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Kultur „Bilder sind eine Entdeckungsreise ins eigene Innere“
Nachrichten Kultur „Bilder sind eine Entdeckungsreise ins eigene Innere“
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16:35 11.01.2019
Kunstmäzen Christoph Müller (80) in seiner Sassnitzer Wohnung umgeben von seinen geliebten Gemälden. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Sassnitz/Neubrandenburg

Das Klischee des geizigen Schwaben – auf Christoph Müller will es so gar nicht passen. Ganz im Gegenteil: Der 80-jährige Verleger, Kunstsammler und Mäzen dürfte in Mecklenburg-Vorpommern vor allem für seine Großzügigkeit bekannt sein. Schließlich schenkte er seine umfangreiche Sammlung niederländischer Malerei 2013 dem Staatlichen Museum Schwerin und überließ dem Haus mit seinen 155 flämischen und holländischen Gemälden aus dem 16. bis 18. Jahrhundert die wohl größte Schenkung von Altmeistergemälden, die ein deutsches Museum nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten hat – geschätzter Wert 30 Millionen Euro. Und, weil ihn die Sammelleidenschaft einfach nicht losließ, durfte sich das Land Mecklenburg-Vorpommern 2016 erneut freuen: 375 Arbeiten dänischer Kunst aus dem 19. und 20. Jahrhundert gingen in dessen Besitz über. Unter dem Titel „Die Dänen! Schenkung Christoph Müller“ lockten die Werke von März bis August 2018 rund 19000 Besucher ins Pommersche Landesmuseum nach Greifswald, wo sie sich seitdem als Dauerleihgabe befinden. Am kommenden Montag darf sich nun auch Müller freuen: Für seine Verdienste in der Kunst- und Kulturlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern bekommt er den Verdienstorden des Landes.

„Luxus ist mir nicht wichtig“

Auf dem Tisch eine Tucholsky-Biografie, an den Wänden seine geliebten Gemälde, vor dem ausladenden Balkon im Stil der Bäderarchitektur die aufgewühlte Ostsee: Vor zwei Jahren hat sich der ehemalige Verleger und Chefredakteur des Schwäbischen Tagblattes neben Berlin einen Wohnsitz in Sassnitz auf Rügen eingerichtet. Dort schaut er aufs Meer, dort verbringt er seine Sommer. Hell und gemütlich ist seine Dreizimmerwohnung mit zwei Bädern. Sie zeigt aber auch, trotz seiner Finanziellen Mittel ist Müller bescheiden geblieben. Luxus sei ihm nicht wichtig, sagt er. „Meine Kleidung kaufe ich fast ausschließlich bei einer günstigen Mode-Kette“, verrät er. „Mein ganzes Geld gebe ich für die Kunst aus.“

Verdienstorden des Landes MV

Der Verdienstorden des Landes Mecklenburg-Vorpommern ist der höchste Verdienstorden, den das Land vergibt. Er wurde am 1. Juni 2002 erstmals „als Anerkennung für besondere Verdienste um das Land Mecklenburg-Vorpommern und seine Bevölkerung“ vergeben.

Verliehen wird er am kommenden Montag beim Neujahrsempfang von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Neubrandenburg . Erwartet werden rund 500 Gäste aus Politik, Wirtschaft sowie Repräsentanten von Kommunen, Verbänden und Vereinigungen aus Kultur, Ehrenamt und Sport.

Ausgezeichnet werden insgesamt drei Personen: Christoph Müller aus Sassnitz (Landkreis Mecklenburg-Vorpommern) für seine besonderen Verdienste um die Kunst- und Kulturlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern, Gudrun Riedel aus Strasburg (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) für ihren außergewöhnlichen Einsatz für Frauen, Kinder, sozial schwache Menschen und Flüchtlinge sowie Helga Bomplitz aus Dabel (Landkreis Nordwestmecklenburg) für ihr außerordentliches Engagement für Senioren.

Das zeigt sich auch in Müllers lichter Dachgeschosswohnung, wo sich Werke deutscher Maler des 19. Jahrhunderts, wie Andreas Achenbach und Walter Leistikow, DDR-Kunst und einige moderne Arbeiten aneinanderreihen. Dazu kommen sein Berliner Depot und seine Berliner Wohnung, wo er seit seiner Dänen-Schenkung bereits 170 weitere dänische Meister angesammelt hat. Gern steht er in Sassnitz vor seinem aktuellen Lieblingsbild von Eugen Bracht, dessen prachtvolle Grüntöne ihn derart begeisterten, dass er es im Herbst bei dem Berliner Auktionshaus Grisebach erstand. „Es ist noch nicht so abgeguckt, wie die anderen Bilder, die mich Jahrzehnte begleiten“, sagt er. „Hier kann ich noch täglich neue Entdeckungen machen.“   

