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Nachrichten Kultur Würden Sie gern in den Zwanzigern leben, Liv Lisa Fries?
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07:35 01.10.2018
Aus “Schimanskis“ Schatten ins internationale Scheinwerferlicht: Liv Lisa Fries in ihrer Rolle als Charlotte Ritter in “Babylon Berlin“. Quelle: ARD Degeto

Liv Lisa Fries, Sie werden für Ihre Rolle der Charlotte Ritter in der Serie “Babylon Berlin“ mit Lob überschüttet. Lassen Sie uns über Charlotte sprechen. Könnten Sie im echten Leben mit ihr befreundet sein?

Unbedingt! Sie hat so eine authentische und ehrliche Art, das finde ich toll. Sie ist ungekünstelt. Ich habe das Gefühl, sie würde mir jederzeit sagen, was sie denkt. Diese beiden grundsätzlichen Eigenschaften wären mir in einer echten Freundschaft sehr wichtig: Ehrlichkeit und Authentizität. Und die hat sie.

War Ihnen diese Zeit vertraut? Weimar, Jazz, Feierwahn, Rausch, Tanz, Drogen, gleichzeitig dieses unterschwellig Aggressive – wie haben Sie in die Zwanzigerjahre gefunden?

Ich habe viel gelesen, da waren vor allem zwei Romane für mich wichtig: “Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun und “Alles ist Jazz“ von Lili Grün. Und dann war ich in der großartigen Ausstellung “Tanz auf dem Vulkan“ im Ephraimpalais hier in Berlin über das Lebensgefühl der Zwanziger. Die war sensationell. Und natürlich habe ich Filme aus der Zeit geschaut, die vielleicht auch Charlotte hätte sehen können: “Menschen am Sonntag“ von 1929 zum Beispiel oder “Die Büchse der Pandora“ mit Louise Brooks, “Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich.

Lili Grüns Geschichte ist faszinierend: 1904 als Jüdin in Wien geboren, Kabarettistin, Autorin, sie hat mit Hanns Eisler gearbeitet, mit Ernst Busch, war Mitglied der “Brücke“, bis sie 1942 von den Nazis ermordet wurde. Ich wünsche mir, dass ihr Leben verfilmt wird – mit Ihnen in der Titelrolle. Könnten Sie das bitte veranlassen?

(lacht) Ja! Aus den Zwanzigern gibt es viele Dinge, die wahnsinnig verfilmenswert wären. Es gab da mal den Plan, das Leben von Anita Berber zu verfilmen, der Berliner Tänzerin und Schauspielerin, die 1928 mit 29 Jahren starb, nach einem sehr freizügigen, wilden Leben. Hat leider noch nicht geklappt.

Sind Sie bei der Arbeit streng mit sich selbst? Verlangen Sie viel von sich?

Schon. Aber ich empfinde das nicht als streng, sondern als angemessen. Weil ich immer denke: Das gucken sehr viele Menschen, die opfern dafür alle viel Lebenszeit. Und ich finde, da habe ich eine große Verantwortung, so authentisch und ehrlich wie möglich zu sein.

Liv Lisa Fries’ Karriere begann 2006 mit Götz George in “Schimanski: Tod in der Siedlung“. Quelle: dpa

Sie erzählten mal, dass Natalie Portman in “Léon – Der Profi“ zu sehen ein Schlüsselerlebnis für Sie war. Wissen Sie noch, was Sie da fasziniert hat?

Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt und habe den Film zu Hause gesehen mit meinem Vater. Ich fand diese Beziehung zwischen Jean Reno und Natalie Portman so wunderbar, diese besondere Form von Liebe oder starker Zuneigung – die Kraft und die Wärme zwischen zweien, die sich irgendwie verstehen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Reno als dieser Léon, der nie richtig schläft, und diese entzückende Natalie, die als Mathilde so jung schon solche Auftritte hinlegt. Das ist unglaublich. Das hat mich alles sehr beeindruckt.

Auch Sie hatten sehr jung schon Erfolg. 2012 bekamen Sie die Goldene Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Wenn Sie die Bilder Ihrer Dankesrede Dankesrede damals sehen – sehen Sie eine fremde Frau? Oder gibt es einen roten Faden in die Gegenwart?

Sowohl als auch. Neulich hab ich ein Foto von mir und Götz George aus dem “Schimanski“ 2007 gesehen, da dachte ich schon: Wow, du bist da ja ein kleines Ding, du! Ich war halt wirklich sehr jung. Aber ich dachte natürlich damals schon, ich sei sehr alt und total erfahren, klar (lacht).

Wenn Sie sich’s aussuchen müssen: Lieber Sprung ins kalte Wasser oder langsames Herantasten?

