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Kultur Von wegen Nazis: Warum Rammstein so wichtig wie Goethe ist
Nachrichten Kultur Von wegen Nazis: Warum Rammstein so wichtig wie Goethe ist
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17:20 14.06.2019
OZ-Autorin Julia Kaiser schreibt über Rammstein. Quelle: Dietrich Flechtner/J. Schultz
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Rostock

Rammstein – das sind doch diese geschminkten Nazis mit den primitiven Texten. Dieses Vorurteil, obwohl schon ein uralter Hut, wird bis heute in etlichen Artikeln diskutiert. Dabei ist dieses Klischee nicht nur falsch, es wird dem tiefsinnigen Gesamtkunstwerk der Band nicht gerecht.

Natürlich ist Rammstein selbst nicht ganz unschuldig an der Debatte, schließlich spielen sie ganz bewusst mit den Vorwürfen. Vor allem im Frühjahr 2019 nach Veröffentlichung des Musikvideos zu dem Song „Deutschland“ – in Fraktur geschrieben – gab es im Netz heftige Reaktionen.

In dem Video zeigte sich die Band unter anderem in KZ-Häftlingskleidung. Weil zunächst nur ein kurzer Teaser veröffentlich wurde, hieß es gleich: Geschmacklos! Dabei ist „Deutschland“ in Wahrheit aufwendig produzierte Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte. So manch einem Social-Media-User kommt das natürlich nicht in den Sinn.

10 erstaunliche Fakten über Rammstein

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„Fürchtet euch, fürchtet euch nicht“ (Zeile aus „Sonne“)

Zugegeben: Das, was ich anfangs von Rammstein kannte, hat mir zunächst auch nicht wirklich zugesagt. Zu sehr waren die Vorurteile auch in meinem Kopf. Doch dann habe ich den Song „Sonne“ genauer angehört.

In dem millionenfach geklickten Musikvideo dazu sieht man ein riesengroßes Schneewittchen, das die vor Liebe geblendeten Zwerge misshandelt. Mein erster Gedanke: „Was passiert hier gerade?“

Jetzt weiß ich: Genau diese Reaktion will Rammstein. Die Band lebt von Provokation. Sie soll aufrütteln, schocken, anekeln. Ob es nun eine düstere Neuinterpretation eines unschuldigen Hausmärchens ist oder Germania als schwarze Frau, die Köpfe abtrennt (in „Deutschland“).

„Sah ein Mädchen ein Röslein stehen“ (aus „Rosenrot)

Wenn man sich überwindet und dem Gefühl der Verwirrung auf den Grund geht, findet man tatsächlich lyrische Schätze. In „Rosenrot“ finden sich Anspielungen auf Goethes Gedicht „Heidenröslein“ wieder, in „Roter Sand“ gibt es klare Bezüge zum Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane. Als Sprach- und Literaturliebhaber gefallen mir diese raffinierten Verflechtungen.

Dazu kommt die gesellschaftskritische Komponente. „Zeig Dich“, ein Song auf dem vor kurzem erschienenen Album, setzt sich mit den Verbrechen der katholischen Kirche auseinander. Es gibt klare Anspielungen auf die Kreuzzüge und den Missbrauchsskandal.

Klar, es ist immer einfach, etwas schön zu reden, wenn man sich auf intellektuellen Tiefgang stützen kann. Dabei ist dieses Argument ja nur für die deutschsprachigen Musikliebhaber gültig. Eine beachtliche Anzahl Fans lebt aber im nicht deutschsprachigen Ausland. Es muss also noch mehr geben.

„Ich will kein Engel sein“ (aus „Engel“)

Die Musik ist leicht für viele Menschen zugänglich. Die eingängigen Melodien und Till Lindemanns Gesang spricht auch jene an, die sonst eigentlich nichts „Hartes“ hören. Zudem mischt die Band verschiedene Stile zusammen – so finden sich neben Rock ’n’ Roll auch Einflüsse aus Rap und Techno wieder.

Hinzu kommt der deutsche Stereotyp, mit dem Rammstein allzu gerne spielt – vor allem in den USA kam diese Masche gut an. Die Franzosen haben Wein und Liebe, wir Deutschen den rauen Befehlston.

„Mit der Fahne in der Hand“ ( aus „Mein Land“)

Und genau dieser raue Ton hat viel für die deutsche Sprache getan. Ich gehe soweit zu sagen: genauso wie die Werke von Goethe oder Fontane. Aus meinem persönlichen Bekanntenkreis im Ausland weiß ich, dass viele erst mit Rammstein ein Interesse für Deutschland und die feine deutsche Sprache entwickelt haben. Tatsächlich hat ein ehemaliger Kollege aus Finnland in seiner Germanistik-Masterarbeit die Liebe und Sexualität in Rammstein-Texten analysiert. Auf meine damals noch naive Frage, ob dieses Thema nicht zu „unseriös“ sei, kam ein klares „Nö.“ All seine Professoren hörten die Musik.

„Feuer frei“ (aus „Feuer frei“)

Nun aber zum letzten Markenzeichen Rammsteins: Die Shows. Feuerspeiende Engelsflügel und explodierende Pyrotechnik haben Rammstein auf die Weltbühnen befeuert. Das Geheimnis der Auftritte ist simpel: Sie können jeden zufriedenstellen. Die Harcore-Fans bekommen die Musik, die Gute-Laune-Zuschauer eine geile Show. Niemand muss sich langweilen, alle sind glücklich.

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