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Kultur Woyzeck – oder beginnen wir doch einfach noch mal von vorn
Nachrichten Kultur Woyzeck – oder beginnen wir doch einfach noch mal von vorn
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18:28 09.03.2019
Özgür Platte und Hannah Ehrlichmann in der Schweriner "Woyzeck"-Inszenierung. Quelle: Silke Winkler
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Schwerin

Die Bühne ein Fragment. Eine Wüste der Trostlosigkeit. Lose Fliesen, die auf einer schrägen Fläche herumliegen in einem existenzialistischen Nirwana zwischen „Blade Runner“-Ästethik der apokalyptischen 80er und einem Warten auf Godot, Gott oder wer weiß wen. Die Figuren zereinzelt Getriebene. Die Kostüme ausziehbar, austauschbar, egal. Zerrissene Strumpfhosen, Fatmansuit, Stöckelstiefel. Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ lässt sich immer wieder ansiedeln, das findet sich in jeder Gesellschaft mit jedweden Problematiken zurecht – ob im Krieg oder in der Digitalisierung. Woyzeck ist die Abrissbirne einer permanenten, unerträglichen Gegenwart, die verschriftete Form der Unerträglichkeit dieser dauernden Wiederholung. Büchner ist mit gerade mal 23 Jahren 1837 über sein wichtigstes Drama weggestorben. Es bleibt als eines der meistgespielten Dramen der Moderne unsterblich und wirkt immer wieder neu und jung – und grausam in seiner existenzialistischen Härte.

Dieser junge Autor aus dem Hessischen hat mitten in der Romantik den Existenzialismus 100 Jahre später als deutschen Vorläufer in einem Stück, zudem nur Fragment, vorweggenommen und zusammengefasst. Gewiss einer der Gründe, weshalb Woyzeck so gern an deutschen Bühnen gespielt wird. Ein anderer: Das Stück fordert nicht viel vom Theater als Hardware. Räume, Ausstattung, Bühne oder Musik sind minimalistisch fast überall einzupferchen. Es braucht lediglich eine kleine Truppe guter Schauspieler und eine Inszenierungsidee, die trägt. Perfekt also für die ewig klamme Theaterszene der Republik. Die Idee in Schwerin, neben einem erstklassig aufgelegten Ensemble aus acht Figuren und einer E-Werk-Bühne, die wie gemacht zu sein scheint für dieses Stück, ist durchaus etwas neu. Woyzeck hat man schon in allerlei Bezugsnarrativen erlebt – ob als Shakesperiade im Doppelstück mit „Leonce und Lena“ 1991 in Würzburg oder als Antikriegsposition 1986 in Göttingen oder, oder, oder – Alice Buddeberg räumt das Stück in Schwerin von hinten auf, lässt es nach gut einer Stunde in seine Einzelteile zerfallen und erlaubt sich sogar den kleinen, gelungenen Scherz der Figurenauflösung, die Anfang der Nullerjahre so gefunzt hat.

Keine anbiedernden Aktualitätsbezüge

Sehr angenehm ist, dass diese Inszenierung auf anbiedernde Aktualitätsbezüge fast weitgehend verzichtet. Nun gut, die kleine dramaturgische Reminiszenz an den internationalen Frauentag sei gestattet, wenn man schon die Premiere auf den Frauentag legt und die männliche Hauptrolle mit einer Frau besetzt – glänzend, großartig, existenzialistisch Hannah Ehrlichmann (30). Der Kern dieser Inszenierung liegt in dem Ansatz begründet, dass Gott wohl eher einen schlechten Tag hatte, als er den Menschen kreierte. Affen, Bären, Löwen alles gut. Aber der Mensch? Da muss irgendwas schief gelaufen sein. Fehler im System. Und so gibt Woyzeck als ewig Suchender im Hamsterrad irgendwann die Fragestellung auf: Können wir nicht einfach noch mal von vorn beginnen? „Was gafft ihr denn so? Was geht’s euch an?“ schreit er ins Publikum und hier wird die Inszenierung zum Spiel im Spiel. Nein Woyzeck, auch wenn du es dir noch so sehr oder hundertmal schreiend, greinend, flehend, heulend, bibbernd, wispernd wünscht: Wir können nicht noch mal anfangen. Die Tat ist getan und es lag auch nicht nur an den Erbsen, den Manchettenknöpfen, dem schicken Federbusch des Tambourmajors. Es lag und liegt an dir und in dir.

Es gibt keine Resettaste im Leben

Als Marie schon tot war, als das Messer ihr ein rotes Halsband gemalt hat, lässt sich halt nicht mehr die Resettaste drücken. Und dann mögen andere die Frage stellen, ob das Böse in ihm, also Franz Woyzeck selbst liegt, oder ob die Umstände ihn zum Mörder gemacht haben. Also der nervende – in Schwerin angebundene – Hauptmann (Özgür Platte), der ihn für ein paar Groschen immer wieder für Beschäftigung ordert, oder im kalten Doktor (Janis Kuhnt), der ihn immer wieder für Forschungszwecke die Erbsen essen lässt, oder in der untreuen Marie (Antje Trautmann) die ihn zwar liebt, sich aber dem schnieke Tambourmajor (HMT-Student Markus Paul) hingibt, oder im nervigen Bub (Vincent Heppner) oder sogar im Freund Andres (Christoph Götz), der ihn letztlich mit seinen immer wiederkehrenden Schnapssaufen-Ratschlägen auch hängen lässt. Die Hölle sind immer die anderen (Sartre), lieber Woyzeck. Und sie ist in dir (Böhse Onkelz). Das spiegelt diese Inszenierung sehr schön in der Figur des Narren (Robert Höller), der über die Pullover-Doppelung als Woyzeck-Alter-Ego auftritt.

Geschrieben 1837. Büchner bezog sich auf Gerichtsakten aus Stralsund, die den Mord eines Soldaten an einer Marie berichteten, der sein Mordmesser im Knieperteich versenkt hat. Aktuell und sehr lebendig 2019 in Schwerin am Pfaffenteich.

Aufführungen

Das FragmentWoyzeck“ nach Georg Büchner in der Inszenierung von Alice Buddeberg wird im Schweriner E-Werk (Am Spieltordamm 1) aufgeführt am 11. und 13. März um 10 Uhr. Die Vorstellung am 13. März ist ausverkauft. Weitere Aufführungen: 22. und 28. März 19.30 Uhr, 29. März 10 Uhr, 03. April 10.30 Uhr, 05. April 10 Uhr, 19. April 18 Uhr.

Michael Meyer

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