Mal so, mal so. Ich war dann ja auch auf einer privaten Schauspielschule und hatte fünf Jahre lang Unterricht. Ich denke schon darüber nach, was ich tue und wie ich mich entwickeln kann. Und gleichzeitig hatte ich auch immer Lust, mich gegen eine staatliche Schauspielschule zu entscheiden, weil ich spürte: Ich will diesen geschützten Rahmen nicht. Wenn ich scheitere, dann will ich öffentlich scheitern.

Das heißt, Sie ziehen nicht nur in Kriege, die Sie gewinnen können?

Nein! Im Gegenteil: Ich ziehe eher in Kriege, bei denen der Ausgang offen ist. Mich interessiert die Möglichkeit, dass ich etwas nicht verstehe. Warum sollte ich etwas in Angriff nehmen, wenn ich schon jeden Aspekt daran durchschaue? Das ist es, was mich interessiert. Manchmal durchdringe ich eine Figur fast völlig – aber dann gibt’s diesen einen Punkt, der mir ein Rätsel bleibt. Und das will ich dann knacken!

Es geht in der Serie viel um die Befreiung und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Dann war’s wieder für Jahrzehnte zappenduster in gesellschaftlicher Hinsicht. Würden Sie sich heute, 100 Jahre später, wieder ein bisschen von der Aufbruchsenergie der Zwanzigerjahre wünschen?

Ich wünsche mich auf gar keinen Fall in diese Zeit zurück. Wir sind ja heute, was die Emanzipation angeht, noch sehr viel weiter. Der Umgang von Männern mit Frauen war ja noch lange nicht fair und gleichberechtigt, das brach ja damals alles erst auf. Wenn ich mir vorstelle, man würde mir den Mund verbieten! Man darf aber natürlich nicht vergessen, dass es da zum Teil auch um Hierarchien ging, nicht nur um Mann und Frau. Das gibt’s ja heute auch noch, dass die Krankenschwester dem Oberarzt nicht ins Wort fallen wird. Natürlich waren die Anfänge der Emanzipation damals sehr wichtig und großartig, aber es gibt keinen Grund, sich diese Verhältnisse zurückzuwünschen.

Die Schauspieler Volker Bruch (Gereon Rath) und Liv Lisa Fries (Charlotte) bei einem Pressetermin zu "Babylon Berlin". Die Serie basiert auf der Bestseller-Reihe von Volker Kutscher um Kommissar Gereon Rath im Berlin der 1920er Jahre. Quelle: Jens Kalaene/dpa

Ist es denn heute leichter oder schwerer als damals, nicht das zu tun, was die Mehrheit von einem erwartet?

Das ist eine sehr komplexe Frage, individuell wie gesellschaftlich. Generell sollte es immer möglich sein, der zu sein, der man ist, oder seinem Lebensplan zu folgen. Und das ist heute dann doch grundsätzlich leichter als vor 100 Jahren.

Verändert denn die wachsende Bekanntheit etwas in Ihrem Leben?

Ja. Das fühlt sich zwar nicht an wie “über Nacht berühmt“ oder so. Ich empfinde es auf dem Weg, den ich gehe, durchaus als organisch. Aber man muss schon darauf achten, dass man nicht zum Objekt wird, sondern handelnde Person bleibt. Ich finde, ich habe trotzdem immer noch die Freiheit, zu sagen: Nee, ich möchte jetzt bitte kein Foto machen.

Sie wollen Subjekt bleiben, nicht Objekt werden.

Genau. Ich möchte mir meine Subjekthaftigkeit bewahren. Gibt’s das Wort? (lacht)

Spätestens jetzt. Was sind denn Ihre nächsten Projekte?

Zuletzt habe ich den Kinofilm “Prélude“ gedreht mit Louis Hofmann, der hoffentlich bald rauskommt. Ich spiele in der US-Serie “Counterpart“ mit J. K. Simmons mit, die in Amerika auf dem Sender Starz läuft. Und ab Oktober drehen wir bis Frühjahr 2019 die dritte Staffel von “Babylon Berlin“. Dann ist wieder Zeit für etwas anderes. Und damit meine ich nicht nur Arbeit. Ich habe eine Zeit lang sehr viel gedreht. Das war irgendwann auch mal zu viel.

Woran haben Sie das gemerkt?

Ich war einfach erschöpft. Ich habe ja viele Figuren gespielt, die emotional sehr fordernd waren. Eine Mörderin, eine Mukoviszidose-Kranke, eine Überlebende eines Amoklaufs. Ich habe keine Lust, mich zu wiederholen, das spiegelt sich auch in meiner Rollenwahl wieder. Aber Arbeit ist eben nicht alles. Reisen, Kultur, Sport, Freunde, Familie – das ist mindestens genauso wichtig. Ich brauche Pausen – auch wenn ich meine Arbeit gar nicht so sehr als Beruf empfinde. Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was mich mehr erfüllen könnte als die Schauspielerei. Und dann verdiene ich auch noch Geld damit. Es ist schon ein idealer Zustand für mich. Aber man muss auf sich achten.

