ist entstanden, nachdem ich meine Mutter verloren hatte. Ausgangspunkt für die „Heimsuchung“ war der Verlust des Hauses meiner Großeltern, das nach der Wiedervereinigung an die Alteigentümer aus dem Westen zurückgegeben wurde. Aber der tiefere Schreibanlass liegt nicht in dem, was zufällig mir passiert. Meine Geschichte ist nur ein Beispiel für viele ähnliche Geschichten im Leben anderer Leute.

Wie verbinden Sie in Ihren Büchern Autobiografisches und Erfindung?

Ich werde oft gefragt, inwieweit der Plot genau so gewesen ist und an welcher Stelle ich etwas dazuerfinde. Aber letztlich ist das uninteressant. Das Gefühl und der Blick auf die Dinge sind das Authentische. Das, was an Energie in dem Buch steckt oder an Schwere oder an Humor. Und die Wahl des Ausschnitts, für den ich mich beim Schreiben entscheide. Das wird immer unterschätzt.

In „Gehen, ging, gegangen“ geht es um das Schicksal verschiedener Flüchtlinge in Berlin. Mit wie vielen Flüchtlingen haben Sie gesprochen und wie sind Sie mit ihnen in Kontakt gekommen?

Ich bin ins Ausländerwohnheim gegangen und habe nach Menschen gesucht, die bereit waren, für so ein Projekt mit mir zu sprechen. Es waren ungefähr zehn Leute, mit denen ich über lange Zeit hinweg Gespräche geführt und verschiedene Dinge zusammen erlebt habe. Von außen sieht es oft so aus, als gäbe es eine diffuse Masse von Flüchtlingen, aber selbst in meiner recht überschaubaren Gruppe sind mir vom Waisenjungen bis zum Unternehmer völlig unterschiedliche Menschen begegnet. Auch die Fluchtgeschichten, die sie erzählt haben, waren sehr verschieden.

Am 6. April werden Sie in Ahlbeck mit dem Usedomer Literaturpreis ausgezeichnet. Wie war Ihre Reaktion, als Sie erfuhren, dass Sie den Preis bekommen?

Ich war überrascht und erfreut! Besonders schön finde ich, dass bei der Begründung für den Preis vor allem auf die beiden Bücher „Heimsuchung“ und „Gehen, ging, gegangen“ Bezug genommen wird. Während die Entwurzelung, die sich in Europa durchs ganze 20. Jahrhundert zieht, in den Geschichten der „Heimsuchung“ erzählt wird, finden sich in „Gehen, ging, gegangen“ Geschichten von Entwurzelung in Hinsicht auf die Flüchtlinge von heute. Quer über Kontinente und unterschiedliche Zeiten hinweg begegnen einem in diesen beiden Büchern Menschen mit gebrochenen Biografien.

Ihr Preis ist mit 5000 Euro und einem einmonatigen Arbeitsaufenthalt in Ahlbeck dotiert.

Ja, auch das hat mich sehr gefreut. Ich denke, ich werde im nächsten oder übernächsten Jahr kommen.

Bringen Sie Mann und Sohn mit?

Das muss ich mir noch überlegen (lacht). Die wollen natürlich mit, aber dann wird erfahrungsgemäß die Zeit zum Schreiben knapp. Wir sind ja ohnehin oft und gern an der Ostseeküste unterwegs, weil unser Sohn segelt. Er ist sogar Vereinsmitglied in Ribnitz-Damgarten.

Gibt es zurzeit ein aktuelles Buchprojekt?

Ja, aber es ist noch in der Frühphase, so dass ich darüber noch nichts verraten will.

Zur Person

Jenny Erpenbeck wurde am 12. März 1967 in Ost-Berlin geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteurin und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin, inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Erpenbeck ist Verfasserin von Romanen, Erzählungen und Theaterstücken. Ihre Werke wurden in 27 Sprachen übersetzt und erhielten zahlreiche Preise. Sie lebt mit dem Dirigenten Wolfgang Bozic und ihrem gemeinsamen Sohn als freie Autorin und Regisseurin in Berlin.

Stefanie Büssing

Dieses Rätsel ist echt schwer zu knacken! Rammstein haben auf ihrer Homepage die Songtitel ihres siebten Albums veröffentlicht – allerdings mit zahlreichen Lücken.

29.03.2019
Kultur Neues Album „Union“ - Son Volt: Löschversuche mit Musik

Auf „Union“, ihrem neunten Album, üben sich Son Volt aus New Orleans in Folk und beschwören die amerikanische Einheit.

29.03.2019

Schon eine Stunde nach Veröffentlichung haben Hunderttausende Youtube-Nutzer drauf geklickt: Das ist das neue Musikvideo „Deutschland“ von Rammstein.

28.03.2019