Leidenschaft für Kunst und Kultur wurde Müller in die Wiege gelegt

Seine Leidenschaft für Kunst und Kultur wurde Müller quasi in die Wiege gelegt. 1938 wird er in Stuttgart geboren und wächst in Tübingen auf. Sein Vater, Ernst Müller, ist damals Mitherausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung „Schwäbisches Tagblatt“. „Er war auch Theaterkritiker, hat Bücher geschrieben und stand mit Künstlern wie Friedrich Wilhelm Baumeister und Oskar Schlemmer in Kontakt“, erinnert sich Müller. Schon als Jugendlicher bestaunt Christoph Müller die Bilder von Fernand Léger in der heimischen Wohnung und verbringt viel Zeit im Museum. „Einmal im Monat ging es von der Schule aus zur Bildbetrachtung in die Stuttgarter Staatsgalerie. Ich war oft heimlich einen Tag vorher dort, um mir die Bilder anzuschauen, und habe dann im Unterricht darüber referiert“, verrät er. Das Resultat: „Meine Mitschüler haben sich gefreut und ich bekam gute Noten, obwohl ich weder Malen noch Zeichnen konnte“, erinnert er sich und lacht. „Damit fing es eigentlich an.“

Als 17-jähriger schreibt er seine erste Theaterkritik – bis heute ist er im Feuilleton der Südwestpresse als Kritiker für Schauspiel, Ballett und Oper im Einsatz – und absolviert ein Volontariat beim Berliner Tagespiegel in West-Berlin. Dort wird er zunächst Lokalredakteur, bevor er 1969 in Tübingen die Nachfolge seines Vaters als Chefredakteur und Miteigentümers des Schwäbischen Tagblatts antritt. 2004 verkauft er seine Anteile an der Zeitung und zieht nach Berlin.

30 000 Euro für das erste Gemälde

Noch gut erinnert sich der Schwabe daran, wie er mit Anfang 30 auf einer Kunstmesse in München für 30 000 Deutsche Mark sein erstes Gemälde kaufte – für ihn der Einstieg in seine Sammelleidenschaft. Bestärkt und unterstützt wurde er dabei von seinem damaligen Lebenspartner, dem Bühnen- und Kostümbildner Axel Manthey (1945-1995). „Axel hat mir das künstlerische Sehen beigebracht“, sagt Müller. „Nach seinem Tod war das für mich wie ein Vermächtnis.“

Besonders angetan haben es Müller von Anfang an die alten niederländischen Meister, vorwiegend aus dem 17. Jahrhundert, die er auf Auktionen wie Sotheby's und Christie’s kaufte und 2016 an das Staatliche Museum Schwerin übergab. „Die Sammlung der niederländischen Künstler habe ich dort schon zu DDR-Zeiten oft besucht und geliebt. Sie war das Vorbild für meine eigene Sammlung“, sagt Müller. Danach wollte er eine neue Richtung einschlagen und wandte sich den Dänen zu. „Die waren bis dato auf dem deutschen Kunstmarkt gar nicht vertreten“, erklärt er.

Heute überträgt der lebhafte Mann mit den wachen Augen, der sich so schnell nicht mehr bremsen lässt, wenn er einmal ins Erzählen gerät, seine Begeisterung bei Führungen auf die Museumsbesucher in Schwerin und Greifswald. „Bilder sind immer auch eine Entdeckungsreise ins eigene Innere“, sagt Müller. „Die Besucher kommen oft anders aus der Ausstellung heraus, als sie hineingegangen sind.“

„Ich wollte dort sein, wo meine Bilder sind“

In Vorpommern hat er sich ganz bewusst niedergelassen. „Ich wollte dort sein, wo meine Bilder sind“, sagt er. Seit 14 Jahren sei er nicht mehr in Tübingen gewesen. Trotzdem soll er nun mit der Uhland-Plakette der Stadt Tübingen ausgezeichnet werden. Kürzlich hat Müller erfahren, dass es neben dem Landesverdienstpreis MV, den er am kommenden Montag in Neubrandenburg erhält, 2019 eine dritte Auszeichnung für ihn geben wird: Die Maecenas-Ehrung, die vom Arbeitskreis selbstständiger Kultur-Institute seit 1989 verliehen wird. „Ich freue mich natürlich sehr und bin auch ein wenig stolz“, sagt Müller bescheiden. Dennoch: Sein Lebensziel hat er schon vorher erreicht. „Ich hatte immer nur drei Wünsche: am Meer zu leben und einen Schaukelstuhl und einen Kamin zu besitzen. Diese drei Wünsche habe ich mir erfüllt.“

Stefanie Büssing

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