Liv Lisa Fries beim Grimme Preis 2018. Quelle: Unger/dpa

Zur Person: Liv Lisa Fries

Sie mag das nicht mehr hören, das mit der “jungen Nachwuchshoffnung“. 27 Jahre alt ist Liv Lisa Fries jetzt, Kind Berliner Eltern, eine jüngere Schwester. Sie gehört zu den gefragtesten Schauspielerinnen in Deutschland, hat die Lehrjahre längst hinter sich.

Seit Teenagerzeiten steht die Berlinerin vor der Kamera. Schon drei Jahre vor dem Abitur spielt sie 2006 an der Seite von Götz George in “Schimanski: Tod in der Siedlung“ eine sozial verwahrloste, abgezockte Minderjährige, danach ist sie mit Jürgen Vogel in “Die Welle“ und „Bis aufs Blut“ zu sehen.

Wie das alles kam? Ein Freund hatte ihr in der Schule einen Zettel überreicht – Tag der offenen Tür an einer Berliner Schauspielschule. Dort begegnete sie dem Geschäftsführer einer Kinder- und Jugendagentur. Und so kam das ins Rollen mit den Rollen.

Der große Durchbruch erfolgt 2010 mit ihrer Hauptrolle als gewalttätige, mordende Jugendliche im ARD-Drama “Sie hat es verdient“. Der Branchenneuling aus einer Wohngemeinschaft in Berlin-Pankow wird 2011 mit dem Günter-Strack-Fernsehpreis ausgezeichnet. 2012 erhält Fries bei der Verleihung der Goldenen Kamera die Lilli-Palmer-&-Curd-Jürgens-Gedächtniskamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Ihre spontane, tränenreiche Dankesrede rührt die Branche – wohl auch, weil sie im Widerspruch steht zu ihrer Darstellung tougher, vom Leben gebeutelter Frauen.

“Die Extremistin“, nennt sie die “tageszeitung“ (“taz“) in einem Porträt. Ja, sie tauche schon tief ein in ihre Figuren, räumt sie ein. Aber: “Ich hinterfrage beim Drehen permanent: Warum muss das jetzt so sein? Könnte sie das nicht auch anders machen? Ich mag keine Vorhersehbarkeit. Ich will im Grunde nicht wissen, wie die Szene ausgeht, bevor sie entsteht.“

Es steckt trotzdem Ruhe dahinter. Fries vertraut inzwischen ihren eigenen Fähigkeiten. “Ich war dann ja auch auf einer privaten Schauspielschule und hatte fünf Jahre lang Unterricht. Ich habe unter anderem bei Anna Maria Mühe gelernt und bei Kristiane Kupfer, die an der Ernst-Busch-Schule war.“ Niemand soll denken, dass ihr der Erfolg in den Schoß gefallen ist.

Mit der Rolle der jungen Bürohelferin Charlotte Ritter in “Babylon Berlin“, die anno 1929 unbedingt Kommissarin bei der Berliner Polizei werden und Verbrecher jagen will, stehen Fries nun auch international die Türen offen. Tom Tykwer, einer der drei Regisseure der Serie, hat größtes Lob für sie: “Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter ist ein offenes Herz, scheinbar ein offenes Buch“, sagt Tykwer. “Und dann hat sie doch mehr Geheimnisse, als man denkt.“

Die Serie “Babylon Berlin“ ist ein gewaltiger globaler Erfolg – sie wurde in 90 Länder verkauft, in den USA ist sie bei Netflix zu sehen. Mit 38 Millionen Euro Kosten ist sie die bislang teuerste deutsche Serie. Es sind solche Produktionen, die Schauspieler in eine neue Liga katapultieren.

Liv Lisa Fries ist sich der anderen Umlaufbahn bewusst, in die sie Tykwer und sein Team befördert haben. Der nächste Schritt ist bereits getan. Sie spielt in “Counterpart“ mit, einer amerikanischen Science-Fiction-Serie, die von einem Tor zu einem anderen Universum handelt.

In der zweiten Staffel von “Babylon Berlin“ gibt es eine Textpassage, die mit aus Fries’ Feder stammt. Es ist ein Dialog über Charlotte Ritters soziale Herkunft. Dieser Dialog ist inspiriert von dem Lili-Grün-Roman “Alles ist Jazz“, den sie zur Vorbereitung las. “Ich fand es faszinierend, wie sehr sich Lili Grün selbst reflektiert und dann aber auch fähig ist, diese Gedanken wieder ins Unbewusste wegzuwischen“, sagt Fries. Es ist, als spreche sie ein wenig über sich selbst.

Von Imre Grimm

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