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Kultur 50 Jahre White Album: Die Beatles im Winter
Nachrichten Kultur 50 Jahre White Album: Die Beatles im Winter
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15:28 20.11.2018
Die Beatles, George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und Ringo Starr (v.l.) 1968 in London. Quelle: Apple Corp Limited/dpa
London

Die zwei Platten steckten in einer Hülle weiß wie Schnee. Friedlich, unschuldig, im Inneren jedoch alles andere als still. Neun Monate nach der farbenfroh gestalteten Doppel-EP „Magical Mystery Tour“ erschien am 22. November 1968 das Doppelalbum „The Beatles“, das als „White Album“ in die Musikgeschichte einging. Zum 50. Geburtstag wird eine Jubiläumsausgabe in diversen Formaten veröffentlicht. Die „kleinste“ Variante enthält auf zwei Vinyl-Platten einen neuen Stereo-Mix der 30 Originalsongs. Die opulente „Weiße Box“ mit sechs CDs, einer Audio-BluRay mit 5.1-Surround-Audio-Mix und einem Begleitbuch beinhaltet – plus 19 frühe Demo-Versionen. Dazu 50 unveröffentlichte Studioversionen von Songs. Giles Martin, Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, will die Hörer damit „so nah wie möglich an das Studio der Beatles bringen“.

„Hol schon mal dein Schlagzeug raus“, schrieben John, Paul und George im Frühjahr 1968 aus Indien an den früher aus Indien zurückgekehrten Ringo Starr nach England. Die Auszeit vom Weltpop-Getriebe für einen Kurs in Transzendentaler Meditation hatte sie inspiriert; aus dem spirituellen Aufenthalt beim Yogi Maharishi war ein Arbeitsurlaub geworden. Von Mai bis Oktober nahmen die Beatles die in Rishikesh entstandenen Songs in den Londoner Abbey-Road- und Trident-Studios auf, erstmals in Achtspur-Technik.

Die Musik des „weißen Albums“ war bunter denn je: Von Chuck Berry und den Beach Boys („Back in the U.S.S.R.“) bis Karlheinz Stockhausen („Revolution 9“) reichten die verarbeiteten Einflüsse, von Folk („Mother Nature’s Son“) über Psychedelic („Dear Prudence“) bis Hollywood-Sinfonik („Good Night“) und Swing („Honey Pie“) die Bandbreite. Mit George Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“ war eine der ersten großen Rockballaden (Eric Clapton an der Sologitarre) enthalten, mit McCartneys „Ob-La-Di, Ob-La-Da” und Ringo Starrs „Don’t Pass Me By“ fröhlicher Pop zum Mitsingen. Der Vorwurf fehlender Haltung der Beatles zu drängenden politischen Fragen zog nicht mehr. Die Fab Four bezogen Position für die Bürgerrechtsbewegung („Blackbird“) und gegen den Vietnamkrieg („The Continuing Story of Bungalow Bill“). Und „Revolution 1“ war ihr uneinheitliches Statement zu den Studentenunruhen und der revolutionären Stimmung 1968. Mit dem Song lieferten die Beatles die Blaupause für den cremigen Glamrock, den Marc Bolan zwei Jahre später zum Sound seiner Band T. Rex erheben sollte, mit „Helter Skelter“ eine Art Proto-Metal.

Fruchtbar und von vielen Musikkritikern als Meisterwerk der Beatles gesehen, waren die Sessions zu „Whitey“ eine Zerreißprobe für die Band. Nachdem Lennon seine Lebensgefährtin Yoko Ono für eine Zusammenarbeit am avantgardistischen Stück „Revolution 9“ mitgebracht hatte, wurde sie regelmäßiger Studiogast und beendete die strikte „Nur für die vier Musketiere“-Sessionsregel der Band – was bei McCartney, Harrison und Starr Unmut erregte. Immer mehr arbeiteten die Musiker getrennt. Als sich McCartney ans Schlagzeug setzte, verließ der düpierte Ringo kurzzeitig die Band. Als Paul George Martin anfauchte, einen missglückten Gesangspart selbst einzusingen, zog sich der Produzent für eine Weile zurück. Toningenieur Geoff Emerick, seit „Revolver“ im Beatles-Team, warf ob der steten Gewitterlage entnervt hin. Das große Scheitern folgte erst später während der lethargischen und quälerischen Aufnahmen zu „Let It Be“.

Zwei Tage nach dem Erscheinen des „weißen Albums“, am 24. November, fiel Schnee aus den Wolken über London - die ganze Stadt wurde ein weißes Album. In Indien, wo viele der neuen Beatles-Songs entstanden waren, ist Weiß die Farbe der Trauer. Der Winter der Beatles hatte begonnen. Und es ist die Ironie ihrer Geschichte, dass das Album, das offiziell nur den Bandnamen trägt, das Dokument des Zerfalls der Beatles in vier Einzelmusiker darstellt. Nur anderthalb Jahre, und die Band des Jahrhunderts würde sich auflösen. Sieht man das minimalistische Cover von Pop-Art-Vorreiter Richard Hamilton heute, lässt es die Farbe im Verbund mit dem erhaben geprägten Schriftzug wie einen Grabstein wirken.

Matthias Halbig

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